Mehr Autos sind auf den Straßen Japans unterwegs, das bedeutet auch mehr Verantwortungsbewusstsein für ein sicheres Umgehen.
Foto: Imago images/ Robert Harding

Tokio  „Wohin fahren wir?“, fragt der Herr am Steuer, sobald die Türen geschlossen sind. „Shibuya? Kenn ich!“ Die genaue Adresse müsse man aber in diesen Computer neben seinem Lenkrad eingeben. „Der erklärt uns die beste Route. Wir halten da vorne kurz an, dann machen wir das.“ Auf der innerstädtischen Schnellstraße, die vom Flughafen Tokio-Haneda ins Zentrum führt, steuert der Fahrer den Standstreifen an und lässt sich den Zielort vom Fahrgast ins Navigationssystem eingeben. „So, jetzt folgen wir einfach der gelben Linie auf dem Bildschirm!“ Los geht’s. 

Ohne dass er sein Blick während der Fahrt nach hinten wendet, füllt Iwao Kamiyamas laute Stimme den Innenraum des Wagens. „Ich höre nicht mehr so gut!“, hört man auf der Rückbank deutlich. „Ich bin schon 90!“ Damit sei er zwar der älteste Fahrer der Taxiflotte, für die er arbeitet. „Aber die meisten bei uns sind schon über 70.“ Grund zur Sorge sei das allerdings keiner. „Die Reaktionszeiten werden nur ein bisschen langsamer im Alter.

Verlernt man das Autofahren?

Vorsichtig fahren muss ja aber jeder, auch junge Menschen.“ Autofahren verlerne man schließlich nicht. Oder doch? In Japan wird diese Lebensweisheit zusehends hinterfragt. Der beispiellose demografische Wandel im Land, angetrieben durch geringe Geburtenraten und eine steigende Lebenserwartung, hat den Bevölkerungsanteil der Menschen über 75 auf 14 Prozent hochgetrieben.

Bis 2050 werden diese älteren Senioren voraussichtlich ein Viertel ausmachen. Für den Straßenverkehr ist das relevant, weil alte Menschen besonders häufig in Unfälle verwickelt sind. Generell gilt die Tendenz: Je älter die Person am Steuer ist, desto gefährlicher wird sie für die Umwelt. Statistiken zeigen das. Zwar waren Japans Straßen letztes Jahr insgesamt, gemessen an tödlichen Verkehrsunfällen, so sicher wie seit 1948 nicht mehr, als noch wesentlich weniger Autos fuhren. Aber die Zahl der Todesfälle, in die Fahrer im Alter von mindestens 75 Jahren involviert waren, erreichte mit 460 einen Rekordwert.

Ältere verursachen immer mehr Verkehrsunfälle in Japan

An 15 Prozent aller tödlichen Verkehrsunfälle waren ältere Senioren beteiligt. Besonders häufig verwechseln sie das Brems- mit dem Gaspedal. Vor allem in unerwarteten Situationen, die schnelles Handeln erfordern, wird dies zur Gefahr. Iwao Kamiyama hat noch nie einen Unfall verursacht. Sagt er. Auf der Fahrt quer durch Tokio, vom Flughafen Haneda im Süden ins dicht bebaute Shibuya im Westen, fährt er mit bedachtem Tempo über eine Schnellstraßenbrücke, biegt dann ab und hält wieder am Rand.

Unser Taxifahrer: Iwao Kamiyamas, 90, hört schwer und reagiert verlangsamt.
Foto: Felix Lill

„Fahren wir noch richtig?“, fragt er scheinbar nur sich selbst. „Ach, wir sind ja noch auf der gelben Linie. Gut.“ Beim Ausscheren lenkt Kamiyama mit einer abrupten Bewegung auf die Straße, als ein anderer Wagen von hinten vorbeirauscht. Das Hupen, eine seltene Geste auf Japans Straßen, quittiert Kamiyama mit Empörung: „Die Leute fahren heutzutage wie die Verrückten!“ In den letzten Jahren hat Japans Regierung verpflichtende Tests für 70-jährige eingeführt, auch wenn dabei keine Fahrprüfungen stattfinden, sondern nur kognitive Tests.

Wer aber mit Demenz diagnostiziert wird, dem kann der Führerschein auch abgenommen werden. Derzeit überlegen die Politiker, für Fahrer ab 75 nur noch Autos mit automatischen Bremsen und weiteren Sicherheitssystemen zuzulassen. Auch sollen öffentliche Fahrdienste ausgebaut sowie in Zukunft völlig autonome Autos speziell auf Senioren eingestellt werden. Die Ämter bitten ältere Bürger ausdrücklich, ihre Führerscheine freiwillig abzugeben.

Rückgabe des Führerscheins mit zunehmendem Alter

Angesichts so umfassender Überlegungen nimmt Japan, der globale Pionier demografischer Alterung, auch im Umgang mit den Altersproblemen auf den Straßen eine Führungsrolle ein. Die meisten europäischen Länder konzentrieren sich bisher auf periodische Gesundheitschecks ab etwa 70 Jahren, die mit zunehmendem Alter häufiger werden. Deutschland, Großbritannien und Dänemark verlassen sich bei der Rückgabe des Führerscheins vor allem auf die Vernunft der Autofahrer.

In Italien und Spanien dagegen muss der Führerschein inklusive Prüfungen regelmäßig erneuert werden. Behörden in der Schweiz prüfen den Gesundheitszustand von Fahrern ab 70 alle zwei Jahre, inklusive Seh- und Hörvermögen. Seit 1. Juli dieses Jahres können Ämter den Führerschein, falls der Proband keine genügenden Werte erzielt, statt einem kompletten Entzug die Fahrerlaubnis auch für Schnellstraßen und dergleichen einschränken.

Risikogruppen wie älteren Senioren offiziell und pauschal die Rückgabe der Fahrerlaubnis nahezulegen – dazu ringen sich europäische Behörden kaum durch. Einer in Japan, bei dem so eine Empfehlung gewirkt hat, ist Jiro Yamamoto. An einem Vormittag wartet der drahtige 77-jährige im Bezirksrathaus von Shibuya, wo er seinen Führerschein aktualisieren lässt. „Ich nutze ihn weiterhin als Personalausweis“, erklärt er und holt die Plastikkarte aus dem Portemonnaie, um sie gleich am Schalter vorzuzeigen.

Gutes Gefühl: Jiro Yamamoto, 77, fährt nicht mehr und ist stolz darauf.
Foto: Felix Lill

„Es ist ein gutes Gefühl, vernünftig zu sein.“

„Fahren werde ich damit nicht mehr.“ Mit Stolz im Gesicht dreht er die Karte um und zeigt auf ein Feld, in dem der Begriff „ungültig“ prangt. „Es ist ein gutes Gefühl, vernünftig zu sein.“ Einen Unfall habe Yamamoto, der körperlich noch fit ist und regelmäßig Sport treibt, zwar nie verursacht. „Den kognitiven Test habe ich vor ein paar Jahren auch noch bestanden. Aber man weiß ja nie“, erklärt er seine Entscheidung, „wann man abbauen wird.“

Wenn man an sich selbst bemerkt, dass die Reaktionszeiten länger werden, ist es vielleicht schon zu spät.“ Ohne Führerschein, sagt Yamamoto, fehle ihm ohnehin überraschend wenig. „In den letzten Jahren bin ich nicht mehr viel gefahren. Zum Einkaufen und für Termine kann ich den Bus nehmen oder notfalls ein Taxi.“ Mit seiner Vorsicht ist Jiro Yamamoto auch längst kein Einzelfall mehr. Im letzten Jahr gaben landesweit 290.000 Senioren ihren Führerschein ab, dreimal so viele wie noch fünf Jahre zuvor.

Die Maßnahmen der Regierung zeigen also Wirkung. Aber reicht das, um das wachsende Problem in den Griff zu bekommen, zumal die absolute Zahl von Senioren von Jahr zu Jahr zunimmt? „Bei den verpflichtenden Tests im Alter sollten auch Fahrprüfungen eingeführt werden“, findet Jiro Yamamoto. „Das gäbe sogar den vorsichtigen Fahrern ein besseres Selbstvertrauen dafür, dass sie es wirklich noch können.“

Kognitiver Test schwacher Indikator für Fahrweise

Zudem waren bei der Hälfte der Unfälle, die ältere Senioren im letzten Jahr verursachten, zuvor im kognitiven Test keine Mängel festgestellt worden. Die Autofahrt mit Iwao Kamiyama endete ohne Zusammenprall, dafür mit 20-minütiger Verlängerung. Während das Navigationssystem auf dem Standstreifen hinterm Flughafen noch berechnet hatte, die 20-Kilometerfahrt würde 30 Minuten dauern, traf Kamiyamas Wagen erst nach 50 Minuten am Zielort ein.

Die Rechnung sprang von 9500 auf 11.500 Yen, auch wenn er am Ende großzügig 2000 Yen Rabatt gewährte. Kurz vorm letzten Halt sagte er zufrieden: „So, hier ist das Ende der gelben Linie. Wir müssten da sein!“ Was er offenbar nicht bemerkt hatte: Nach jedem falschen Abbiegen berechnet sein Computer die Route neu. Jedes Mal gekennzeichnet durch eine gelbe Linie.