Zeitungen des Scherl-Verlags, der zum Konzern von Alfred Hugenberg gehörte.
Foto: imago/Gerhard Leber

Berlin - Januar 1923. Die Hoffnung stirbt zuletzt, aber ihre Überlebenskunst im Haus Doorn in Holland ist dennoch beachtlich. Sie überdauert die zahllosen Bäume, die Wilhelm II. seit seiner Flucht ins niederländische Exil am 10. November 1919 nach Andacht und Frühstück Morgen für Morgen fällt und zersägt. Wilhelm II. hofft, dass das deutsche Volk ihn als Kaiser zurückholen werde. Doch bisher hat ihn kein Ruf erreicht.

Vor einigen Monaten hat Wilhelm den Deutschen seine Memoiren zu lesen gegeben, „Ereignisse und Gestalten 1878–1918“, in denen er sich von jeder Schuld am Weltkrieg freispricht. Das Buch verkauft sich glänzend, aber dennoch dringt kein Ruf nach Doorn, S.M. möge auf dem Thron wieder seinen Platz einnehmen. Vielleicht, weil Wilhelm seinen eigenen Freispruch widersprüchlich begründet.

Lesen Sie auch: Pressefreiheit: China weist drei Journalisten aus >> 

Mal hat der österreichische Außenminister Graf Berchthold den Krieg angezettelt, um gemeinsam mit dem Weltjudentum, dem Vatikan, den Wittelsbachern, den Jesuiten, den Freimaurern das protestantische Hohenzollernreich zu stürzen. Dann sollen es die Anglo-Amerikaner – beherrscht vom Judentum – gewesen sein, die den Untergang Deutschlands beschlossen hatten.

Alfred Hugenberg kontrollierte die Hälfte der deutschen Presse

Die Deutschen kaufen und lesen Wilhelms Memoiren. In den ersten Monaten werden 260.000 Exemplare verkauft. Aber die Deutschen hören nicht auf ihren früheren Kaiser. Da hilft nur ein zweiter Versuch. Seit ein paar Tagen sitzt der alldeutsche Journalist Eugen Zimmermann mit Wilhelm zusammen, ein einflussreicher Vertreter des Hugenberg-Imperiums, der den Memoiren des Hohenzollern stilistischen Schliff gegeben hat. Die beiden planen den nächsten literarischen Coup.

Alfred Hugenberg hatte 1891 den Alldeutschen Verband gegründet, an der Seite des Kolonialhelden Carl Peters. Dessen Ruf als „Hänge-Peters“ versetzt noch Jahre nach dem Verlust der deutschen Kolonien die Einwohner Afrikas in Angst und Schrecken. Das Programm des Vereins ist nationalistisch, antisemitisch, rassistisch, militaristisch, pangermanisch und expansionistisch, also profiliert.

Wahlkampfplakate für die Deutschnationale Volkspartei Hugenbergs. 
Foto: bridgemanimages

Hugenberg ist entschlossen, sich mit seinem Medien-Konzern entsprechend Gehör zu verschaffen. Vor ein paar Jahren hat er den nationalkonservativen Scherl-Verlag gekauft und die zweitgrößte deutsche Nachrichtenagentur. Entstanden ist ein Medienkonglomerat aus Verlagen, Nachrichtendiensten, Werbeagenturen, Korrespondenzdiensten, Filmgesellschaften (1927 kommt die Filmgesellschaft UFA hinzu) und zahlreichen Zeitungsbeteiligungen. Mit ihm kontrolliert Hugenberg, Mitbegründer und Reichstagsabgeordneter der Deutschnationalen Volkspartei (DNVP), die Hälfte der deutschen Presse.

Hugenbergs Geschäftsidee ist ein besonders attraktives Angebot des Konzerns an die Provinzpresse: Er liefert Leitartikel, politische Kommentare, Nachrichten und Sportberichte druckfertig in Pappstreifen gepresst, die in den Provinzdruckereien nur noch mithilfe der gewöhnlichen Metallgießmaschinen zu den fertigen Druckplatten verarbeitet werden müssen. Dieser sogenannte Materndienst erspart den Verlagen hohe Kosten und den verbliebenen Redakteuren der Provinzpresse eine eigene Meinung.

Gegner der Demokratie 

Die Wirtschaftskrise und die Hyper-Inflation treiben die Zeitungen in Scharen dazu, das Hugenberg-Angebot anzunehmen. Der Service des Hugenberg-Konzerns ist konkurrenzlos billig, 350 Zeitungen in der gesamten Republik werden beliefert, im Verlaufe der 20er-Jahre mehr als 1 600 Zeitungen kontrolliert. Unter den 500 Festangestellten des Konzerns und 90 Redakteuren ragt der rechtsradikale Major a.D. Adolf Stein heraus.

Lesen Sie auch: Medien und Vertrauen: Wir müssen anders werden, radikal anders >> 

Als Hauptschriftleiter und damit Chef des konzerneigenen Deutschen Pressedienstes steuert er die von Hugenberg gewünschten Verleumdungskampagnen gegen die Republik und deren Präsidenten Friedrich Ebert. Als Redakteur betreibt er Rufmord aber auch von eigener Hand. Woche für Woche veröffentlicht er als „Rumpelstilzchen“ einen „Plauderbrief unter dem Strich“ in bis zu 30 Zeitungen, humorig geschriebene Artikel aus dem Berliner Alltagsleben vom Wochenmarkt bis zum Straßenstrich, Berichte aus der Welt des Theaters, Nachrichten zur Wahl einer Schönheitskönigin, mal derb, mal pikant, aber immer mit monarchistisch pochendem Herz, immer gegen die korrupten Berliner Politiker und gegen die Meinungsdiktatur der volksfeindlichen Demokraten-, der System-, der Judenpresse.

Adolf Stein ist der Star. Er verdient doppelt so viel wie ein Chefredakteur des Hugenberg-Konzerns. Die Intellektuellen haben ihre Tucholskys, Jacobsohns, Kerrs, Ossietzkys und Polgars, sie haben das Berliner Tageblatt, den Berliner Börsen-Courier und die Frankfurter Zeitung. Aber Alfred Hugenberg hat Adolf Stein und andere Kommentatoren. Sie erreichen jeden Tag Millionen Leser von Glücksburg bis Sonthofen. Tucholsky bedenkt in der Weltbühne die Zukunft Deutschlands und Europas.

Alfred Hugenberg (1865–1951). 
Foto: imago/Arkivi

Stein und Co. sagen im Berliner Lokal-Anzeiger, in der Berliner Abendzeitung, in der Gartenlaube, in der Woche und zahllosen Provinzblättern, wo es langgeht. Wohin geht es? Raus aus der Demokratie, raus aus der Republik, raus mit den Juden, den Franzosen, den „Niggern“, den politischen Repräsentanten.

Die schwarze Tänzerin Josephine Baker, nicht erst seit ihrem Bananentanz als Star des „jazz hot“ international gefeiert, erinnert Stein in einem „Plauderbrief“ an einen „Mandrill mit hocherhobenem Steiß“. Beim Gedanken an den ehemaligen Kriegsgegner Frankreich fühlt sich Stein an das Tierreich erinnert – mit deutlichen Vorteilen für die Tiere: „Das Tier ist die Übergangsstufe vom Franzosen zum Menschen.“  

Hugenberg-Presse vergiftete gesellschaftliches Klima

Vom ersten bis zum letzten Tag der Republik führen Hugenbergs Blätter Krieg gegen die Republik, gefüllt mit dem Gift von Autoren wie Stein. Ihr Gift verabreichen sie den Lesern in kleinen Dosen, aber sie verabreichen es Tag für Tag. Das Gift soll den Boden bereiten für die Rückkehr der Hohenzollern. Doch es ist der perfekte Dünger für den Nationalsozialismus. Die Deutschen wenden sich nicht ihrem alten Kaiser und dem Kronprinzen zu, sondern Adolf Hitler.

Das war nicht das Ziel Hugenbergs, aber nur mit seiner Hilfe hat es Hitler erreicht. In dessen erstem Kabinett nimmt Hugenberg für einige Monate als Minister für Wirtschaft, Landwirtschaft und Ernährung Platz. Das „Rumpelstilzchen“ Adolf Stein ist in seinen Plauderbriefen der Monarchie schon zuvor von der Fahne gegangen: „Ich wähle Adolf Hitler!“ Hugenberg und seine „Journalisten“ haben die Weimarer Demokratie nicht verraten – sie haben sie systematisch bekämpft.

Sie waren nicht erfolgreich, weil sie besonders professionellen Journalismus betrieben. Sie profitierten auch nicht in erste Linie von den unübersehbaren Schwächen der Republik. Sie brachten die junge Demokratie von Weimar mit systematischer Desinformation und Diffamierung zu Fall. Möglich war diese Entwicklung nur durch die Kontrolle der Hälfte der deutschen Presse durch den Hugenberg-Konzern, nicht zuletzt durch den exklusiven Materndienst.

Der Dienst reduzierte die Vielstimmigkeit, eine für die Pressefreiheit entscheidende Voraussetzung, auf eine einzige Stimme, die Stimme Alfred Hugenbergs. Seine fast flächendeckende Verbreitung verstärkte die journalistische „Schlagkraft“ des Hugenberg-Konzerns in beispielloser Weise. Die Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas durch die Hugenberg-Presse hat der NS-Diktatur in Deutschland den Weg geebnet.