Berlin - Als „widerlich“ bezeichnete ein Pressesprecher der CSU die Themensetzung einer Berliner Grünen-Politikerin auf Twitter. „Ungeborene bis kurz vor der Geburt töten und Internetzugang sind die wichtigen Themen. Könnte kotzen!“, schreibt er weiter. Laura Sophie Dornheim von den Lichtenberger Grünen will den Paragrafen 218 im Strafgesetzbuch abschaffen, der Schwangerschaftsabbruch unter bestimmten Bedingungen unter Strafe stellt.

Nett ist die Formulierung des Pressesprechers Michael Kruse nicht. Muss sie auch nicht sein. Erst recht verlangt Twitter nicht nach Harmonie. Doch wie salopp kann sich eine Person in solch exponierter Position privat im öffentlichen Netz äußern, ohne mit dem Arbeitgeber in Verbindung gebracht zu werden? Mit dem Arbeitgeber, der just an jenem Tag „Verrohung im Netz“ als Thema des Tages auf seiner Webseite behandelte?

Der Grat zwischen angriffslustig und niveaulos ist schmal. Doch der Sprecher kommt aus der Presse, arbeitet in der Presse und weiß um die Tragweite seiner 148 Zeichen, insbesondere bei einem solch hochemotionalen Thema. Die Kommentare darunter, in üblicher bodenloser Beleidigungsmanier, gehen nicht nur gegen ihn selbst, sondern auch gegen die CSU. Von daher ist die Aussage der Pressestelle, dass es sich um eine „private Meinung“ handelt, zwar korrekt, doch die Verbindung zur CSU ist unabweisbar.

Dass sich die Fraktion hinter ihren jungen Kollegen stellt, verwundert nicht. In Zeiten von Cancel Culture - dem systematischen Boykott, teilweise der sozialen Vernichtung von Personen aufgrund von Äußerungen - ist es wichtig, dass private Meinungen, die der freiheitlich demokratischen Grundordnung unterliegen, keinen Einfluss auf die berufliche Tätigkeit haben. Nichtsdestotrotz sollte sich jeder dessen bewusst sein, dass ins Netz posaunte Äußerungen nicht privat sind, wenn man in seiner beruflichen Funktion auftritt. Ordinäre Wortwahl trägt zur Niveaulosigkeit bei, die ein direkter Wegbereiter für die Verrohung im Netz ist.