Demonstrant mit Maske
Foto: Christoph Soeder/dpa

BerlinMal ehrlich: Wie oft hat Sie in den vergangenen Monaten das unbehagliche Gefühl beschlichen, trotz aller Abstandswahrung in Gesellschaft den anderen doch ein wenig zu nahe gekommen zu sein? Im öffentlichen Nahverkehr, im Restaurant, am Arbeitsplatz. Jeder Einzelne musste lernen, seine Alltagsgewohnheiten an eine diffuse Gefahrenlage der Pandemie anzupassen. Aber doch nicht so vollständig, dass man nicht gelegentlich Grenzen überschreitet, und Gebote verletzt oder sich zumindest zurücksehnt in eine Zeit, in der die Begegnung mit anderen nicht von Alarmsignalen und plötzlichen Panikattacken begleitet waren.

Es gibt einen inneren Widerstand gegen die zwanghafte Ausrichtung auf eine immer noch sehr abstrakte Gefahr, zu der längst auch die massiven Eingriffe in das öffentliche Leben gehören. Eine Rückkehr zur Normalität der Zeit vor Corona wird es nicht geben, aber der Protest und das Aufbegehren gegen eine staatliche Überregulierung ist durchaus nachvollziehbar. In der sich permanent verändernden Bewertung dessen, was im Umgang mit Infektionsgefahren als vernünftig gilt, sollten Unmutsgefühle nicht unterschlagen werden. Wenn sie als gesellschaftliche Reaktion auf die Straße drängen, ist das zunächst nicht zu ignorieren und durchaus nachvollziehbar.

Schwer zu ertragen ist indes das sich immer lauter artikulierende Bedürfnis, die eigene Rücksichtslosigkeit zum sozialen Maßstab zu machen. Wer bei den an diesem Wochenende zu erwartenden Protesten das Tragen einer Maske demonstrativ verweigert, tut dies nicht nur im Namen einer unbedingt zu verteidigenden Versammlungsfreiheit, sondern behauptet zugleich auch das Recht, asozial sein zu dürfen. Die Missachtung sozialer Regeln ist aber nicht nur eine Meinung. Wo es das Leben anderer beeinträchtigt, wird es zu einem Fall für den Rechtsstaat.