BerlinIm „Star Trek“-Universum gibt es eine Figur, die aus einem Dilemma Shakespeare‘scher Art zu stammen scheint. Ihr Name ist Q und Q ist allmächtig. Auf seinen Fingerschnipp bewegen sich Planeten, ja das Universum selbst ist seine Spielwiese. Q in seiner Allmacht fordert die Menschheit heraus, die in Gestalt der Besatzung des Raumschiffs Enterprise nichts anderes hat als ihre Humanität und ihre Sterblichkeit. Q ist fasziniert davon, wie diese in seinen Augen unbedeutenden Menschen ihm gerade wegen ihrer Zerbrechlichkeit mit Ethik trotzen. Ich mag Q, denn er fördert mit Allmacht und sarkastischem Humor das Beste in den Menschen.

Doch die Realität entspricht nicht dem Ideal des „Star Trek“-Universums. In ihr existiert auch ein Q, doch er ist anonym, weswegen man ihn QAnon nennt. Und er ist weder allmächtig, noch hat er Humor. Er ist das Symbol der Unvernunft und der niederen Instinkte. Wenn trotz aller Unkenrufe Donald Trump doch die Wahl gewinnt, haben wir vier weitere Jahre mit diesem Q zu tun. Das bedeutet, vier weitere Jahre mit irren Verschwörungserzählungen.

QAnon ist wie ein Spiel, das von den Ideen der Mitspieler lebt. Ein ewiges Rätsel, entwickelt aus Andeutungen und kryptischen Abkürzungen. Die Millionen Anhänger folgen dem im Internet, als wären es Brotkrumen in einem Labyrinth aus Horrorfantasien, alten Actionfilmen und Utopien über die Macht der Technik. Jeder kann dem Rätsel ein Stück näherkommen, jeder kann mitspielen und etwas dazu erfinden. Jeder hat Fragen und sucht sich die Antworten in den Tiefen des Netzes. Und doch bleibt alles vage. Die grundsätzliche Aussage hingegen ist klar: Die Eliten sind böse, sie missbrauchen und töten Kinder. Sie stecken unter einer Decke. Sie heißen Soros und Rothschild. Sie bereiten die neue Weltordnung vor. Dagegen wehrt sich die QAnon-Gemeinde. Und ihr Held ist Donald Trump.

QAnon ist in Deutschland angekommen

Bisher konnte man sich in Deutschland auf den guten alten Antiamerikanismus verlassen. Bei Demos tauchten amerikanische Flaggen nur auf, um zerrissen oder verbrannt zu werden. Heute hingegen sieht man sie auf allen Anti-Corona-Demos. QAnon ist mit aller Wucht in Deutschland angekommen. Die deutschen Anhänger des Verschwörungs-Qs lieben dieses Spiel aus Antisemitismus und autoritären Umsturzfantasien. Dieses Geraune, die aggressiven Träume, endlich aufzuräumen, triggert eine alte Wunde. Es erinnert an den Wahn, die Juden ausrotten zu wollen, den die Vernunft und die Alliierten so jäh unterbrochen hatten.

Vier weitere Präsidentschaftsjahre von Donald Trump würden diesen Wahn noch anschwellen lassen. Das Geraune über die Juden mag ohnehin durch das Netz wabern, doch Donald Trumps Politik, seine aktive Verbreitung von Hass und Unvernunft würden es radikalisieren und zur offenen Gewalt hin beschleunigen. Überall auf der Welt.

QAnon jedenfalls, anders als der Q auf der Enterprise, fördert das Mieseste in den Menschen. Ob er auch eine Herausforderung im guten Sinne sein kann, ob in den USA Trump auch deswegen verliert und ob in Deutschland QAnon dann bitte ganz schnell in der Versenkung des Unbedeutenden verschwindet, werden wir ja sehen. Dieser Q jedenfalls ist ein Antisemit und keinesfalls allmächtig.