Nicht alles, was man in den Sozialen Netzweken liest, entspricht der Wahrheit (Symbolfoto).
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Berlin In einem geblümten Plüschsessel sitzt ein Mann mit Bart und etwas zu langen grauen Haaren. „Die Seuchenerfinder können jedes Jahr eine neue Grippewelle erfinden“, sagt er. „Es ist ein Irrsinn, was da gerade an Volksverdummung stattfindet.“ Er spricht von Panikmache, „gesponsert“ von den Pharmakonzernen; es gehe um ein Milliardengeschäft und das Coronavirus sei nichts anderes als ein „harmloser Schnupfenerreger, der im Einzelfall auch mal schwerer verlaufen“ kann.

Der Mann heißt Rolf Kron, laut seiner Website ein praktischer Arzt und Homöopath im Örtchen Kaufering, Bayern, und er ist Gast in der Sendung eingeschenkt.tv, die auf Youtube sendet. Das Gespräch mit Kron zum Thema „Corona Virus – Hat der Wahnsinn System“ haben knapp 200.000 Menschen aufgerufen.

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Kron ist nicht der einzige, der Vorstellungen von einer groß angelegten Täuschungskampagne propagiert; überall in den Sozialen Netzwerken breiten sich derzeit krude Theorien, medizinische Mythen rund um das Thema Coronavirus aus, oft gepaart mit gängigen Verschwörungslegenden von Big Pharma oder einem weltumspannenden jüdischen Komplott.

Niedersachsens Innenminister Boris Pistorius hat am Dienstag bereits ein härteres Vorgehen gegen Falschnachrichten gefordert. „Fake News zur Versorgungslage in Zeiten der Coronakrise sind brandgefährlich“, sagte er dem Spiegel.

Medizinische Pseudotipps und esoterische Theorien

Sicherheitskreise stellen derzeit zwar keinen „nennenswerten Anstieg von Falschmeldungen mit politischem Hintergrund fest“, meldet die Nachrichtenagentur dpa. Die seien aber auch nicht das Problem, sagt Bernd Harder, Buchautor und Experte für Verschwörungstheorien. Vielmehr griffen derzeit vor allem medizinische Fehlinformationen um sich.

Ein Grund, weshalb auch absurde Thesen Gehör finden, sei, dass viele Menschen bisher nur die drastischen Einschränkungen des Alltags zu spüren bekommen haben– nicht aber das Virus. „Wenn man nicht gerade im Gesundheitswesen arbeitet, ist die ganze Sache weit weg. Und wenn man solche Maßnahmen nicht versteht, dann entstehen Ängste“, sagt Harder.

Harder hat eine Reihe von Beispielen auf seinem Blog gesammelt: Es sind vor allem Naturheiler, Homöopathen und Anthroposophen, von denen zweifelhafte Berichte von angeblichen Heilmitteln ausgehen. Angepriesen werden unter anderem „wunderbare Therapiefläschchen“ zur Virenabwehr, kolloidalen Silber und Desinfektionsmittel aus Lavendel und Alkohol. „Es geht jetzt wahnsinnig viel durcheinander“, sagt Harder, „medizinische Pseudotipps, esoterische Verschwörungstheorien, Geschäftemacherei und Rechtsextreme, die es versuchen zu instrumentalisieren.“

Isolation und Desinformation

Die blühende Vielfalt der Theorien hat viel mit der derzeitigen Situation zu tun: Weil die Menschen gehalten sind, möglichst ihre Wohnungen nicht zu verlassen, gewinnen Soziale Netzwerke im Internet an Bedeutung. „Wir erleben gerade die Stunde der digitalen Kommunikation, weil es ein hohes Informationsbedürfnis gibt“, sagt Johannes Hillje, Politik- und Kommunikationsberater. „Die Leute sollen soziale Distanz einhalten und müssen kommunizieren. Dafür sind soziale Medien gemacht.“

Das starke Bedürfnis von Sofortinformationen könnten die traditionellen Medien aber nicht mehr auffangen: „Wo es ein Informationsbedürfnis gibt, gibt es auch ein Desinformationsangebot. Deswegen erleben wir heute beides.“ Als „Zentrum der Desinformation“ macht Hillje aber nicht Youtube oder Facebook aus, sondern Whatsapp, weil über diesen Dienst vertraute Personen Informationen weiterleiten und zugleich viele Menschen miteinander kommunieren: „Das Problematische ist, dass man da nicht so gut reingucken kann. Das sind geschlossene Räume.“

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Einerseits machen private Nachrichten die Runde, andererseits gehen seit Beginn der Corona-Krise auch globale Verschwörungserzählungen um: In Russland wird die Schuld bei den USA gesucht, in Tunesien verbreiten Geistliche, China werde mit dem Virus für seinen Umgang mit den Uiguren bestraft; auch antisemitischen Deutungsmuster tauchen auf, etwa die Legende von der jüdischen Weltverschwörung.

„Diese Situation ist natürlich ein gefundenes Fressen für Welterklärer“, sagt Michael Utsch von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen. „Gerade in dieser Krisensituation sucht der menschliche Geist nach Erklärungen, und es gib Geistheiler, die glauben, den geheimen Plan zu kennen.“

Auch Utsch geht davon aus, dass das „Social Distancing“ die Verbreitung Desinformation befeuert: „Die soziale Gemeinschaft ist ein Korrektiv“, sagt er. „Die Plattformen im Internet dagegen bestätigen sich gegenseitig.“

Böse Pharmakonzerne, gezüchtetes Virus

Verschiedene Theorien stehen zur Auswahl, zum Teil konkurrieren widersprüchliche Muster um die Aufmerksamkeit der Internetnutzer: Die einen behaupten, das Virus gebe es nicht. Andere verbreiten, die Pharmakonzerne hätten es gezüchtet, um Impfstoffe zu verkaufen oder die Bevölkerung zu dezimieren.

Eines aber haben sie alle gemeinsam, sagt Matthias Pöhlmann, Sektenbeauftragter bei der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern: Sie richten sich gegen den Mainstream: „Die Berührungsstelle zwischen den Gruppierungen ist der anti-institutionelle Affekt, das starke Misstrauen gegenüber Wissenschaft, Politik und Medien.“

Pöhlmann sieht Anzeichen dafür, dass manche Thesen bis in die Mitte der Gesellschaft Gehör finden, etwa über die Impfgegner, mit denen die Verschwörungsideologen ihr Misstrauen gegenüber der Pharma-Industrie teilen. „Es sind einzelne Bausteine, die durchaus anschlussfähig sind im allgemeinen Krisenbewusstsein – man kann viele Berührungsflächen beobachten, bis in die Öko-Szene.“

Die großen Heilpraktiker-Verbände mahnen auf ihren Websites zwar dazu, den Vorgaben von Bund und Ländern zu folgen. Doch an vielen Stellen des Internets lässt sich beobachten, wie Scharlatane und dubiose Geschäftemacher in der Corona-Krise ihre große Chance wittern: Vitaminpräparate werden angepriesen, Arsen-Globuli, Lorbeerblätter und Weihrauch. Auf Facebook geht derzeit ein angeblich Viren abwehrende Zahlencode um, den man sich an die Wand malen soll. Und Heiler, die der sogenannten „neuen germanischen Medizin“ anhängen, bieten Trainings an, die wie mentale Schutzschilde gegen Krankheiten wirken sollen.

"Gefährlicher Schwachsinn"

„Schwarze Schafe gibt es überall auch in unserer Profession“, sagt Andreas Botzlar, zweiter Vorsitzender beim Marburger Bund und Oberarzt an der Berufsgenossenschaftlichen Unfallklinik Murnau, „aber bei Heilpraktikern ist das noch auffälliger, weil der Bereich weit gehend unreguliert ist.“ Die Thesen, die derzeit im Internet kursieren, sind für ihn „zumindest aus schulmedizinischer Sicht gefährlicher Schwachsinn; und er gefährdet nicht nur den Einzelnen, sondern die Gesellschaft.“

Vielfach zielt die Desinformation darauf ab, die offiziellen Maßnahmen zu diskreditieren und auszuhebeln. „Das muss ich mir als Bürger ebenso viel Sorge machen wie als Arzt“, sagt er, „ob die Maßnahmen jetzt die richtigen sind, das kann noch keiner sagen Aber wenn, dann hilft es nur, wenn wir uns alle gemeinsam daran halten.“