Berlin - Der 18. Geburtstag ist etwas Besonderes, viele können sich noch gut erinnern, wie sie ihn verbracht, wie sie ihre Volljährigkeit gefeiert haben. Diese bittersüße Mischung aus Euphorie und Ungewissheit – was bedeutet es wohl, endlich selbstständig zu sein, wie wird sich mein Leben entwickeln? Wie wackelig werden die eigenen Beine sein, auf denen man fortan stehen und raus in die Welt gehen soll? Für die Eltern ist dieser Tag nicht minder aufregend: Sie entlassen ihre Kinder in die Welt der Erwachsenen, müssen lernen loszulassen. 

An diesem Mittwoch wird ein Mädchen 18 Jahre alt, das all das nicht erleben kann. Dessen Eltern sich ganz andere Fragen stellen müssen. Madeleine McCann, geboren am 12. Mai 2003 im englischen Leicester, verschwunden am 3. Mai 2007 während eines Familienurlaubs im portugiesischen Praia da Luz. Knapp vier Jahre alt war Maddie, als die Eltern sie das letzte Mal sahen. Seitdem suchen Kate und Gerald McCann nach ihrer Tochter, der Vermisstenfall Maddie wurde weltweit bekannt. Und auch wenn die Braunschweiger Staatsanwaltschaft im September 2020 bestätigte, es gäbe Beweise, dass Madeleine McCann tot sei, die Eltern haben die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit ihrer Tochter nicht aufgegeben. Wie auch: Die britischen Ermittler behandeln den Fall trotz der vielen Jahre seit Maddies Verschwinden weiter als Vermisstenfall.

„Wir klammern uns an die Hoffnung, und sei sie noch so gering, dass wir Madeleine wiedersehen werden“, schrieben Kate und Gerry McCann vor wenigen Tagen auf ihrer Internetseite. Jeder Mai sei hart – eine Erinnerung an verlorene oder gestohlene Jahre ohne ihre Tochter. „Dieses Jahr ist es besonders schmerzlich, da wir Madeleines 18. Geburtstag feiern sollten. Genug gesagt.“ Die Eltern dankten den Behörden, dass sie trotz der Corona-Pandemie die Ermittlungen weiterführen. „Wie wir des Öfteren gesagt haben, müssen wir wissen, was mit unserer wunderbaren Tochter geschehen ist, egal, was es ist.“ Immer wieder betonen die Eltern, sie könnten keinen Frieden finden, bis sie wüssten, was mit Maddie geschehen sei. 

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Vermisstenanzeige in Gibraltar: Maddies Vater kündigte 2015 an, „jeden Stein umzudrehen, um nach ihr zu suchen.“

Ein Sprecher der Familie sagte 2020 in einem Interview, Gerry und Kate McCann würden „versuchen, unter unnormalen Umständen ein ganz normales Leben zu führen.“ Der Vater arbeite noch als Herzchirurg, die Mutter konzentriere sich auf ihre Rolle als Botschafterin der Vermisstenorganisation in Großbritannien. Die Hauptsorge der beiden gelte ihren anderen beiden Kindern. Die Zwillinge sind jetzt im Teenager-Alter, sie sollen so gut es geht abgeschirmt werden, so der Sprecher.

Mordermittlungen gegen einen inhaftierten deutschen Sexualstraftäter 

Seitdem das Ärztepaar an der Algarve Urlaub gemacht hatte, seit dem Abend, an dem es mit Freunden in einem Restaurant in der Ferienanlage Ocean Club gegessen hatte, die kleinen Kinder sicher in der Ferienwohnung glaubte, seitdem Kate McCann um 22 Uhr das Verschwinden ihrer Tochter bemerkt hatte – seitdem fehlt von Maddie jede Spur. Seit 14 Jahren gibt es keine Gewissheit, keine Leiche, aber eben auch kein Lebenszeichen.

Trotz großangelegter internationaler Fahndungen wurde der Fall nie aufgeklärt. Doch im vergangenen Juni trat eine überraschende Wendung ein: Die Staatsanwaltschaft Braunschweig leitete Mordermittlungen gegen einen inhaftierten deutschen Sexualstraftäter ein. Die Ermittler schließen nicht aus, dass der Mann noch in weitere, bisher nicht aufgeklärte Fälle verwickelt sein könnte.

In der vergangenen Woche berichtete die britische Zeitung The Sun, die deutschen Ermittler hätten neue Informationen über die Zeit erhalten, in der der Verdächtige in Portugal lebte. Laut Sunday Times hofft die Polizei zudem, ihn binnen der nächsten drei Monate wegen der Vergewaltigung einer jungen Irin im Jahr 2004 anklagen zu können. Der Tatort ist nicht weit von der Ferienanlage entfernt, aus der Maddie verschwand. 

Fest steht, der Verdächtige Christian B. war zwischen 1995 und 2007 regelmäßig mit einem Campingbus an der Algarve unterwegs. Seinen Lebensunterhalt bestritt der heute 44-Jährige durch Gelegenheitsjobs in der Gastronomie, durch Drogenhandel, Diebstähle und Einbrüche in Hotels und Ferienwohnungen. Zum Zeitpunkt von Madeleines Verschwinden hielt sich der gebürtige Würzburger in der Region Praia da Luz auf. Es konnte mittlerweile nachgewiesen werden, dass er an diesem Abend einen Anruf von einer portugiesischen Nummer erhielt und etwa eine halbe Stunde lang telefonierte. Außerdem ließ er am nächsten Tag seinen Jaguar auf eine andere Person ummelden. Wer der unbekannte Gesprächspartner war, unter anderem darauf konzentriert sich die Polizei bei ihren Ermittlungen. 

Die schwierige Suche nach Zeugen

Anfang Juni 2020 war der Fall angesichts der neuen Erkenntnisse erneut Thema in der ZDF-Sendung „Aktenzeichen XY ... ungelöst“. Doch die Suche nach Zeugen gestaltet sich nach so langer Zeit schwierig. Zwar waren einen Monat nach der Ausstrahlung mehr als 800 neue Hinweise eingegangen, zwar haben die Ermittler einen klaren Mordverdacht ausgesprochen. Bislang wurden aber keine ausreichenden Beweise vorgelegt, die diesen Verdacht erhärten oder beweisen. Anklage wurde noch immer nicht erhoben. Stattdessen ist es nach den spektakulären Enthüllungen vor knapp einem Jahr still geworden. Offenbar sucht die Staatsanwaltschaft trotz vieler Hinweise, die auf den Verdächtigen Christian B. als Täter schließen lassen, immer noch nach Beweisen.

Aktuell sitzt B. in einem niedersächsischen Gefängnis eine mehrjährige Haftstrafe wegen einer Vergewaltigung ab. Die Ermittler halten ihn nach wie vor für tatverdächtig. „Wir hoffen, dass wir das Verschwinden Madeleine McCanns aufklären können“, hatte der Sprecher der Staatsanwaltschaft Braunschweig, Hans Christian Wolters, noch im Januar erklärt. Zu konkreten Ergebnissen wollte er sich nicht äußern. Trotz der Corona-Pandemie seien die Ermittlungen aber weitestgehend unbeeinträchtigt vorangeschritten.

Die Ermittler hatten es offen gelassen, ob es noch in diesem Jahr eine Anklage gegen den Mordverdächtigen geben wird. Staatsanwalt Wolters sagte, dass möglicherweise zumindest einzelne Ermittlungen in diesem Jahr abgeschlossen werden könnten. „Ob Anklage erhoben und dann auch öffentlich verhandelt wird, vermag ich nicht zu beurteilen“, räumte Wolters ein. Nach schnellen Antworten klingt das nicht. Eher nach einem zähen Prozess, nach vielen Ungewissheiten. Mit denen müssen auch die Eltern von Madeleine McCann weiterhin leben – im schlimmsten Fall weit über den 18. Geburtstag ihrer Tochter hinaus.