Die Schauspielerin Palina Rojinski führt die Moderatorin Sophie Passmann einer Wand mit "dick pics" vorbei.
Foto: Prosieben

BerlinAm Donnerstagabend habe ich den Begriff „dick pic“ zum ersten Mal gehört, oder, vielleicht eher, habe ich diese Art von Bildern zum ersten Mal als Kategorie einer sexuellen Belästigung begriffen, die mich persönlich betrifft. Ein „dick pic“ ist das Foto eines Penis. Meine Tochter hatte mir das Video „Männerwelten“ gezeigt, das von der alltäglichen sexuellen Belästigung von Frauen berichtet. Die Schauspielerin Palina Rojinski präsentierte darin eine ganze Wand von „dick pics“, die ihr ungefragt zugeschickt worden sind.

Was ich nicht wusste: Auch meine Tochter bekommt „dick pics“ auf ihrem Instagram-Account. Sie löscht sie, meldet den Absender. Instagram sperre ihn dann gegebenenfalls. Schwanzbilder bekommt sie trotzdem weiter. Meine Tochter ist 17, aber sie hat solche Bilder auch schon bekommen, als sie erst 16 war. Ihre Freundinnen bekommen sie, wahrscheinlich so ziemlich alle jungen Frauen, die einen Instagram-Account haben. Also praktisch alle. Es sind nicht nur Schauspielerinnen, Klimaaktivistinnen, Frauen, die in der Öffentlichkeit stehen, es sind unsere Töchter. Und die Absender sind unsere Söhne.

Ich bin auch eine Frau, nur bin ich inzwischen so alt, dass ich auf der Straße höchstens mal als Fahrradfahrerin Fotze genannt werde, von einem Autofahrer, der sich bemerkbar machen möchte. Und ich bin nicht in den sozialen Medien aktiv. Aber ich weiß natürlich, wovon die Rede ist. Und ja, das Video erzählt im Grunde nichts Neues. Aber sein Verdienst ist es doch, ein grelles Licht auf dieses uralte Problem zu werfen. Wieder einmal. Und damit auch darauf, dass sich einfach nichts tut, trotz #Aufschrei, trotz #MeToo, trotz aller immer wieder geführten Sexismusdebatten. Alles nutzlos, die Schwanzbilder kommen weiter, die Bemerkungen auf der Straße, im Kaufhaus, der Junge, der im Prinzenbad meine andere Tochter festhielt und sich an ihr rieb, als sie 11 war! In dem Video heißt es, die Hälfte aller Frauen hätten bereits sexuelle Belästigung erfahren. Ich glaube, man kann die Zahl einfach verdoppeln.

Meine Tochter hat die „dick pics“ nie erwähnt. Und ihre Antwort auf die Frage, warum sie das nicht gemacht hat, ist vielleicht das Erschütterndste bei alldem. Es ist nicht so, dass sie solche Bilder für in Ordnung hält. Sie hält sie für das, was sie sind: eine sexuelle Belästigung. Aber so bitter das ist, empfindet sie auch die Tatsache, dass es Männer gibt, die so was schicken, irgendwie als alltäglich. Für etwas, das eben so ist. Und deshalb für nicht weiter der Rede wert. Weil man es sowieso nicht ändern kann.

Wir werden sehen. Der nächste Schwanzbild-Absender wird angezeigt. Denn es ist so was von der Rede wert. Und wir müssen es endlich ändern.