Das kann man wirklich mal eine rasante Entwicklung nennen: Aus dem kleinen Raketenmann wurde gewissermaßen binnen Wochen ein Friedensfürst. Geadelt durch den Handschlag mit dem US-Präsidenten Donald Trump darf sich der 34-jährige Kim Jong Un nun in der Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit sonnen. Ein Moment für die Geschichtsbücher, und er ist mittendrin. „Einige Leute werden denken, das ist ein Science-Fiction-Film“, sagte er selbst dazu.

Krieg führt er zu Hause

Vermutlich hat er damit nicht seine Landsleute gemeint, die in Arbeitslagern in Nordkorea Zwangsarbeit leisten müssen und unter Folter leiden. Er hat bei diesem Satz wohl auch nicht an jene Nordkoreaner gedacht, die das Regime gewissermaßen als Arbeitssklaven in alle Welt schickt, wo sie unter schlechten Bedingungen leben und vom Lohn, der direkt an die Regierung daheim geht, allenfalls einen Bruchteil sehen. Gut möglich, dass der Satz jene Millionen seiner Untertanen gemeint hat, die er durch Isolation und Propaganda in Abhängigkeit und Unwissenheit hält und die daher ohnehin jeden seiner Schritte bejubeln.

Mag sein, dass sich durch das bizarre Treffen in Singapur die globale Sicherheitslage verbessern wird. Man sollte jedoch nicht vergessen, dass der nun so oft lächelnde Kim Jong Un weiterhin unbarmherzig Krieg führt – gegen sein eigenes Volk. In diesem Krieg ist von Abrüstung nichts bekannt. 

Christine Dankbar

Geschichte wird gemacht

Ein Handschlag zwischen einem nordkoreanischen Machthaber und einem amerikanischen Präsidenten war über Jahrzehnte undenkbar. Allein dieser Umstand macht den Gipfel von Singapur zum historischen Ereignis. Welche Geschichte da aber geschrieben wurde und wo sie hinführt, wird man vor allem in Korea mit skeptischem Blick verfolgen: Enttäuschtes Vertrauen, Wortbruch und Verrat prägen die Beziehungen der USA zum koreanischen Volk seit mehr als hundert Jahren.

Man hat dort nicht vergessen, dass Theodore Roosevelt im Jahr 1905 einen zwanzig Jahre währenden Beistandspakt mit Korea aufkündigte und das damalige Kaiserreich den Japanern auslieferte. Die japanische Gewaltherrschaft, die bis 1945 andauerte, hat sich als Trauma tief ins koreanische Bewusstsein eingegraben. Man hat auch nicht vergessen, dass das Land nach 1945 auf Betreiben von Harry S. Truman geteilt wurde, ohne dass auch nur ein Koreaner gefragt wurde.

Noch weniger, dass die USA südlich der Demarkationslinie auf die früheren japanischen Unterdrücker und deren Kollaborateure setzten, um ihren Einfluss zu mehren. Und dass die Auflehnung dagegen, angeführt von Kims Großvater Kim Il Sung, in einen Krieg mit vier Millionen Toten mündete. „Alles wird gut werden“, behauptet nun Donald Trump. Den Koreanern ist es zu wünschen. Trump hat bislang eher nicht bewiesen, dass er Abmachungen und Verträge ernster nimmt als seine Vorgänger. 

Christian Seidl

Die Diplomatie verliert

Das Beunruhigende an diesem seltsamen Treffen von Singapur ist dessen Erfolg – falls er denn von Dauer sein sollte. Man kann es nur hoffen. Und muss es befürchten. Denn das würde ja bedeuten, dass die Kunst der Diplomatie in ihrer oft unerträglichen Langsamkeit durch das impulsgetriebene Spiel zweier nicht nur diktatorisch veranlagter Figuren ihre Relevanz verlöre. Ein echter Diktator und ein Narzist mit diktatorischer Attitüde machen einen dieser notorischen Deals zum gegenseitigen Vorteil und kommen damit durch. Ja, vielleicht bewahren sie für den Moment oder auch etwas länger tatsächlich den Weltfrieden.

Statt der Pendeldiplomatie hält die Daumendiplomatie Einzug in die internationalen Beziehungen. 

Daumen runter, Daumen hoch. Hatte Donald Trump jüngst noch die Auslöschung Nordkoreas erwogen, gefällt ihm jetzt der Gedanke, seinen Widersacher Kim Jong Un, „das arme Hündchen“, wie er ihn nannte, zu sich einzuladen. Und der lässt sich neidvoll die Karosse jenes Mannes vorführen, den er gerade noch als „Wahnsinnigen“ tituliert hatte. Und was, wenn jetzt also Ruhe ist?

Was heißt das für Syrien, die Ukraine, den Jemen, den Südsudan und alle anderen Krisenherde weltweit? Für Verhandlungen, bei denen das Wort „Friedensprozess“ mittlerweile synonym mit dessen Scheitern ist. Wozu die ohnehin nutzlosen Resolutionen der Uno, wenn es mit einem Tweet viel besser funktioniert. „Wir leben in einem Zeitalter, das den Lärm liebt“, wie es der französische Diplomat Jules Cambon bemerkte. Das war 1914. 

Frank Junghänel

Asien gewinnt

Aus europäischer oder auch deutscher Sicht ist Asien weit weg. Überhaupt interessiert uns diese Weltgegend nur wenig. Dass sich China dort längst zur Supermacht mit weitreichenden territorialen Ansprüchen entwickelt hat, dass sich in der asiatisch-pazifischen Region das Weltkapital versammelt und knapp die Hälfte des globalen Wirtschaftswachstums stattfindet, dass mit dem CPTPP-Abkommen der Pazifik-Anrainerstaaten vom März diesen Jahres eine gigantische Freihandelszone entstanden ist: Ja, das mag wohl sein – aber was geht uns das an?

Schon lange vor dem Treffen von Kim Jong Un und Donald Trump hieß es schadenfroh, beide Staatsführer bräuchten den Erfolg so dringend, dass sie diesem Ziel alles andere unterordnen werden; ein Abkommen zwischen den USA und Nordkorea wäre nicht viel mehr als ein für den Moment gesichtswahrendes, ansonsten aber leeres Versprechen zwischen zwei Egomanen mit innenpolitischen Problemen. Doch eigentlich lautet die Botschaft des G2-Treffens von Singapur ganz anders: Donald Trump, der erst wenige Tage zuvor mit aller Verachtung, zu der er per Twitter fähig ist, das G7-Treffen ad absurdum führte, hat uns, den Westen und seine Werte, gar nicht mehr auf der Rechnung.

Die USA schreiben ihre atlantische Seite ab und wenden sich dem Pazifik zu: Asien gewinnt, Europa verliert. Gewiss ließe sich darüber streiten, ob „unsere Werte“ nicht längst zuschanden gerittene, realpolitisch zermürbte Restposten sind. Aber die schöne neue Trump-Kim-Welt wäre das größere Übel.  

Christian Schlüter