Die Villa Wurmbach in Berlin.
Foto: Familie Kaps

BerlinÜber die Geschichte der Villa Wurmbach ist in den vergangenen Jahren viel geforscht und veröffentlicht worden. Dass der heutige Dienstsitz des Bundespräsidenten zu jenen Immobilien in Berlin zählt, die einst jüdischen Mitbürgern gehörten, die während der NS-Herrschaft um ihren Besitz gebracht wurden, ist inzwischen gut dokumentiert. Doch bisher fehlte ein Bild von Hugo Heymann, jenem Eigentümer, der 1933 unter dem Druck der Nazis sein Anwesen in der Dahlemer Pücklerstraße verkaufen musste.

Vor Kurzem jedoch erreichte ein Briefumschlag aus Münster das Präsidialamt, der unter anderem ein Foto von Hugo Heymann enthielt. Es zeigt ihn mit selbstbewusst verschränkten Armen in der Uniform eines deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs. Es stammt aus dem Nachlass von Peter Kaps, dem Sohn des zweiten Ehemanns von Hugo Heymanns Witwe Maria. Kaps ist vor Kurzem gestorben, und beim Aufräumen fand dessen Frau nun die Dokumente und übergab sie dem Präsidialamt. Dazu gehören Aufnahmen der Villa, die der Perlenfabrikant 1926 aus dem Nachlass des ersten Besitzers Julius Wurmbach erworben hatte. Bisher waren keine Bilder des Gebäudes aus jener Zeit bekannt.

Verstörend ist hingegen ein weiteres Dokument: Es ist eine Urkunde über die Verleihung des „Ehrenkreuzes für Kriegsteilnehmer“, das „dem Kaufmann Hugo Heymann in Berlin-Schmargendorf im Namen des Führers und Reichskanzlers“ 1936 verliehen wurde. Das war zu einer Zeit, als Heymann und seine Frau unter größten Mühen und Behinderungen versuchten, ihre Flucht aus Deutschland zu organisieren. Zur Finanzierung der damit verbundenen Reichsfluchtsteuer hatten sie als erstes die Villa in der Pücklerstraße verkauft, deutlich unter Wert, wie es Juden bei Immobiliengeschäften in jenen Jahren sehr häufig widerfuhr.

Zuletzt fanden sie noch Zuflucht im Hotel Savoy, saßen auf gepackten Koffern, bangten um ihre Ausreise. Als die Gestapo den letzten Rest ihres Eigentums aus dem Hotel-Safe beschlagnahmte, hatte sich ihre Hoffnung auf Rettung bereits zerschlagen. „Wir hatten das erste Mal zu fühlen bekommen, in welche Lage man gedrückt worden war, dass man rechtlos geworden und eine fürchterliche Veränderung eingetreten war“, erinnerte sich Maria Heymann nach dem Krieg. Von diesen Vorgängen wussten jene, die Heymann für seine Dienste ums Vaterland ehrten, offenbar nichts – oder sie ignorierten sie. Heymann wurde von den Nazis drangsaliert und immer wieder zu Verhören bei der Gestapo vorgeladen und dabei auch gefoltert. Als er nach einem solchen Verhör freikam, war sein Hemd blutüberströmt. Wenige Tage später, am 5. Juni 1938, starb er.

Der Historiker Julien Reitzenstein entdeckte die Geschichte der Villa und ihrer einstigen Besitzer im Zuge seiner Forschungen über die SS und informierte das Präsidialamt während der Amtszeit von Joachim Gauck, der in der Villa lebte und bald darauf eine erste Untersuchung in Auftrag gab. Als Frank-Walter Steinmeier 2017 zum Bundespräsidenten gewählt wurde, weigerte er sich, in die Villa zu ziehen, bis ihre Geschichte eindeutig geklärt und der einstigen Besitzer angemessen gedacht werde. Seit 2018 erinnert eine Gedenktafel vor dem Haus an die Eheleute Hugo und Maria Heymann. Außerdem haben das Präsidialamt und die Bundeszentrale für politische Bildung gerade eine Broschüre mit ihrer Lebensgeschichte, Dokumenten und wissenschaftlicher Einordnung veröffentlicht. Die Publikation „Die Villa in der Pücklerstraße“ enthält zahlreiche großformatige Abbildungen und Originaldokumente – die nun bei einer Neuauflage ergänzt werden können.

Hugo Heymann
Foto: Familie Kaps

Maria Heymann überlebte das Nazireich. Nach dem Krieg scheiterte sie auf beschämende Weise mit Rückerstattungsanträgen am Widerstand ignoranter Behörden und Gerichte. Das Haus kam in Bundesbesitz und diente lange als Gästehaus der Regierung, bis es 2004 zum Wohnsitz der jeweiligen Bundespräsidenten wurde. Es spielte in den 1970er-Jahren schon in völlig anderem Zusammenhang eine historische Rolle. Egon Bahr, der damalige Staatssekretär im Kanzleramt von Willy Brandt, führte hier 1971 vertrauliche Gespräche mit dem sowjetischen Botschafter Valentin Falin über das Viermächteabkommen über Berlin. Er berichtete später amüsiert über Hinweise aus der CIA, dass sich Falin dort aufgehalten habe. Bahr antwortete trocken: „Ich weiß, ich war ja dabei.“ Später führte die Gattin des gescheiterten Bundespräsidenten Christian Wulff, Bettina, die Leser ihres Buches „Jenseits des Protokolls“ in das Innere der Villa, in der sie sich mehr als unwohl gefühlt hatte.

Der heutige Bewohner Frank-Walter Steinmeier äußerte sich nun sehr erfreut über das Auftauchen der neuen Dokumente. „Das ist ein großartiger Fund, der die Aufarbeitung der Geschichte der Dienstvilla enorm bereichert. Die Bilder geben vor allem dem jüdischen Vorbesitzer endlich ein Gesicht. Dafür bin ich sehr dankbar“, ließ er mitteilen.

Der Bundespräsident kümmert sich intensiv um Fragen der Erinnerungskultur und Aufarbeitung des NS-Unrechts in Deutschland. Das hängt auch damit zusammen, dass er unmittelbar nach Amtsantritt 2017 mit der Geschichte der Dienstvilla in der Dahlemer Pücklerstraße konfrontiert wurde. Kürzlich begannen die Arbeiten an einem von ihm initiierten Forschungsvorhaben: „Das Bundespräsidialamt und der Nationalsozialismus“. Darin soll es um mögliche personelle oder geistige Kontinuitäten aus der Zeit der Naziherrschaft gehen. Außerdem soll durch die Erschließung neuer Quellen untersucht werden, wie die Bundespräsidenten und ihr Amt nach 1949 mit dem Erbe des Nationalsozialismus umgegangen sind. Es gehe um eine Art Wirkungsgeschichte, wie die Präsidenten Tat und Täter zum öffentlichen Thema machten, der Opfer gedachten und die Erinnerungskultur der Bundesrepublik prägten. Haben die ersten Bundespräsidenten in den Jahren nach 1949 in ihrem Amt Seite an Seite mit Kriegsverbrechern aus der Nazizeit gearbeitet? Das ist eine der Fragen, die das heutige Staatsoberhaupt klären lassen will.

Bei der Einweihung der Gedenkstele vor der Villa sagte Steinmeier: „In Aufklärung und in Erinnerung der Verbrechen liegt zugleich eine hochaktuelle Verpflichtung: Der Antisemitismus ist nicht überwunden, auch nicht in unserem Land, und er zeigt sein böses Gesicht in vielfältigem Gewand. Nichts davon, keinen lauten Antisemitismus, keinen leisen, keinen alten und keinen neuen, dürfen wir in Deutschland hinnehmen – Antisemitismus darf keinen Platz haben in dieser Republik!“