Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin. 
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BerlinDie Corona-Krise wirbelt das Leben aller durcheinander. In einem ganz besonderen Maße aber trifft es eine Gruppe, die bisher im Schatten der großen Öffentlichkeit gestanden hat: die der hoch spezialisierten Wissenschaftler. Zu ihnen gehören Virologen wie von der Berliner Charité, Alexander Kekulé von der Universität Halle-Wittenberg oder Hendrik Streeck von der Universität Bonn. Sie stehen mit Aussagen in Radio-Podcasts, Videos, Interviews und Porträts plötzlich in einer großen Medien-Öffentlichkeit, sollen Fragen zum Alltag beantworten und der Politik Empfehlungen geben. Die Berichte über sie haben inzwischen eine große Eigendynamik angenommen. Forscher sehen sich falsch dargestellt und für Dinge verantwortlich gemacht, mit denen sie ihrer Meinung nach nichts zu tun haben. Das reicht tief in die sozialen Netzwerke hinein.

„Ich habe gestern beispielsweise eine E-Mail bekommen, in der ich persönlich verantwortlich gemacht wurde für den Selbstmord des hessischen Finanzministers“, sagte der Virologe Christian Drosten in seinem NDR-Podcast am Anfang dieser Woche. „Wenn solche Dinge passieren, dann ist das für mich schon ein Signal dafür, nicht, dass wir nah an der Grenze sind, sondern, dass wir über eine Grenze von Vernunft schon lange hinaus sind in dieser mediengeführten öffentlichen Debatte. Und ich habe damit langsam wirklich ein Problem“, sagte Drosten. Man sei langsam an einem Punkt, „wo dann demnächst auch die Wissenschaft in geordneter Weise den Rückzug antreten muss, wenn das nicht aufhört“.

Superman oder Buhmann

Tatsächlich kann man seit einigen Wochen beobachten, dass Drostens Person mit Projektionen überfrachtet wird. Man stellt ihn als den großen Krisenmanager dar, sogar als eine Art Superman, Hollywood-Held und künftigen Bundeskanzler. Andere sehen ihn als Buhmann, als politischen Einflüsterer, der Restriktionen durchsetzen will. Das geht bis zu Verschwörungstheorien. „Es gibt Zeitungen, die malen inzwischen nicht nur in den Wörtern, sondern in Bildern Karikaturen von Virologen“, sagte Drosten. „Ich sehe mich selber als Comicfigur gezeichnet und mir wird schlecht dabei.“ Er sei wütend darüber, wie hier Personen für ein Bild missbraucht würden, das Medien zeichnen wollten, um zu kontrastieren. „Das muss wirklich aufhören.“

Drosten will dringend die Rolle der Wissenschaft in dieser Krise klarstellen. Die Wissenschaft treffe keine politischen Entscheidungen, auch wenn sie Empfehlungen geben könne, sagte er. Drosten hat selbst wichtige Empfehlungen gegeben in dieser Krise, zusammen mit anderen Forschern, etwa vom Robert-Koch-Institut (RKI). Er hat Entscheidungen damit beeinflusst, saß in Talkshows und auf Pressekonferenzen.

Doch wo er meinte, mit rein wissenschaftlichem Anliegen aufzutreten – oft eigenwillig, „mit akademischer Robustheit“ –, befeuerte er selbstverständlich auch jene Darstellungen, über die er sich jetzt so ärgert, dass er es inzwischen vermeidet, „noch irgendwelche Interviews zu geben oder im Fernsehen mich zu zeigen“, wie er sagte.

Im Schnelldurchlauf hat Drosten gelernt, was mit Wissenschaftlern passiert, die sich in einer Krise zu Wort melden, die Millionen Menschen berührt – und die auch in den sozialen Medien das zentrale Thema ist. Manche hatten bereits zu Beginn gewarnt, als Drosten den Schritt aus dem Labor in die Öffentlichkeit machte, dass er aus der Corona-Krise nicht unbeschadet hervorgehen würde.

Ein Kollege sagt: "Willkommen im Club!"

Denn die Verkürzung von Aussagen, die Zuspitzung, die Fokussierung auf einzelne Personen, die Kontrastierung , ja die Karikatur – das sind die Mittel von Medien, in denen andere Gesetze gelten als in der Wissenschaft. Aber nicht nur. Sie gelten auch in der Öffentlichkeit allgemein, in der vieles zum Verständnis vereinfacht und zugespitzt wird. Ein Klimaforscher, selbst  erfahren mit solchen Erscheinungen, reagierte auf Drostens Klage mit den Worten: „Willkommen im Club“.

Drosten ist Fachmann für epidemische Coronaviren.  Bereits als junger Wissenschaftler am Hamburger Tropeninstitut entwickelte er einen zuverlässigen Test auf das Sars-Virus, das 2002/2003 eine Pandemie geringeren Ausmaßes auslöste. Heute ist er Institutsdirektor an der Charité. Sein Team befasst sich mit dem Erbmaterial des neuen Coronavirus. Es sequenziert Proben, die ins Labor gesandt werden, um etwa zu untersuchen, welche Wege das Virus auf seiner pandemischen Reise nimmt und wie es sich dabei verändert. Bereits recht schnell nach dem Ausbruch einer neuartigen Erkrankung im chinesischen Wuhan hatte Drostens Team einen geeigneten Virus-Nachweis für das „neue Sars-ähnliche Virus“ entwickelt, wie die Berliner Zeitung schon am 20. Januar berichtete.

Genau diese Spezialisierung sei der Grund, warum er sich überhaupt zu Wort melde, sagte Drosten. Er tue dies „weil ich mich genau in diesem engen Forschungsfeld seit so langer Zeit schon bewege, dass ich weiß, dass ich frei und weitgehend ohne Fehler über das weitere Themenumfeld dieses Problems sprechen kann“. In seinem wochentäglichen Radio-Podcast will sich Drosten vor allem auf neue Studien zur Genetik des Virus, zu seiner Ausbreitung, zu möglichen Medikamenten, Antikörpertests und Impfungen konzentrieren – kurz auf die Forschung, die die Grundlagen schafft, um die Krankheit Covid-19 medizinisch zu bekämpfen.

Aber natürlich lässt sich dies alles nicht von den realen Vorgängen in der Gesellschaft trennen. Und so äußerte sich Drosten in seinem Podcast auch zu Schutzkleidungen, Desinfektionsmitteln, Corona-Tests, dem notwendigen Vorgehen von Hausärzten und Kliniken oder dem Sinn von Maßnahmen wie der Absage von Veranstaltungen, der Schließung von Schulen und allgemeiner Kontaktsperren.

In der Lage, sich selbst zu korrigieren

Seine Äußerungen versucht er anhand wissenschaftlicher Daten und Studien zu begründen. Dabei ist er auch in der Lage, sich selbst zu korrigieren, was ihn von manchen unterscheidet, die zurzeit ebenfalls in der Öffentlichkeit auftreten. Zum Beispiel hatte ihm eine Wissenschaftskollegin aus den USA eine Studie zugesandt, anhand derer man erkennen konnte, welche Folgen bestimmte Maßnahmen in der Zeit der verheerenden Spanischen Grippe von 1918 hatten. Und man sah, dass es sich durchaus auf die Sterblichkeit auswirkte, ob amerikanische Städte damals ihre Schulen schlossen und Veranstaltungen absagten oder nicht.

Darauf sagte Drosten am 12. März: „Die Konsequenz des Papers ist: Es nützt extrem viel, zwei oder mehr Maßnahmen zu kombinieren. Veranstaltungsstopp und Schulschließungen in Kombination sind extrem effizient – vor allem, wenn man das mehr als vier Wochen durchhält. Und dann je früher, desto besser.“ Am Tage zuvor hatte er noch ausgedrückt, dass Schulschließungen nicht viel brächten. Er gab zu, er habe da „zu kurz gedacht“.

Drosten wird mit seiner Klage über „die Medien“ nicht die Art und Weise der Kommunikation in der Öffentlichkeit und den sozialen Medien verändern – bis hin zu ihren schlimmen Auswüchsen, für die seriöse Medien wahrlich nicht verantwortlich zu machen sind. Drosten kann nichts weiter tun, als ganz klar die Linie zu ziehen, wie er es gerade tut. Die Wissenschaft generiere nur Daten, sagte er. Und sie könne sagen, wie sicher diese Daten seien und wo die Sicherheit aufhöre – „mehr aber auch nicht“. Er betont, dass er sich sehr ungern in „Spekulationsbereiche“ begebe. Zu diesen gehört auch, wie lange bestimmte Maßnahmen in der Corona-Krise aufrechterhalten werden müssen. Dazu sagte er nur: „Wir müssen weiter geduldig sein.“

Mit seiner Art trägt Drosten dazu bei, eine um sich greifende Corona-Panik und irrationale Vorstellungen in der Gesellschaft zu bekämpfen – durch die Vermittlung von Wissen. Damit stärkt er auch die Rolle der Wissenschaften in dieser Krise, gegen jegliche Spekulationen und Wortmeldungen von Pseudo-Experten und Verschwörungstheoretikern.