Deutschland könnte erneut vor einem harten Corona-Winter stehen. Das liegt jedoch nicht an der relativ kleinen Gruppe der Impfgegner, sondern an einer falschen Prioritätensetzung in der Pandemie-Bekämpfung: „Wir haben nur begrenzte Ressourcen“, sagte Jonas Schmidt-Chanasit, Virologe an der Universität Hamburg, der Berliner Zeitung. Ein Beispiel: „Wir sollten 100 Impfärzte nicht auf die Jagd nach Impfgegnern schicken, sondern zu den vulnerablen Gruppen in den Alters- und Pflegeheimen“, so Schmidt-Chanasit. Nach Ansicht des Virologen sei es „dringend geboten, den über 70-jährigen Menschen und jenen mit relevanten Vorerkrankungen so schnell als möglich eine Auffrischungsimpfung anzubieten“. Grund dafür sei die Tatsache, dass „diese vulnerable Gruppe im Januar und Februar geimpft wurde, die Grundimmunisierung also schon lange zurückliegt“.

Diese Gruppe sei zwar nicht ungeschützt, aber der Impfschutz ist, wie Studien aus mehreren Ländern zeigen, doch deutlich zurückgegangen: „Daher sind die Booster-Impfungen für die vulnerablen Gruppen jetzt das Wichtigste, was man machen kann.“ Schmidt-Chanasit: „Dies ist definitiv ein hoher logistischer Aufwand, auf den wir nicht überall ausreichend vorbereitet sind. Die Booster-Impfung muss organisiert werden, das braucht einen gewissen Vorlauf. Es muss aber absolute Priorität sein, die Alten und Kranken zu schützen. Es ist eine Tatsache, dass ein 80-jähriger Geimpfter ein höheres Hospitalisierungs-Risiko hat als ein ungeimpfter 18-Jähriger.“

In den Alten- und Pflegeheimen droht sehr kritische Situation

Es sei zu bedauern, dass man wegen „der immer noch desaströsen Datenlage in Deutschland kein zentrales Impfverzeichnis hat, um zielgerichtet die Auffrischungsimpfungen vornehmen zu können.“ Schmidt-Chanasit hält die alleinige Fokussierung auf die Ungeimpften in der öffentlichen Debatte für falsch: „Es ist ein falscher Fokus auf das Problem der Ungeimpften entstanden. Wir haben in Deutschland, wenn wir das mit der Anzahl der Genesenen und der Dunkelziffer zusammenrechnen, eigentlich eine gute Impfquote – denn wir haben eine sehr heterogene und wesentlich größere Bevölkerung als zum Beispiel Dänemark.“

Die Zahl der Ungeimpften, die man noch erreichen könne, betrage „vielleicht zwei bis drei Millionen“, diese seien für das Infektionsgeschehen aber nicht entscheidend. Schmidt-Chanasit: „Wenn sich im Berghain einige junge Leute anstecken, ist das erst einmal unproblematisch. Uns droht jedoch in den Alten- und Pflegeheimen eine sehr kritische Situation, wenn wir dort 2G haben, und Angehörige und Pfleger nicht regelmäßig mit qualitativ hochwertigen Tests getestet werden. Da wir wissen, dass auch Geimpfte infektiös sein können, treffen nun möglicherweise geimpfte Infizierte auf alte Menschen, bei denen der Immunschutz schon deutlich abgenommen hat. Daher müssen alle Geimpften auch weiter getestet werden, wenn sie sich in Kontakt mit vulnerablen Gruppen begeben.“

Ein zweites Problem sieht Schmidt-Chanasit bei den Menschen, „die Sprachbarrieren haben und daher nicht von der Impfkampagne zielgerichtet angesprochen werden“. Es sei unnütz, diesen Gruppen Werbespots mit deutschen Stars zu präsentieren, da diese Zielgruppe andere, nämlich fremdsprachige, Medien konsumiert. Es gäbe schon erste Erfolge, doch hier müsse viel mehr geschehen, etwa mit Vertrauenspersonen: „Es ist zum Beispiel durchaus üblich, dass die Jungen zuerst zum Impfen geschickt werden – um zu schauen, wie sie die Impfung vertragen. Nun kommen die jungen Leute nach Hause, beachten weniger Vorsichtsmaßnahmen, weil sie sich für nicht ansteckend halten und auch nicht mehr getestet werden. Sie können aber infektiös sein und können so ihre immer noch ungeimpften Eltern oder Großeltern anstecken.“ Unklar ist in diesem Zusammenhang, ob etwa die Zulassung des Impfstoffs Sputnik V die Bereitschaft in der russischen Community erhöhen könnte. 

Besondere Angebote für migrantische Milieus 

Es komme gerade in den migrantischen Milieus immer wieder zu schweren Verläufen. Über die Gefahren für die migrantischen Milieus müsse „offen gesprochen werden, wir haben bei HIV gesehen, wie fatal das Verschweigen aus Scham oder politischen Gründen ist“. Die unzureichend informierten migrantischen Communitys seien „ein wichtiger Bereich, in dem wir noch Ungeimpfte erreichen können“. Flächendeckende 2G-Regeln seien für diese Gruppe sinnlos, weil sie oft unter angespannten wirtschaftlichen Verhältnissen leben und „nicht jene Gruppe sind, die sich sie häufige Besuche des Theaters, Kinos oder Restaurants leisten können“.

Eines der wichtigsten Probleme sieht Schmidt-Chanasit bei den Pflegekräften. Dies werde auch über die Pandemie hinaus bestehen: „Der Mangel an Pflegekräften besteht seit Jahren, und nicht nur auf den Intensivstationen, sondern in allen medizinischen Bereichen. Corona hat das Fass zum Überlaufen gebracht.“ Die Pflegekräfte seien überlastet und schlecht bezahlt, viele hätten den Dienst in der Pandemie quittiert. Schmidt-Chanasit: „Es ist eben immer noch so, dass ein VW-Mitarbeiter zum Teil deutlich besser bezahlt wird als eine Krankenschwester.“

Der Virologe malt ein düsteres Szenario, dessen konkrete Ausformungen schon heute zu beobachten seien: „Es kann so sein, dass nur noch die eine adäquate Pflege bekommen werden, die sich das leisten können. Noch wird vieles durch die Pflege in Familien abgefedert. Das wird es aber nicht mehr lange in der notwendigen Intensität möglich sein. Das bedeutet: Alte und kranke Menschen werden unzureichend versorgt und versterben. Dieser Zustand ist heute bereits Realität“, so Jonas Schmidt-Chanasit.