RIO DE JANEIRO - Das von Mücken übertragene Zika-Virus hat in Brasilien und anderen Ländern Lateinamerikas dazu geführt, dass viele Frauen illegal abtreiben, weil sie fürchten, ein Kind mit schweren Geburtsschäden zu gebären. Frauenärzten zufolge warten die Patientinnen nicht, bis die Diagnose feststeht, dass ihr ungeborenes Baby an Mikrozephalie leidet, sondern sie lassen sozusagen präventiv abtreiben.

Dabei handelt es sich offenbar um Frauen aus der Mittelschicht, denn eine Schwangerschaftsunterbrechung kostet zwischen 1 150 und 3 500 Euro. „Sie wollten nicht so lange warten, bis sie es selber sehen“, zitiert Brasiliens größte Zeitung Folha de S. Paulo eine namentlich nicht genannte Gynäkologin, die drei Zika-Patientinnen betreute.

Jeden zweiten Tag ein Todesfall

Zugleich hat die Epidemie eine Debatte über die Änderung der in Lateinamerika fast ausnahmslos äußerst restriktiven Abtreibungsgesetze ausgelöst. In Brasilien zum Beispiel ist der Eingriff nur erlaubt, wenn die Mutter vergewaltigt wurde, wenn die Geburt eine Gefahr für ihr Leben darstellt oder wenn sich der Fötus anenzephal, also ohne Gehirn entwickelt. Auf die Zika-Epidemie lässt sich keines dieser Kriterien anwenden.

Die Positionen sind altbekannt. Die Gegner einer Liberalisierung berufen sich auf die Absolutheit des menschlichen Lebens, oft auch auf dessen göttlichem Charakter – ein Argument, das in einem laizistischen Staat eigentlich keine Rolle spielen dürfte, in der Praxis aber äußerst wichtig ist. Brasilien ist das Land mit den meisten Katholiken weltweit, und die evangelikalen Kirchen, deren Anhängerschaft stetig wächst, verteidigen die konservative Regelung meist genauso nachdrücklich.

Deshalb mag sich keine politische Partei von Gewicht an dem heiklen Thema die Finger verbrennen. Die Befürworter einer Liberalisierung stellen hingegen das Recht der Frau auf die eigene Entscheidung heraus und halten den Gegnern entgegen, dass sowieso abgetrieben wird – 800 000 Mal pro Jahr in Brasilien, so die sicher ungenauen Angaben.

Jede fünfte Brasilianerin unter 40 hat sich mindestens einmal in ihrem Leben schon zu dem Eingriff entschlossen, wobei ungebildete, mittellose Frauen viel häufiger an medizinisch miserable Abtreiber geraten. Aus diesem Grund stirbt in Brasilien jeden zweiten Tag eine Frau. Umgekehrt ist dort, wo Abtreibungen zugelassen sind – Uruguay, Kuba, Puerto Rico, Guyana und Mexiko-Stadt –, die Müttersterblichkeit drastisch zurückgegangen.

Millionen Infizierte

„Die entsprechende Gesetzgebung ist schon ein Dreivierteljahrhundert alt“, schreibt die liberale Zeitung Folha in einem viel beachteten Plädoyer für eine Reform. „Es wäre angemessen, eine Änderung, so umstritten wie sie sein wird, einem Plebiszit oder Referendum zu unterwerfen.“

Ob Zika in der Praxis tatsächlich geeignet ist, die verhärteten Positionen aufzuweichen, ist fraglich. Zwar könnte der Druck zunehmen, Mikrozephalie als Indikationsgrund zuzulassen. Doch wirklich feststellen lässt sich eine Erkrankung erst im siebten oder achten Monat.

Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht von drei bis vier Millionen Zika-Infektionen aus, das brasilianische Forschungsinstitut Fiocruz rechnet mit 16 000 Fällen von Mikrozephalie allein in diesem Jahr. In Kolumbien, El Salvador und Honduras haben die Behörden die Empfehlung ausgegeben, Schwangerschaften aufzuschieben, bis sich die Lage geklärt hat. Die Gynäkologin Adriana Scavuzzi, die in der am stärksten von der Epidemie betroffenen Stadt Recife die Frauenabteilung einer großen Klinik leitet, hält davon wenig. „Das ist völlig sinnlos, weil die allermeisten Frauen die Schwangerschaft sowieso nicht planen“, sagt sie. Die Statistik gibt ihr Recht: 18 Prozent der werdenden Mütter in Lateinamerika sind Teenager. Und jede zweite Schwangerschaft „passiert“ einfach.