Berlin - Zum Jahreswechsel meldete die Deutsche Presse-Agentur (dpa), dass die Bedrohung durch Bioterroristen gestiegen sei. Als angebliche Quelle nannte sie den Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg. Doch eine Recherche für die Berliner Zeitung ergab: Die dpa hat ausgesprochen unsauber gearbeitet. Was war geschehen?

Die dpa hatte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg interviewt und am 29. Dezember gemeldet: „Nato verstärkt infolge von Corona-Pandemie die Biowaffenabwehr.“ Es gäbe das Horrorszenario, „dass Viren so modifiziert werden könnten, dass sie nur für ausgewählte Menschengruppen tödlich sind, also zum Beispiel nur für Schwarze oder nur für Weiße. Ein weiteres Schreckensszenario ist, dass biologische Kampf­stoffe von Fanatikern eingesetzt werden, die zum Beispiel denken, dass sich die Welt nur durch eine drastische Verringerung der Bevölkerung vor ihrem Ende bewahren lässt.“

Die Nato und die Lage in Afghanistan

Zahlreiche deutsche Medien übernahmen die Meldung mit ent­sprechenden Schlagzeilen auf den Titelseiten und in den Nachrichtensendungen. So hieß es „Nato warnt vor Biowaffen“ oder „Nato baut ihre Kapazitäten zur Abwehr von Biowaffen aus“. Die deutschsprachigen Medien, darunter auch die Berliner Zeitung, waren die einzigen, die diese Schlagzeile brachten. Im deutschsprachigen Internet hallen die Meldungen, mehr als ein Vierteljahr später, immer noch nach: Googelt man „Covid-19“ und „Nato“, dann erscheinen prominent Schlagzeilen wie „Folge der Corona-Pandemie: Nato will Biowaffenabwehr verstärken“.

Merkwürdigerweise berichtete die Agentur in ihrem englischsprachigen internationalen Dienst über dasselbe Interview ganz anders: „Nato's Stoltenberg on Afghanistan. ‚There is no guarantee of success‘.“ Tatsächlich stehen nicht Biowaffen auf der Agenda der Führung der Allianz, die seit Monaten dabei ist, ihr strategisches Konzept zu überarbeiten, sondern die Situation in Afghanistan, das Verhältnis zu China, die Spannungen mit Russland und der Türkei, die Zusammenarbeit mit der neuen US-Regierung sowie die Bekämpfung von Desinformationen.

Doch die dpa setzt gleich zu Beginn des Interviews einen ganz eigenen Schwerpunkt und fragt: „Ist die Nato darauf vorbereitet, sich gegen eine Covid-19-ähnliche Waffe zu verteidigen?“ Generalsekretär Jens Stoltenberg antwortet, es gäbe einen wissenschaftlichen Konsens darüber, dass das Coronavirus natürlichen Ursprungs sei. Es sei kein konstruiertes Virus. Trotzdem zeige das Auftreten des Virus die Gefahren auf, die mit dem Einsatz biologischer Waffen verbunden wären. Die Nato sei auf solche Fälle umfassend vorbereitet: Obwohl chemische und biologische Kampfmittel völkerrechtlich verboten sind, wisse man, „dass es diese Waffen immer noch gibt und dass auch die Gefahr besteht, dass sie von nicht staatlichen Akteuren, Terroristen, eingesetzt werden“.

Ein Interview in verschiedenen Fassungen

Dieses Zitat liefert die dpa ihren Lesern nun in völlig widersprüchlichen Formen: In der englischen Fassung warnt Stoltenberg vor „nicht staatlichen Akteuren“, in der deutschsprachigen Fassung ist vom Gegenteil die Rede: Stoltenberg warnt vor „staatlichen“ Akteuren. Das ist ein gravierender Unterschied. Terroristen fühlen sich nämlich an das völkerrechtliche Verbot des Einsatzes dieser Waffen nicht gebunden. Welche „staatlichen“ Akteure Stoltenberg gemeint haben könnte, wird nicht gesagt.

Konkret heißt es in der englischen, international verbreiteten Originalmeldung: „Non-state actors, terrorists, may use them.“ In der deutschen Langfassung der dpa-Meldung wird statt dessen formu­liert, es bestünde die Gefahr, dass diese Waffen „auch von staatlichen Akteuren und Terroristen“ eingesetzt werden.

Der Chefredakteur der dpa, Sven Gößmann, lässt die Frage durch einen Pressesprecher beantworten. Dieser teilt der Berliner Zeitung mit, die dpa hätte einzelne Fragen und Ant­worten sowohl in der deutschen und noch stärker in der englischen Fassung gekürzt. Das sei bei Wortlautinterviews üblich. Stoltenberg habe in seiner Antwort von staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren sowie Terroristen gesprochen. Doch stimmt diese Erklärung? Der englische Text lässt daran zweifeln: „There‘s a risk that non-state actors, terrorists, may use them“. Das klingt so, als habe der Generalsekretär tatsächlich nur von Terroristen gesprochen.

Auf Nachfrage begründet dpa die Unterschiede so – und gibt zu erkennen, dass hier unsauber gearbeitet wurde: „Da Terroristen nicht staatliche Akteure sind, haben wir im deutschen Dienst die doppelte Erwähnung gestrichen. Im englischen Dienst wurden beim Kürzen dagegen versehent­lich die ‚state actors‘ statt der ‚non-state actors‘ gestrichen. Das war ein redaktioneller Fehler.“

Ein Sprecher der Nato sagte der Berliner Zeitung dagegen: „Sowohl die deutsche als auch die englische Version des Artikels sind korrekt. Während des Interviews warnte der Generalsekretär, dass sowohl staatliche als auch nicht staatliche Akteure (Terroristen) biologische Waffen verwenden könnten. Die dpa hat das Interview für ihren deutschen und ihren englischen Dienst unterschiedlich editiert, aber beide Fassungen reflektieren korrekt, was gesagt wurde.“

Damit stehen auch im Nachgang widersprüchliche Aussagen nebeneinander – denn entweder war es, wie die dpa einräumt, ein „redaktioneller Fehler“ oder die Nato hat recht und beide Fassungen sind korrekt. Die dpa erweckt jedenfalls den Eindruck, als wäre ihr die Warnung vor dem Einsatz von Biowaffen durch staatliche Akteure ein besonderes Anliegen. Zusätzlich zum Interview zitiert die dpa in einer „Nachrichtenfassung“ des Gesprächs mit Stoltenberg eine Rede von UN-Generalsekretär António Guterres. Dieser hatte im Juli 2020 aus Anlass der Pandemie vor der „Verwendung von Krankheitserregern als Waffen“ gewarnt. Er begründete diese Warnung aber nicht mit Covid-19, sondern damit, dass 14 Staaten (dpa nennt Eritrea, Israel, Ägypten, Somalia und Syrien) der Biowaffenkonvention immer noch nicht beigetreten sind. Zudem enthalte die Konvention keinen Kontroll-Mechanismus. Nicht erwähnt wird, dass dieser Mechanismus bisher vor allem an der Zurückhaltung der USA und anderer Nato-Staaten gescheitert ist. Das ist in der Tat besorgniserregend, weil das Abkommen – vorgeblich rein zivile und/oder defensive – Forschungsarbeiten an potenziellen biologischen Kampfmitteln nicht verbietet, militärische Arbeiten zur Impfstoffentwicklung zum Beispiel. Aber die sind geheim. Welchen Zwecken sie tatsächlich dienen, ist leider nicht zu überprüfen.

Irritierende Schwerpunktsetzung

Irritierend ist die Schwerpunktsetzung der dpa aus einem anderem Grund: Das Interview wurde kurze Zeit vor der Bekanntgabe des Truppenabzugs aus Afghanistan geführt. Trotzdem stellte die dpa in ihrem deutschen Dienst die theoretisch mögliche Bedrohung durch Biowaffen in den Mittelpunkt ihrer Berichterstattung. Die dpa selbst bezeichnete das Thema Afghanistan in einer Frage als die „vielleicht wichtigste Entscheidung“ der Nato im Jahr 2021. Stoltenberg sagte: „Was auch immer wir entscheiden, es besteht ein Risiko. Wenn wir uns entscheiden zu gehen, besteht das Risiko, dass wir die Gewinne verlieren, die wir im Kampf gegen den internationalen Terrorismus erzielt haben, um zu verhindern, dass Afghanistan ein sicherer Hafen [für Terroristen] wird. Wenn wir bleiben, besteht das Risiko, dass es zu vermehrten Kämpfen und Gewalt kommt, und dass wir weiterhin in einen langfristigen militärischen Konflikt in Afghanistan verwickelt sind.“

Folgerichtig lautet der Titel der internationalen Fassung der dpa-Meldung: „Nato's Stoltenberg on Afghanistan ‚There is no guarantee of success“.

Aber im Titel der deutschprachigen Meldung „Stoltenberg: Die Bedrohungen sind noch bedroh­licher geworden“ taucht der Hinweis auf Afghanistan nicht mehr auf, und in einer parallel dazu verbreiteten „Nachrichtenfassung“ wird gar ein völlig anderer Schwerpunkt gesetzt: „Nato verstärkt infolge von Corona-Pandemie die Biowaffenabwehr“.

Der Leiter der Konzernkommunikation von dpa liefert eine bemerkenswerte Erklärung: Nur „eine“  Frage habe Afghanistan gegolten. „Die Antwort darauf hatte nach unserer journalistischen Einschätzung zu diesem Zeitpunkt keinen Nachrichtenwert für den deutschen Dienst.“ Kein Nachrichtenwert, obwohl 59 Bundeswehrsoldaten in Afghanistan ihr Leben verloren haben? Obwohl die Intervention die deutschen Steuerzahler nach Angaben der Bundesregierung bis Ende 2018 rund 16,4 Milliarden Euro gekostet hat?

Terroristen bevorzugen andere Kampfmittel

Natürlich besteht grundsätzlich die Gefahr, dass Krankheitserreger durch nicht staatliche Terroristen oder andere Kriminelle eingesetzt werden. Schon Sigmund Freud erwähnte einen Mörder, der sich Krankheitserreger beschafft und „auf diese modernste Weise“ ihm nahestehende Personen aus dem Weg geräumt habe. In solchen Fällen sind aber nicht aufwendig genetisch manipulierte Keime die Mittel der Wahl, sondern so klassische Kampfmittel wie Milzbrandbakterien. Die hatte der deutsche militärische Geheimdienst bereits 1915 für Biosabotageakte eingeführt – wenn auch mit der eindeutigen Auflage „Nur gegen Tiere, nicht gegen Menschen“. In der Tat ist der militärische Wert von Milzbranderregern kaum zu überbieten: Werden auch nur 100 Kilo davon über einer dicht besiedelten Stadt – etwa von der Größe Washingtons – versprüht, dürfte das zwischen 130.000 und drei Millionen Todesopfer zur Folge haben.

Die Aum-Sekte, die 1995 in der Tokioter U-Bahn mit dem Nervenkampfstoff Sarin einen tödlichen Anschlag durchführte, versuchte auch, Milzbranderreger über der Stadt zu versprühen. Zum Glück hatten die japanischen Terroristen eine nicht krank machende Variante des Bakteriums eingesetzt. Nach den Anschlägen von 9/11 wurden in den USA Briefkuverts versandt, die Milzbranderreger enthielten. Fünf Personen fielen dem Anschlag zum Opfer. Das hatten die Attentäter aber nicht geplant: Sie wollten Bio-psycho-Terror verüben, inszeniert, um Angst und Schrecken zu verbreiten. Die Aktion hatte erhebliche Störungen in der Versorgung mit Antibiotika zur Folge.

Maßgeschneiderte Biowaffen durch Gentechnik?

Seit Einführung der Gentechnik wird besorgt spekuliert, mit den neuen Techniken und Erkennt­nissen könnten vorhandene Biowaffen – Milzbranderreger beispielsweise – noch gefährlicher gemacht oder völlig neuartige Kampfmittel geschaffen werden. Derartige Befürchtungen habe auch ich schon vor knapp vier Jahrzehnten geteilt und beispielsweise 1984 im Jahrbuch des Stockholmer Internationalen Friedensforschungsinstituts Sipri artikuliert. Mit der anhaltenden Verfeinerung der Methoden – bis hin zur just wieder mit einem Nobelpreis gekrönten Entwicklung präziser „Genscheren“ – hat sich die Zahl der Skeptiker und deren Warnschriften weiter erhöht. Auf einschlägige Publikationen hat sich auch die dpa bei der Zusammenstellung der Zusatzinformationen in ihrer Nachrichtenfassung gestützt, wenn auch nicht auf die aktuellsten.

Tatsächlich sind aber nach Einführung der Gentechnik und nach dem zeitgleichen Inkrafttreten des von Stoltenberg erwähnten Biowaffenverbotes im Jahre 1975 bis heute insgesamt weniger als einhundert Menschen durch biologische Kampfmittel ums Leben gekommen. Die Mehrzahl davon, 66, als Folge eines Lecks in einer sowjetischen Biowaffenanlage in Swerdlowsk, dem heutigen Jekaterinburg. In keinem Fall waren genetisch manipulierte Krankheitserreger die Ursache.

Für mich ist das sehr beruhigend: Staaten fühlen sich offenbar an das Abkommen gebunden (selbst die, die noch nicht Mitglied der Biowaffenkonvention sind), und Terroristen ziehen nach wie vor die üblichen Waffen vor – vom Messer bis zum Sprengstoff. Auch in Pandemiezeiten.

An dieser Einschätzung hat sich auch in der allerjüngsten, am 22. März 2021 veröffentlichten Expertise zum Thema „Technologischer Fortschritt und Bioterrorismus in der Post-Covid-19-Ära“, die demnächst in der Parlamentarischen Versammlung der Nato zur Diskussion steht, nichts geändert. Auch hier wird darauf hingewiesen, dass es für Terroristen schwierig sein dürfte, die neuen Technologien zu nutzen.

Zusammenarbeit der Geheimdienste

Trotzdem muss man in dieser Hinsicht wachsam sein. Stoltenberg hat deshalb in dem Interview auch gesagt, „wir sind zum Beispiel dabei, den Austausch von Geheimdienst­-Erkenntnissen zu verbessern, um Angriffe zu verhindern“. Vielleicht hat er sogar konkret „mögliche Angriffe mit Biowaffen“ gemeint – auch hier unterscheiden sich verschiedene dpa-Fassungen.

Das scheint tatsächlich dringend notwendig zu sein. Das lehrt uns die Geschichte der Biowaffen.

1937 hatte beispielsweise der britische Geheimdienst gemeldet, in Berlin gäbe es ein geheimes bakteriologisches Institut der Wehrmacht, in dem Milzbrandbakterien produziert und munitioniert würden – die Meldung war völlig aus der Luft gegriffen. Zum Glück gab es damals noch keine Cruise Missiles oder bewaffneten Drohnen.

Andererseits waren die Dienste der Nato-Staaten bis zum Zusammenbruch des Sowjetblocks nicht in der Lage, den 1979 erfolgten Ausbruch einer tödlichen Milzbrand­epidemie in Swerdlowsk auf – damals schon völkerrechtlich verbotene – sowjetische Biowaffen­aktivitäten zurückzuführen. Deshalb konnte kein Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet werden.

Am eklatantesten erwies sich das Versagen der Geheimdienste der USA und Großbri­tan­niens in den ersten Jahren des 21. Jahrhunderts. Unter dem Druck der Administration in Washington glaubten sie nur zu gern einem – vom Bundesnachrichtendienst übrigens als nicht besonders glaubwürdig eingeschätzten – irakischen Dissidenten, Saddam Hussein ver­füge über einsatzbereite Milzbrandbakterien und andere biologische Kampfmittel. Mit dieser Begründung wurde das Land mit einem blutigen Krieg überzogen. Das hatte weit mehr als hunderttausend Tote zur Folge. Aber die angeblich vorhandenen Massen­ver­nich­tungsmittel wurden auf irakischem Boden nie gefunden.

Cyberattacken und Desinformationen

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass das dpa-Interview mit Stoltenberg ein Thema völlig ausblendet, nämlich das der Desinformation. Das Thema ist der Nato eigentlich sehr wichtig: Bereits im vergangenen Sommer war ein längerer Bericht über „Nato’s approach to countering disinformation: a focus on Covid-19“ erstellt worden, also über die Bemühungen der Nato, Desinformationen über die Pandemie entgegenzutreten. Darin wurde unter anderem über russische Behauptungen berichtet, das Coronavirus sei in einem litauischen Labor entwickelt worden oder von Moldawien und der Ukraine als biologische Waffe. Der chinesische Außenminister Zhao Lijian habe getwittert, die Epidemie in Wuhan sei von der US-Armee ausgelöst worden. In dem Bericht heißt es: „Desinformationen, Propaganda und Fehlinformationen sind Herausforderungen seit Jahrzehnten, aber während der Covid-19-Krise von besonderer Bedeutung.“

Der Virologe Erhard Geißler, geboren 1930 in Leipzig, ist Genetik-Professor und Gastwissenschaftler am Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin. Von 1985 bis 2000 war er Konsultant für biologische Waffen am Stockholmer Internationalen Friedensforschungsinstitut Sipri. Eines seiner Bücher heißt „Anthrax und das Versagen der Geheimdienste“. Seit 66 Jahren schreibt er gelegentlich für die Berliner Zeitung.