Am Sonntag wurde in der Schweiz über das Corona-Gesetz abgestimmt. Der Abstimmungskampf war mit bisher unbekannter Aggressivität geführt worden. Zum ersten Mal in der Geschichte meines Landes war der Vorplatz des Berner Bundeshauses abgesperrt worden, um Ausschreitungen zu verhindern. Das Gesetz, das im internationalen Vergleich eher eine Minimal-Lösung darstellt, wurde mit einer guten Mehrheit von 62 Prozent angenommen.

Die Schweiz kennt weder die scharfen Feuilleton-Debatten, wie sie in Deutschland üblich sind, noch die Millionendemonstrationen der Franzosen. Während unsere südlichen Nachbarn, die Italiener, im 20. Jahrhundert sowohl über die größte faschistische wie kommunistische Partei Westeuropas verfügten, spielten beide Ideologien in der Schweiz nie eine erwähnenswerte Rolle. Die Verbrechen der Schweiz geschehen still wie ein Blatt, das vom Baum fällt. Einheimische Firmen wie Glencore oder Nestlé mögen komplette Volkswirtschaften in den Abgrund gerissen haben, aber kein Geschichtsbuch berichtet davon.

Vielleicht gibt es gerade deshalb in der Schweiz eine Ausgleichsfunktion: die sogenannte Direkte Demokratie mit ihren Initiativen und Referenden. Politische Debatten werden in der Schweiz alle paar Wochen mit der Härte eines unblutigen Squid Games und zugleich der Präzision einer demographischen Studie ausgetragen. Erstaunlich dabei ist: Je unwichtiger eine Abstimmung, desto heißer der Streit.

Wohl jeder in der Schweiz erinnert sich an die Minarett-Initiative im Jahr 2009. Auch wenn es damals in der Schweiz – und da die Abstimmung gewonnen wurde: auch heute noch – insgesamt nur vier Minarette gab: Es ging um die Rettung des Abendlands und der Freiheit. Rationale Tatsachen interessieren an der Urne letztlich niemanden.

Bei Ablehnung des Corona-Gesetzes wäre etwa der Covid-Pass abgeschafft worden. Das Argument der Gegner: die 3G-Regel würde eine Zweiklassengesellschaft schaffen. Was rein theoretisch richtig ist, praktisch aber keinen Sinn ergibt. Denn dann müssten auch der Führerschein oder die Verkehrsampel als „undemokratische“ Mittel zur Lebensverlängerung verboten werden.

Genauso uninteressant sind die im Feuilleton jeweils breit diskutierten soziologischen Erkenntnisse der Abstimmungssonntage. Von einigen Überläufern abgesehen, führt die Linie zwischen Befürwortern und Gegnern der Corona-Maßnahmen unspektakulär an den bekannten Verwerfungen jeder modernen Gesellschaft entlang. Auf der einen Seite die urbanen Mittelschichten, für die der Impfpass ein bedeutungsloser Preis ist für ein mobiles Leben. Auf der anderen Seite eine Landbevölkerung, die genau diese Mobilität und Unpersönlichkeit ablehnt und den Impfbus gar nicht erst ins Dorf lässt.

Damit bleibt eigentlich nur noch eine Erklärung: die Direkte Demokratie als Arendtsches Wagnis der Freiheit. Alle paar Monate stürzt sich die Schweiz offenen Auges in archaische Feindseligkeit, nur um nach dem Abstimmungssonntag jeden Zwist zu begraben. Mit wundersamem Edelmut akzeptieren die Unterlegenen die Entscheidung der Mehrheit, die sie gerade noch als Gipfel der Dummheit bekämpft hatten. Ich rate auch Deutschland zu dieser naiven, aber effektiven Medizin gegen die gesellschaftlichen Nebenwirkungen des Corona-Zeitalters.