Vom Präsidialamt über die Gefängniszelle zum Sieg: Lula da Silva schlägt Bolsonaro

Lula da Silva schlägt Bolsonaro knapp mit 51 Prozent. Ein spektakuläres Comeback für den ehemaligen Metallarbeiter. Doch das Land bleibt gespalten. Ein Bericht aus São Paulo.

Luiz Inácio „Lula“ da Silva gewinnt die Wahl in Brasilien und feiert mit seiner Frau am Wahlabend.
Luiz Inácio „Lula“ da Silva gewinnt die Wahl in Brasilien und feiert mit seiner Frau am Wahlabend.AP/Andre Penner

Als Luiz Inácio „Lula“ da Silva um 20.44 Uhr Ortszeit im vollgepackten Auditorium vor die Presse tritt, hat er ein breites Lächeln im Gesicht. Man hört Jubel, Fäuste werden in die Luft gereckt, im Chor schallt es „Olé, olé, olé, olá, Lula, Lula“. Wenige Minuten zuvor war bekannt geworden, dass der ehemalige Gewerkschaftsführer die Stichwahl gegen den rechtsradikalen Amtsinhaber Jair Bolsonaro gewonnen hat.

Es war der große Showdown zwischen zwei Männern, die kaum unterschiedlicher sein könnten. Rechtsradikaler gegen Sozialdemokrat. Amtsinhaber gegen Ex-Präsident. Eine Wahl der harten Kontraste. Trotz aller politischen Differenzen haben sie aber auch einiges gemeinsam: Beide elektrisieren die Massen, wecken Emotionen, werden gleichermaßen verehrt wie verachtet.

Der Außenseiter Bolsonaro polarisierte

Die Arbeiterpartei PT hatte am Sonntag in ein schickes Hotel im Zentrum der Megametropole São Paulo geladen. Neben der internationalen Presse waren auch einige prominente Gäste zugegen. „Für die Umwelt und Brasiliens Rolle in der Welt war Bolsonaro furchtbar“, sagte der ehemalige britische Labour-Chef Jeremy Corbyn der Berliner Zeitung. „Außerdem hat er die Lebensgrundlage der Ärmsten zerstört.“

Bei der Wahl 2018 hatte es Bolsonaro noch geschafft, sich als Saubermann und Anti-Establishment-Kandidat zu inszenieren. Mit einem geschickten Wahlkampf in den sozialen Medien gelang es ihm, den Hass auf die Arbeiterpartei PT zu schüren und zu bündeln, bestehende Ressentiments weiter anzufachen. Die Rechnung ging auf, der Außenseiter Bolsonaro gewann die Wahl.

„Es ist ein Sieg der Demokratie“

In den fast vier Jahren seiner Amtszeit hat der ultrarechte Präsident tiefe Spuren hinterlassen. Sein schulterzuckender Umgang mit dem Coronavirus stürzte das Land ins Pandemiechaos, wegen seiner Kahlschlagpolitik im Regenwald gilt Brasilien als Paria im Ausland, Korruptionsskandale kratzen an seinem eigenen Saubermann-Image. Viele haben sich mittlerweile von Bolsonaro abgewendet, bei einigen gilt er als Hassfigur schlechthin: Wenn er im Fernsehen spricht, klopfen sie aus Protest auf Kochtöpfe.

Nach seiner Rede zieht Lula weiter auf die Avenida Paulista, die bekannteste Straße der Stadt, so etwas wie der Times Square São Paulos. Zehntausende haben sich dort versammelt: Ein Meer aus Rot, Feuerwerk kracht in der Luft, es fließen Freudentränen. Windige Verkäufer preisen T-Shirts mit dem Konterfei Lulas an, auf Grills brutzeln Fleischspieße. Zélia Lucas Patricio, 57, eine schwarze Frau mit Lula-Stickern auf dem weißen Blazer, ist aus dem armen Randgebiet ins Zentrum gekommen, um den Wahlsieg Lulas zu feiern. „Es ist ein Sieg der Demokratie“, sagt sie. Bolsonaro habe nichts für die Vorstadt gemacht, sei ein Präsident der Reichen.

Laut Studien: 33 Millionen Brasilianer hungern

Gerade die dramatische soziale Situation dürfte Bolsonaro das Amt gekostet haben. Zwar ist die Inflation in den vergangenen Monaten leicht zurückgegangen, und im kommenden Jahr wird mit einem zaghaften Wirtschaftswachstum gerechnet. Doch die Verarmung hat landesweit zugenommen. Alltägliche Dinge wie Gaskanister zum Kochen sind für viele nicht mehr erschwinglich, laut Studien hungern 33 Millionen Brasilianer.

Trotz aller Kritik schnitt der ultrarechte Politiker in der Stichwahl besser ab, als die Umfragen vorausgesagt hatten. Das liegt auch daran, dass es Bolsonaro tatsächlich geschafft hat, eine Massenbewegung hinter sich zu scharen – und das nicht nur im Netz. Der Bolsonarismus setzt sich aus ganz unterschiedlichen Gruppen zusammen: Christen, Landwirte, Waffenfans, Wirtschaftsliberale. Was sie zusammenhält: die Überzeugung, auf der richtigen Seite zu stehen, und die Haltung, sich nach außen hermetisch abzuschirmen. In ihrer Welt gibt es nur zwei Kategorien: für Bolsonaro oder gegen ihn. Freund oder Feind. Wir gegen die.

Einige hielten sogar einen Putschversuch für möglich

Bolsonaro nährt diese Wagenburgmentalität noch, indem er ständig Konflikte mit den demokratischen Institutionen provoziert. Von seinen Anhängern, den bolsonaristas, wird der Pöbelpräsident als einsamer Kämpfer verehrt, der das Establishment das Fürchten lehrt. Bisweilen trägt der Bolsonaro-Kult fast religiöse Züge. Nach der Wahlniederlage blockierten Fans in einigen Bundesstaaten Straßen und erklärten, die Ergebnisse nicht anzuerkennen. Doch insgesamt blieb es weitestgehend friedlich.

Im Vorfeld der Wahl wurde viel über Gewalt diskutiert, einige hielten sogar einen Putschversuch für möglich. Doch für einen offenen Bruch mit der Verfassung dürfte Bolsonaro die nötige Rückendeckung fehlen. Es gibt eine aktive Zivilgesellschaft in Brasilien, kritische Medien, und die demokratischen Institutionen funktionieren immer noch, zumindest halbwegs. Auch im Ausland setzen viele auf die Abwahl Bolsonaros. US-Präsident Joe Biden zählte am Sonntag zu den ersten Gratulanten Lulas.

Lula stammt aus dem armen Nordosten

Wohl kein Politiker prägte die brasilianische Politik in den letzten Jahrzehnten so stark wie der kleine Mann mit der unverkennbaren Kratzstimme. Die Faszination, die von ihm ausgeht, hängt auch damit zusammen, dass seine Geschichte die Geschichte vieler Brasilianer ist. Lula stammt aus dem armen Nordosten, entfloh mit seiner Familie dem Hunger, um im Industriegürtel São Paulos ein neues Leben zu beginnen. Ein Klassenzimmer sah er nur für kurze Zeit von innen. Mit 14 fing er an, als Dreher in einer Kupferfabrik zu arbeiten. Dort formte er eine außergewöhnliche Karriere: Der redegewandte junge Mann brachte es schnell zum Gewerkschaftsführer, organisierte Streiks, hielt flammende Reden vor Werkstoren.

Anfang der 1980er-Jahre gründete Lula mit einigen Mitstreitern eine Partei, die Brasilien nachhaltig verändern sollte: die Arbeiterpartei Partido dos Trabalhadores. In den dunklen Jahren der Militärdiktatur war sie ein Sammelbecken für oppositionelle Gewerkschafter, sozialistische Katholiken und soziale Bewegungen, und Lula wurde ihr bekanntestes Gesicht. Sein Interesse an Politik, erklärte er später einmal, erwachte bei einem Besuch im brasilianischen Kongress: Von den 433 Abgeordneten kamen nur zwei aus der Arbeiterklasse.

2002: Der Metallarbeiter wurde zum Präsidenten gewählt

Das wollte Lula ändern. Dafür musste er nach ganz oben. Dreimal zog er als Spitzenkandidat für die PT in den Wahlkampf. Dreimal unterlag er. Vor der Wahl 2002 schlug Lula moderatere Töne an und signalisierte: Mit ihm als Präsidenten werde es keinen radikalen Bruch geben. Vor 20 Jahren schrieb er Geschichte: Der Metallarbeiter wurde zum Präsidenten des größten Landes Lateinamerikas gewählt.

Für die Armen sollte mit Lulas Wahlsieg eine neue Zeit beginnen. Mit den Einnahmen aus dem Rohstoffgeschäft konnte die Regierung Sozialprogramme finanzieren, 30 Millionen Brasilianer entkamen der Armut, der Hunger konnte fast komplett beseitigt werden. Schwarze Vorstadtkids schrieben sich nun an Universitäten ein, Hausangestellte bekamen erstmals einige Arbeitsrechte zugesprochen.

Lula weckt bis heute bei vielen Brasilianern das Gefühl von saudade, einer Sehnsucht nach besseren Zeiten. So auch bei Sueli da Santana. Die klein gewachsene 34-Jährige steht am Rand der Siegesfeier. Eigentlich stammt sie aus dem Bundesstaat Bahia. Dort konnte sie „dank Lula“ eine vom damaligen Präsidenten gegründete Universität besuchen. Heute arbeitet sie in São Paulo als Krankenschwester. Auch die Corona-Politik Bolsonaros sei ein Grund, warum sie ihn als „den schlechtesten Präsidenten aller Zeiten“ bezeichnet. In ihrem Krankenhaus habe sie viele Menschen an Corona sterben sehen, während Bolsonaro Falschmeldungen über die Pandemie verbreitete.

Lula wird hart um Mehrheiten kämpfen müssen

In seiner ersten Rede erklärte Lula: Er werde Präsident für alle Brasilianer sein – nicht nur für die, die ihn wählten. Auch im Wahlkampf gab sich Lula als großer Versöhner, als Anti-Bolsonaro, als jemand, der das Land wieder zusammenbringen will. Doch das wird nicht einfach.

Bolsonaro lag zwar hinter Lula, erzielte aber ein hohes Wahlergebnis. Außerdem schafften etliche bolsonaronahe Kandidaten den Einzug in die Parlamente und seine Partei wird die stärkste Fraktion in der Abgeordnetenkammer stellen. In São Paulo setzte sich – ebenfalls am Sonntag – der Bolsonaro-Kandidat Tarsício Freitas klar gegen den PT-Politiker Fernando Haddad durch. Damit werden die drei größten Bundesstaaten Brasiliens – São Paulo, Rio de Janeiro und Minas Gerais – künftig von Bolsonaro-Verbündeten regiert. Lula wird hart um Mehrheiten kämpfen müssen. Er ist sich der Kräfteverhältnisse bewusst und bewegt sich politisch nun deutlich gen Mitte.

„Dieser Sieg bedeutet viel für Brasilien“

Und wie Bolsonaro gilt Lula vielen Brasilianern als Hassfigur. Nach den Jubeljahren dauerte es nicht lange, bis auf Demonstrationen „Lula: ladrão“, „Lula: Dieb“ gebrüllt und Puppen des Ex-Präsidenten in Häftlingsuniform in die Luft gereckt wurden. Ab 2014 wurde die einst so stolze und populäre Arbeiterpartei eine Projektionsfläche für die Enttäuschung einer ganzen Nation. Mit dem Beginn einer schweren Wirtschaftskrise, vor allem aber nach der Aufdeckung gigantischer Korruptionsskandale galt Lula plötzlich als Kopf eines kriminellen Netzwerks. 2016 wurde Lulas Nachfolgerin und politische Ziehtochter Dilma Rousseff nach einem juristisch fragwürdigen Amtsenthebungsverfahren abgesetzt. Die Ex-Präsidentin ist am Sonntag ebenfalls in São Paulo anwesend. „Dieser Sieg bedeutet viel für Brasilien“, sagte Rousseff der Berliner Zeitung „Wir haben heute gezeigt, dass wir zurück sind.“

Dass Lula nun erneut zum Präsidenten gewählt wurde, kommt einem kleinen Wunder gleich. 2017 verurteilte ihn ein Gericht wegen passiver Korruption und Geldwäsche. Der Vorwurf lautete konkret: Der Ex-Gewerkschafter soll einem Baukonzern Staatsaufträge als Gegenleistung für eine Luxuswohnung verschafft haben. Das Urteil stützte sich allein auf Indizien, Beweise konnte die Staatsanwaltschaft nicht präsentieren. Trotzdem kam der frühere Präsident in Haft und konnte damit, anders als geplant, 2018 nicht bei der Wahl antreten. Auf diese Art wurde der Weg frei für Bolsonaro. Doch Brasiliens serienreife Geschichte nahm weitere Volten: 2019 kam Lula aus der Haft frei, und im März 2021 wurden alle Urteile gegen ihn annulliert. Am 1. Januar 2023 wird er zum Präsidenten vereidigt.

Lula versprach, den Umweltschutz zu einer Priorität zu machen und die Entwaldung auf null zu drücken. Man soll merken, dass er viel vorhat. Doch wie er seine ambitionierten Pläne genau umsetzen will, verrät er nicht. Oft bleibt er schwammig, viel spricht er über die Vergangenheit, fast schon nostalgisch klingt es gelegentlich. Und die goldenen Zeiten sind vorbei. Die Fronten sind verhärtet, die Gesellschaft ist gespalten. Der Bolsonarismus wird sich nicht einfach in Luft auflösen, selbst wenn der Namensgeber dieses Phänomens nicht mehr Präsident sein sollte. Außerdem ist er mit seinen 77 Jahren wahrlich nicht mehr der Jüngste. Trotz allem glauben viele, wenn es einer richten kann – dann Lula.

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