Im März 1926 demonstrierten in Berlin erwerbslose Frauen und Männer für die im Volksbegehren vorgeschlagene Fürstenenteignung.
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BerlinWer den Streit um die gescheiterte Enteignung der vormals regierenden Fürstenfamilien im Deutschen Reich in den 1920er-Jahren betrachtet, der darf den großen Rahmen nicht übersehen. Revolutionen und politische Umstürze produzieren nämlich immer die Frage: Wie gehen die neuen Herrscher mit den Anhängern des alten Regimes um? Will man sie ausgrenzen oder einbinden?

Teil eines solchen Entscheidungsprozesses war, dass in Berlin das Schloss 1926 dem Staat, das umfangreiche Kulturgut in den Schlössern und das staatlich finanzierte Hohenzollernmuseum aber überwiegend dem „vormals regierenden preußischen Königshaus“ zugesprochen wurden. Bis heute führt das zu Eigentumskonflikten.

Neue Regime müssen, um ihre Macht zu etablieren, die Sicherheit der Bürger zu garantieren und die eigenen Anhänger zu belohnen, möglichst schnell Steuern und Abgaben einziehen. Beides kann, wie Lenin, Trotzki, Stalin oder Mao Tse-tung zeigten, durchaus auch mit Terror und Ausplünderung der Bevölkerung erreicht werden. Langfristig sind die Nachteile der Methode aber groß: Sie ist teuer, zerstört immense Kenntnisse, schafft andauernde Unsicherheit und behindert den Aufbau neuer Loyalitäten.

Fürstenenteignung wurde 1926 im Volksentscheid klar abgelehnt

Der Normalfall ist deswegen, dem alten Regime eine Brücke zu bauen in die neue Zeit, bis die eigenen Anhänger in der Lage sind, das Land zu regieren. Das war auch die Strategie der deutschen Republikaner nach der Revolution 1918.

Spätestens die Wahl zur Nationalversammlung 1919 hatte klargemacht, dass die Deutschen nicht den radikal-revolutionären Weg Russlands gehen wollten. Die Weimarer Reichsverfassung garantierte entsprechend einerseits das Eigentum, machte andererseits die Enteignung im gesamtgesellschaftlichen Interesse möglich.

Die klare Ablehnung der entschädigungslosen Fürstenenteignung 1926 im Volksentscheid zeigte zudem, wie stark über alle Partei-, Konfessions- und regionalen Grenzen hinaus die Loyalitäten an die alten Herrscherfamilien waren: Nur in Berlin, Hamburg und Leipzig wurde die 50-Prozent-Marke knapp überschritten, reichsweit stimmten lediglich 36,4 Prozent der Abstimmenden dem Vorschlag der KPD zu.

Aber Privat- und Staatsvermögen der einstigen Herrscherfamilien und das für die Unterhaltung der Höfe eingesetzte Kronvermögen waren faktisch und rechnerisch oft kaum trennbar: Im kleinen Mecklenburg-Strelitz etwa wurde mehr als die Hälfte des Staatsgebiets als Privatbesitz der einstigen Herzogsfamilie bewertet. In Bayern galten die heutigen Staatlichen Kunstsammlungen insgesamt als Privatbesitz der Wittelsbacher.

Wilhelm II. von Preußen hatte, durchaus untypisch für seine sonst militärisch geprägte Familie, erfolgreich als Unternehmer agiert, etwa mit der Gründung der Majolikafabrik in Cadinen. Was von diesen Vermögen war privat, was staatlich erworben? Wie stand es mit Bibliotheken, Schlossausstattungen, Hoftheatern und -orchestern, die oft von den Hofverwaltungen betreut worden waren, zweifellos aber der Repräsentation des Staats und oft dem Vergnügen seiner Bürger dienten?

Wie die Bayern es besser machten

Bayern fand als eines der ersten deutschen Länder eine Lösung. 1923 wurde vom Landtag und von der Wittelsbacher-Familie der Wittelsbacher Ausgleichsfonds eingerichtet. Als Fundament dieser ewigen Stiftung wurden die staatlichen Domänen zwischen Staat und Wittelsbachern aufgeteilt und alle nach 1804 von den Wittelsbachern erworbenen Kulturgüter etwa in die Alte und die Neue Pinakothek, die Glyptothek, das Bayrische Nationalmuseum oder die Staatsbibliothek eingebracht.

Zugleich begründete der einstige Kronprinz Ruprecht die Wittelsbacher Landesstiftung für das vor 1804 erworbene Kulturgut. Ziel der Doppelstiftung ist, den Kunstbesitz der Wittelsbacher in der Gesamtheit der Gesellschaft zu erhalten. Veräußerungen aus den Sammlungen, um die Familie zu unterhalten, sind nicht möglich. Andererseits muss der Staat Bayern dauerhaft diese Familie finanzieren.

Angesichts der juristischen und politischen Ausgangsbedingungen war der Kompromiss geradezu brillant. Auch deswegen ist er bis heute unumstritten. Der Großherzog von Sachsen-Coburg-Gotha 1928 orientierte sich an diesem Modell. Ganz anders die Welfen in Braunschweig. Sie erhielten acht Millionen Mark aus einstigem Welfenvermögen, zudem Land und Schlösser als Ausgleich sowie endgültigen Zugriff auf den einzigartigen Stiftsschatz von St. Blasien in Braunschweig.

So entschieden die Bürger im Volksentscheid zur Fürstenenteignung von 1926.
Grafik:  BLZ/Hecher;  GNU/Wikicommons

Dieser „Welfenschatz“ wurde 1930 an ein Händlerkonsortium verkauft, der ihn nach einer Tournee durch die USA in den 1930ern an den Staat Preußen veräußerte. Ob dieser Weiterverkauf unter nationalsozialistischem Zwang stattfand, ist umstritten. 1945 konnten sie mithilfe der britischen Armee zudem die in Ostdeutschland gelegenen Schlösser leerräumen, deren Inventar zusammen mit dem von Schloss Marienburg 2005 bei Sotheby’s für 25 Millionen Euro versteigert wurde. Kurz: Die Welfen leben seit mehr als einem Jahrhundert von dem Vermögen, das ihnen der Staat Braunschweig überließ.

Ähnlich sahen die Verträge mit den Obotriten in Mecklenburg-Schwerin, den Wettinern in Sachsen, dem Haus Baden, dem Haus Hessen, oder thüringischen Fürstenfamilien aus: Land und Häuser sowie Kulturgut werden privatisiert, um auf Dauer die Entschädigungsansprüche abzugelten.

Auch die Hohenzollern verhandelten unter dieser Maxime seit 1920 mit dem Staat Preußen. Eine Stiftung für Kulturgut nach bayrischem Vorbild stand nie ernsthaft zur Debatte. Stattdessen wurde 1926 ein Vertrag abgeschlossen, der nach heutigem Verständnis sittenwidrig genannt werden darf. Es wurden praktisch alle finanziellen Lasten der Republik zugeschrieben, also der Unterhalt von 73 Schlössern und Parkanlagen, die Zahlung der Gehälter und der in Jahrzehnten aufgebauten Pensionsverpflichtungen.

Preußen erlaubte Hohenzollern Zugriff auf Bestände, die vor 1820 erworben wurden

Die Familie Hohenzollern bekam hingegen den Zugriff auf etliche gut bewohnbare Häuser sowie auf Zehntausende erstklassig kommerziell zu verwertende Kunstwerke aus dem Inventar der Schlösser.

Da es im Vertrag kein genaues Verzeichnis der Bestände gab, auch das Stichdatum nachträglich verändert wurde, ist heute der Eigentumsstatus vieler Objekte unklar. Dass die Kronjuwelen, genuiner Bestand jeder Staatsrepräsentation, zum Privatbesitz erklärt wurden, grenzt ans staatsrechtlich Absurde, ebenso die Verfügung über ganze Aktenbestände und Bibliotheken.

Noch erstaunlicher ist, dass Preußen den Hohenzollern Zugriff auf Bestände erlaubte, die eindeutig vor 1820 erworben worden sind, als mit der Civilliste die Trennung von Staats- und Monarchenvermögen wenigstens formal etabliert worden war.

So kam etwa die grandiose Sammlung von Rokoko-Gemälden, die Friedrich II. einst eindeutig für den Staat erworben hatte, in ihren Privatbesitz. Die Hohenzollern begannen entsprechend, wie jüngere Forschungen zeigen, spätestens Ende der 1920er-Jahre und in kontinuierlicher Reihe bis in die jüngste Vergangenheit, das ihnen zugebilligte Kulturgut auf Auktionen oder durch Direktverkäufe zu verwerten.

Das Fatale an dieser Lösung war: Viele Mitglieder der einst herrschenden Familien Deutschlands wurden mit dieser Vermögenslösung zu Dauer-Rentiers mit großen Ansprüchen, aber keinerlei eigener Leistung mehr für die Gesellschaft. Keiner der Söhne Wilhelms II. trat eine eigenständige Karriere in Wirtschaft, Verwaltung, Politik, Wissenschaft oder Kultur an – im Unterschied zu den weit bescheidener finanzierten Wittelsbachern, die aber als Landwirte schon im 19. Jahrhundert reüssiert hatten, oder den vollkommen enteigneten österreichischen Habsburgern.

Aber auch das gehört zur Geschichte der Fürstenentschädigungen: die sukzessive politische Demobilisierung eines einst politisch aktiven Standes durch Verrentung.