Am Sonnabend, den 17. Juni 1972, weckte Bob Woodward um 9 Uhr früh ein Anruf des Chefs der Lokalredaktion der Washington Post. Er schickte den Polizeireporter in ein Gericht der Hauptstadt der USA, in dem gleich eine Kautionsverhandlung stattfinden würde. Fünf Einbrecher waren in der Nacht zuvor dabei erwischt worden, wie sie sich im Hauptquartier der Demokratischen Partei im Watergate-Bürokomplex zu schaffen machten.

Sie hatten Abhörgeräte und Filmausrüstung bei sich, trugen Gummihandschuhe und die Taschen ihrer Anzüge steckten voller 100-Dollar-Scheine. Ein Wachmann hatte sie entdeckt und die Polizei benachrichtigt. Bei der ersten Vernehmung gaben sie falsche Namen an und schwiegen ansonsten, die Staatsanwaltschaft beantragte Haft und lehnte ihre Freilassung gegen Kaution ab.

Als der Richter den mutmaßlichen Anführer nach seinem Beruf fragte, antwortete James McCord: „Sicherheitsberater“. Er sei erst kürzlich aus dem Staatsdienst ausgeschieden. „Wo im Staatsdienst?“, fragte der Richter. „CIA“, antwortete McCord so leise, dass Woodward ihn kaum verstehen konnte.

Das war der Beginn eines Politdramas, das die Gesellschaft der USA gebannt und erschüttert hat und schließlich im Rücktritt des Präsidenten Richard Nixon im August 1974 gipfelte. Zuerst die Recherchen der Washington Post und dann die Untersuchungen der Justiz und des Kongresses hatten über zwei Jahre hinweg immer weitere Einzelheiten eines verbrecherischen Systems zur Ausforschung und Verfolgung politischer Gegner und zur Unterdrückung von Interna aus dem Weißen Haus aufgedeckt.

Für den Einbruch verantwortlich: Die Klempnergang des Weißen Hauses

Um Lecks im Regierungsapparat zu stopfen und nachteilige Informationen über Gegner zu sammeln, unterhielt das Weiße Haus eine „Klempnergang“, die auch für den Einbruch in die Büros der Demokratischen Partei verantwortlich war. Dort sollten die Pläne der Demokraten für den gerade laufenden Präsidentschaftswahlkampf belauscht werden.

Die kriminellen Aktivitäten gingen von einem kleinen Kreis enger Mitarbeiter des Präsidenten aus, der dieses Vorgehen forderte und förderte. Er bestritt dies lange und wurde schließlich als Lügner überführt  – auch weil er sämtliche Gespräche in seinem Büro, dem Oval Office, auf Tonband aufzeichnen ließ.

Nixon scheiterte erst vor dem Obersten Gericht

Mit dem Versuch, diese Tonbänder vor den Ermittlern unter Verschluss zu halten, scheiterte Nixon schließlich erst vor dem Obersten Gericht, das die Herausgabe anordnete. Damit konnte jeder erfahren, welches Verständnis von Pressefreiheit und Gesetzestreue dieser Präsident hatte: „Es ist mir wurscht, wie es gemacht wird, aber macht, was getan werden muss, um die undichten Stellen zu stopfen. Verhindert weitere nicht autorisierte Veröffentlichungen. Ich will nicht hören, warum es unmöglich ist. Die Regierung kann nicht überleben, sie kann nicht arbeiten, wenn jeder, der will, daherkommt und Dokumente preisgeben kann, wie es ihm gerade einfällt. Ich will keine Ausreden, ich will Ergebnisse. Ich will, dass es gemacht wird. Um jeden Preis.“

Der Watergate-Skandal beschädigte das Vertrauen vieler Bürger in das politische System der Vereinigten Staaten, gilt aber gleichzeitig als Geburtsstunde eines unerschrockenen investigativen Journalismus, der die Machenschaften der Regierenden aufdeckt und dafür sorgt, dass sie vor der Öffentlichkeit, von Justiz und Parlament zur Verantwortung gezogen werden.

Helden im Film: Robert Redford und Dustin Hoffman in „Die Unbestechlichen“

Mit den ebenso unermüdlich wie verbissen recherchierenden Journalisten Carl Bernstein und Bob Woodward hatte die Geschichte zwei Helden, die der Film „Die Unbestechlichen“ mit Robert Redford und Dustin Hoffman in den Hauptrollen weltberühmt und zu Vorbildern einer ganzen Generation von Journalisten mit einem neuen Berufsverständnis gemacht hat.

Zum 50. Jahrestag des Beginns des Watergate-Skandals wird in den USA vielfältig an die Geschehnisse erinnert, die damals die Nation in ihren Bann schlugen. Die Kurzserie „Gaslit“ mit Julia Roberts wirft noch einmal einen neuen Blick darauf und zeigt, wie Martha Mitchell, die Frau des Nixon-Vertrauten John Mitchell, als Erste über die kriminellen Machenschaften im Weißen Haus plauderte. Da man in Washington aber wusste, dass sie gern fabulierte und auch mal ein Gläschen zu viel trank, nahm man sie nicht ernst.

So wurde und blieb die Enthüllung ein bis heute gefeierter Triumph der Pressefreiheit, ebenfalls durch eine Frau ermöglicht: Katherine Graham, die unerschrockene Verlegerin der Washington Post, die ihren Journalisten allen Anfeindungen und Rückschlägen zum Trotz den Rücken stärkte.

AP/Manuel Balce Ceneta
Foto vom 6. Januar 2021, Anhänger von Präsident Donald Trump, vor der Senatskammer im Kapitol in Washington

Trump und die Verachtung für die Spielregeln der Demokratie

Die intensive Beschäftigung mit Watergate aber hängt auch mit der Tatsache zusammen, dass die USA sich genau 50 Jahre nach Nixon wieder mit einem Ex-Präsidenten auseinandersetzen müssen, der in seiner Verachtung für die Werte und die Spielregeln der Demokratie und die Rolle kritischer Medien seinem damaligen Vorgänger in nichts nachsteht, ihn womöglich sogar übertrifft.

Gerade haben im Kongress die Anhörungen zu der Frage begonnen, welche Rolle Donald Trump bei dem Sturm auf das Kapitol am 6. Januar 2021 gespielt hat, was er alles unternommen hat, um die Amtsübernahme seines gewählten Nachfolgers Joe Biden zu hintertreiben. Vor 50 Jahren verfolgten zig Millionen Amerikaner gespannt die live im Fernsehen übertragenen Anhörungen zu den Machenschaften der Nixon-Regierung. Auch die öffentliche Untersuchung des Putschversuchs der Trump-Getreuen wurde live aus dem Kapitol übertragen.

Doch es gibt einen großen Unterschied: Während sich die Amerikaner damals bis weit in die Anhängerschaft der Republikaner hinein in der Empörung über die Vorgänge in Nixons Weißem Haus einig waren, kann sich Trump weiterhin einer breiten Unterstützung seiner Person und seiner Geringschätzung für die Demokratie wie für die meisten Medien im Land sicher sein.

Eine Frage, die im Zusammenhang mit Watergate diskutiert wird, lautet: Hätte Richard Nixon unter den heutigen Bedingungen auch zurücktreten müssen? Der vielmals als Lügner überführte Donald Trump überstand ein Amtsenthebungsverfahren dank der Vasallentreue der Republikaner im Kongress unbeschadet, getragen aber auch von einem beträchtlichen Teil der amerikanischen Öffentlichkeit.

Garrett Graff, Autor des kürzlich erschienenen Buchs „Watergate: A New History“, erläuterte in der Washington Post den Unterschied zu den Vorgängen 50 Jahre zuvor: „Die republikanischen Abgeordneten verstanden, dass sie eine einzigartige und wichtige Rolle als Parlamentarier hatten, den Machtmissbrauch der Regierung zu unterbinden.“

Im Sommer 1974 war klar, dass die Republikaner das bereits gegen ihren Präsidenten angestrengte Amtsenthebungsverfahren unterstützen würden. Er kam dem durch seinen Rücktritt zuvor. „Diese Handlungsfreiheit hatten sie, weil es kein Echosystem rechtsgerichteter Medien gab“, stellte Graff fest. Heute gibt es das, mit dem TV-Sender Fox News im Zentrum.

Die Rolle der Lokalzeitungen in den USA – damals waren sie unglaublich stark

Die Medien sind ein zentraler Bestandteil des grundlegenden gesellschaftlichen Wandels, den die USA in den vergangenen Jahrzehnten erlebt haben. „Die nationalen Zeitungen waren damals auf eine Weise wichtig, die für uns heute unvorstellbar ist, und sogar die Regionalzeitungen waren unglaublich stark“, sagte Graff.

Die Amerikaner verfolgten die Geschehnisse in Washington in ihren Lokalzeitungen, von denen es in vielen Städten oft zwei oder noch mehr gab. Diese Zeitungen waren wie die großen Fernsehnetzwerke einem klassischen Journalismus verpflichtet, der sich vor allem an den Fakten orientierte in einer Zeit, da die Vorstellung, dass ein amerikanischer Präsident lügen könnte, völlig abwegig schien.

Somit verfügten die Amerikaner, gleich, ob sie in den Großstädten der West- oder Ostküste, in den Industriegebieten oder auf dem Land dazwischen lebten, in etwa über den gleichen Kenntnisstand und fühlten sich dem gleichen Wertesystem verpflichtet.

Verloren: Das Vertrauen in die Institutionen der Demokratie

Es ist keine Frage, dass auch dieses Mediensystem seine Schwächen hatte. Es war vor allem weiß und männlich dominiert, an den Normen der amerikanischen Mittelschicht orientiert. Aber es verkörperte doch ein öffentliches Vertrauen in die Institutionen der Demokratie und ihre Kraft, auch schwerwiegende Fehlentwicklungen wie jene unter Richard Nixon aufzudecken und zu korrigieren.

Heute sind die USA ein Land, in dem es in vielen Orten überhaupt keine lokalen Zeitungen mehr gibt, ob gedruckt oder digital. In dem der 1996 gegründete Fox-News-Kanal des rechten australischen Medienunternehmers Rupert Murdoch zu einer Propagandamaschine zugunsten von Donald Trump geworden ist, die dessen Lügen und Fake News ungefiltert verbreitet. Ein Land, in dem ungezählte Internetforen oft die einzige Informationsquelle ihrer Nutzer sind, die Verschwörungstheorien verbreiten und das Vertrauen in die politischen Institutionen und die Demokratie generell untergraben. So gibt es auch als Folge dieser Medienlandschaft in der Politik der USA keine gemeinsame Basis allgemein anerkannter Fakten mehr.

Der Aufschwung von New York Times und Washington Post

Andererseits haben die beiden großen nationalen Zeitungen, die New York Times und die Washington Post, in der Amtszeit von Donald Trump eine Renaissance des investigativen, den Werten der Demokratie und der Faktentreue verpflichteten Journalismus bewirkt. Ihre unermüdliche Auseinandersetzung mit den Lügen und Falschbehauptungen, den „alternativen Fakten“ Trumps und seiner Leute war im besten Sinne aufklärerisch und hat den Verlagen einen großen Zuwachs an Ansehen und digitalen Abonnements gerade unter jüngeren Leuten gebracht.

Dennoch kommt die Medienkolumnistin der Washington Post, Margaret Sullivan, in einem Vergleich der Skandale um Nixon und Trump zu einer klaren, wenn auch bedrückenden Antwort auf die Frage, wie es Nixon in den USA unserer Tage ergangen wäre: „Wenn wir uns an die Watergate-Affäre erinnern, sollten wir erkennen, wie unwahrscheinlich deren gerechte Lösung heute wäre. Richard Nixon würde als Präsident überlebt haben.“