Es gibt die weitverbreitete Vorstellung, dass hinter der Aufmerksamkeit für geopolitische Entwicklungen andere gesellschaftliche Probleme zurücktreten. Das trifft besonders zu, wenn es um Krieg geht. Und die Gewalt, die wir nun seit acht Jahren in der Ukraine erleben, hat in den vergangenen Wochen neue Ausmaße gefunden. Es ist tragisch und erzeugt ein Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht, dass es nicht viele Möglichkeiten gibt, dem kriegerischen Handeln Einhalt zu gebieten. Das autoritäre Regime Russlands unter Präsident Wladimir Putin hat sich dazu entschieden, einen Angriffskrieg auf die Ukraine zu beginnen. Aus berechtigter Vorsicht vor einem Dritten Weltkrieg versuchen gerade etliche Staaten, politische Wege zu finden, um die ukrainische Verteidigung von Freiheit und Demokratie zu unterstützen, ohne selbst militärisch einzugreifen.

Doch in diesen Tagen ist es nicht nur für Politiker:innen kompliziert, die versuchen, der russischen Aggression Einhalt zu gebieten. Auch diejenigen, die versuchen, Analysen bereitzustellen, um den Schrecken zu verstehen, haben es keineswegs leicht. Krieg, das bedeutet Gewalt, Flucht und Tod. Das schreckliche Gefühl, durch unser politisches Handeln in der Demokratie gerade kaum etwas beitragen zu können, damit der Krieg endet, schafft ein dumpfes Bewusstsein. Jede Schreckensnachricht: jede:r Tote, jede zerstörte humanitäre Einrichtung, jede Bombe auf ein Zivilgebäude, jedes Kriegsverbrechen. Das alles hämmert in dumpfen Schlägen auf unser Bewusstsein ein und es raubt uns die Sprache.

Krieg ist nicht die Ausnahme der europäischen Geschichte

Daher sind wir auf Menschen angewiesen, uns wieder Worte zu geben. Wir sind angewiesen auf ihr Wissen, ihre Einordnungen, auf ihre Analysen, die sie mit einer gewissen Distanz auf die aktuellen Entwicklungen blicken lassen. Eine Distanz, die vielleicht eine Klarheit schafft, welche wir aufgrund des immensen Leids nicht mehr haben. In ihren Begriffen und Analysen steckt einerseits eine große Verantwortung und andererseits eine große Gefahr. Wenn sie die Situation beschreiben und dann in einen größeren Kontext einbinden, dann geschieht das meistens eben nicht „objektiv“, sondern aus ihrer individuellen Perspektive. Und diese ist eben nicht nur durch Faktenwissen geprägt, sondern auch durch ihr eigenes politisches Weltbild.

Ihre Analyse richtet sich an einem Referenzrahmen aus. Der Referenzrahmen, was das Thema Krieg anbelangt, ist in Europa äußerst breit. Denn Krieg bildet nicht etwa die Ausnahme der europäischen Geschichte, sondern ihren Normalzustand. Eine Tatsache, die sich in Zentraleuropa seit Gründung der EU nur allzu leicht verdrängen lässt. Dabei haben mit ihrer Gründung Krieg und Gewalt keineswegs geendet, wie uns die Erinnerung an die 1990er-Jahre auf dem Balkan, Georgien 2008 oder eben an das Jahr 2014 auf der Krim verdeutlichen könnten.

Doch in Deutschland scheint es nur einen ultimativen Referenzrahmen für Krieg zu geben, wie derzeit etliche Meinungsbeiträge in großen Zeitungen und „Zeitzeug:innenberichte“ nahelegen. Gemeint sind eben nicht die von mir gerade angesprochenen Kriegstraumata, die nach 1945 entstanden sind. Ich möchte hier konkret über diejenigen sprechen, die sich, um den aktuellen Krieg begreifbar machen, auf den Zweiten Weltkrieg beziehen. Wie gesagt: Jeder Krieg in Europa steht in einer langen Kontinuität der militärischen Gewalt, doch warum wird ausgerechnet der deutsche Vernichtungskrieg als historisches Beispiel herangezogen, um den Menschen hierzulande die aktuellen Ereignisse verständlich zu machen und ihnen näherzubringen?

Der Vergleich selbst ist nicht das Problematische, denn er könnte ja die Unterschiede herausstellen. So handelte es sich 1939 und 2022 um Angriffskriege, und in beiden Fällen war die Rechtfertigung propagandistischer Natur. Keiner dieser Kriege wurde vom Opfer provoziert. So viel zu den Gemeinsamkeiten. Doch über die Unterschiede ist nur wenig zu hören. Auch das hat einen Grund – denn sie wiegen schwer.

Was die Welt zwischen 1939 und 1945 zu sehen bekam, war ein Vernichtungskrieg. Hinter der Front ermordeten die deutschen Truppen mit ihren Verbündeten industriell und mit äußerster Brutalität die europäischen Jüdinnen und Juden und alle, die in ihrer Ideologie Feindbilder waren. Der Krieg selbst war mit der antisemitischen Vorstellung der Erlösung aufgeladen. Die Deutschen sahen sich als Befreier der Welt und nur die vollständige und endgültige Vernichtung aller lebenden Jüdinnen und Juden würde alle Probleme lösen. Anders lässt es sich nicht begreifen, warum kriegswichtige Logistik prioritär für die Fortsetzung des antisemitischen Vernichtungsprozesses eingesetzt wurde, was das Erreichen der eigentlichen Kriegsziele gefährdete.

Entlastung vom Gefühl der Schuld

Diese historische Schuld ist heute der Stachel im Fleisch für die Identifikation mit der deutschen Nation. Wenig verwunderlich also, dass nicht nur die politische Rechte, sondern alle, die sich positiv auf den Nationalgedanken beziehen, versuchen, sich von diesem Gefühl der Schuld zu entlasten. Wobei es heute in der dritten Generation nach dem Zweiten Weltkrieg und der Shoah vor allem um Verantwortung und nicht um persönliche Schuld geht. Die Schuld, die auf der Nation und nicht auf dem Individuum lastet, wird mit allen zur Verfügung stehenden Instrumenten abgewehrt. So entstand das Bonmot, das dem israelischen Psychoanalytiker Zvi Rex zugeschrieben wird: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.“

Der Versuch, die historische Schuld durch Gleichsetzung zu entlasten, ist kein neues Phänomen. Tatsächlich hat dieses Mittel eine Kontinuität, die tief in die Nachkriegszeit zurückreicht. Eines seiner offensichtlichsten Beispiele ist wohl das Spiegel-Cover vom 11. Juni 1967. In großen Lettern stand da: „Israels Blitzkrieg“. Auch wenn der Begriff Blitzkrieg bereits vor 1933 existierte und bereits Militärtaktiken im Ersten Weltkrieg bezeichnete, war er doch nach 1939 vor allem mit den deutschen Überfällen auf Polen und Frankreich verbunden – nicht zuletzt eine Folge des inflationären Gebrauches des Begriffes in der NS-Propaganda.

Der implizite Vorwurf (wobei Teile der älteren Generation den Begriff auch anerkennend nutzten) jener Zeit war, dass „die Juden“ mit „Nazimethoden“ arbeiten würden. Ein Vorwurf, der noch heute in vielen Dämonisierungen des jüdischen Staates zu finden ist. Das Resultat war allerdings, dass man sich von der eigenen Schuld entlasten konnte. Die eigenen Taten wogen weniger schwer, wenn das einstige Opfer nun angeblich mit denselben Methoden zum Täter wird. In diesem Kontext sollte eingeordnet werden, wenn heute Begriffe, die im historischen und politischen Diskurs fest mit dem Nationalsozialismus und dem deutschen Vernichtungskrieg verflochten sind, nun auf die russische Invasion der Ukraine angewandt werden.

Die seit 2018 jährlich durchgeführte MEMO-Studie der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft sollte uns verdeutlichen, wie wirkmächtig diese Erzählungen geworden sind. 2020 hatten Teile der Befragten behauptet, dass ihre Vorfahren potenziellen Opfern geholfen hätten (32,2 Prozent, tatsächlich lag die Zahl der Helfer:innen im Promillebereich) und nur eine Minderheit berichtete von Täter:innenschaft in der eigenen Familie (23,2 Prozent). Genauso war es ein erstaunlicher kleiner Teil der Befragten, der davon ausging, dass Familienmitglieder Mitläufer:innen waren (39,7 Prozent).

2021 behaupteten über 50 Prozent der Befragten, dass sie gute Kenntnisse über die Zeit des Nationalsozialismus besitzen. Dennoch gab ein Viertel an, Verständnis dafür zu haben, wenn Deutsche „nichts von den Verbrechen des Nazi-Regimes wissen wollten“. 19,6 Prozent gingen davon aus, dass die deutsche Bevölkerung keine Mitverantwortung für die NS-Verbrechen trug und 17,8 Prozent erklärten sogar, dass die deutsche Bevölkerung „genauso sehr gelitten hat wie die Gruppen, die durch das NS-Regime verfolgt wurden“. Tendenzen von Täter-Opfer-Umkehr zeigten sich bereits in den Vorgängerstudien. Angesichts dessen bleibt das Lachen über „Jana aus Kassel“ im Halse stecken, die auf einer „Querdenken“-Demo im November 2020 erklärt hatte, dass sie sich „wie Sophie Scholl“ fühle, denn sie sei „seit Monaten im Widerstand“.

Gleichsetzung liefert keinen Erkenntnisgewinn

Diese Einstellungen sind nicht nur auf den seit 2020 stattfindenden verschwörungsideologischen Demonstrationen verbreitet, sondern finden sich quer durch die ganze Gesellschaft. Wenn jetzt im Feuilleton Putin-Hitler-Vergleiche zu finden sind und Vokabular mit Blick auf den russischen Angriffskrieg verwendet wird, das im historischen und politischen Diskurs vor allem mit dem Nationalsozialismus verbunden ist, sollte das nicht als Lappalie verstanden werden. Das Bedürfnis der Gleichsetzung liefert keinen Erkenntnisgewinn, sondern ist Ausdruck des deutschen Geschichtsrevisionismus. Dieser Umstand sollte uns bereits seit dem Historikerstreit der 1980er- und 1990er-Jahre bekannt sein.

Es ist verständlich, dass man nach Worten sucht für das Unrecht, das sich in der Ukraine vor unseren Augen abspielt. Es ist nachvollziehbar, dass man sich Aufmerksamkeit für den Schrecken wünscht, den Präsident Putin, das russische Regime und die russische Armee herbeiführen. Doch es ist problematisch, wenn man aus dieser Motivation heraus denjenigen nachgibt, die diesen Krieg zu instrumentalisieren versuchen.

Natürlich gibt es hier Unterschiede. Ob Ukrainer:innen und ukrainische Jüdinnen und Juden den Vergleich führen oder ob es nichtjüdische und nichtukrainische deutsche Essayist:innen sind – vor allem wegen der Situation, in der die Gleichsetzung stattfindet. Derlei Gleichsetzungen können nicht aufklären, sondern sie versuchen, die Ängste und Sorgen zu nutzen, für die eigene politische Agenda.

Erstere handeln wahrscheinlich aus purer Verzweiflung und versuchen, Putins Propaganda vom Krieg gegen den Faschismus und der „Entnazifizierung“ der Ukraine mit gleichen Mitteln zu begegnen. Letztere haben eine räumliche Distanz und haben in den vergangenen Jahren jede Chance genutzt, um die Last der Vergangenheit ein kleines bisschen abzumildern. Mit Blick auf diese Kräfte formulierte doch schon der Frankfurter Sozialphilosoph Theodor W. Adorno in einem Vortrag 1959 bereits: „Wir alle kennen auch die Bereitschaft, heute das Geschehene zu leugnen oder zu verkleinern [...]. Irrational ist weiter die verbreitete Aufrechnung der Schuld, als ob Dresden Auschwitz abgegolten hätte. In der Aufstellung solcher Kalküle, der Eile, durch Gegenvorwürfe von der Selbstbesinnung sich zu dispensieren, liegt vorweg etwas Unmenschliches, und Kampfhandlungen im Krieg, [...], sind kaum vergleichbar mit der administrativen Ermordung von Millionen unschuldiger Menschen.“

Monty Ott ist Publizist. Er schreibt seine Doktorarbeit zu queer-jüdischem Leben und engagiert sich im jüdisch-aktivistischen Medienprojekt „Laumer Lounge“. Außerdem arbeitet er an seiner ersten Buchpublikation.

Das ist ein Beitrag, der im Rahmen unserer Open-Source-Initiative eingereicht wurde. Mit Open Source gibt der Berliner Verlag freien Autorinnen und Autoren sowie jedem Interessierten die Möglichkeit, Texte mit inhaltlicher Relevanz und professionellen Qualitätsstandards anzubieten. Ausgewählte Beiträge werden veröffentlicht und honoriert.

Dieser Beitrag unterliegt der Creative Commons Lizenz (CC BY-NC-ND 4.0). Er darf für nicht kommerzielle Zwecke unter Nennung des Autors und der Berliner Zeitung und unter Ausschluss jeglicher Bearbeitung von der Allgemeinheit frei weiterverwendet werden.