Richard von Weizsäcker spielt im Jahr 1968 mit seinen vier Kindern.
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BerlinAm 12. November 1989, drei Tage nach dem Mauerfall, besucht Richard von Weizsäcker einen Gottesdienst in der völlig überfüllten Gedächtniskirche. Am Ende der Andacht bittet Landesbischof Martin Kruse den Bundespräsidenten, ein paar Worte an die Gemeinde zu richten. Es ist nur eine kurze Ansprache, aber sie ist ein starker Ausdruck der Haltung Weizsäckers in diesen aufgewühlten Tagen und den Jahren danach.

„Wie lange haben wir in Berlin gehofft und gewartet, gemeinsam aus Ost und West einen Gottesdienst feiern zu können“, sagt er. Umso größer seien nun Freude und Dankbarkeit, jedoch: „Dabei sollte niemand sich und anderen gegenüber Triumphgefühle aufkommen zu lassen.“ Die Menschen aus dem Westen sollten mit offenen Herzen und Türen handeln, „aber nicht mit unserer Tür drüben ins Haus fallen. Es geht nicht darum, dass nun unsere Urteile und Gewohnheiten einfach überschwappen“. Richard von Weizsäcker war einer der wenigen bundesdeutschen Politiker, die schon damals ein feines Gefühl für die mentalen Probleme hatte, die viele DDR-Bürger auf dem Weg in die deutsche Einheit begleiten würden.

Er war in diesem Sinne schon lange ein gesamtdeutscher Politiker, der aus dem Erfahrungsschatz einer der wenigen großen deutschen Familien dachte und handelte, die über Jahrhunderte und Systemwechsel hinweg das Schicksal des Landes mitgeprägt haben.

Klare, menschliche Haltung

Sein Großvater Karl Hugo von Weizsäcker war baden-württembergischer Ministerpräsident, sein Vater Ernst vertrat als Diplomat erst die Weimarer Republik und dann das Dritte Reich Adolf Hitlers. Schließlich wurde er als SS-Brigadeführer Staatssekretär im Auswärtigen Amt und war an der Deportation französischer Juden nach Auschwitz beteiligt. Er wurde vom Nürnberger Kriegsverbrechertribunal zu einer Haftstrafe verurteilt. Während des Prozesses stand ihm sein Jura studierender Sohn Richard als Hilfsverteidiger zur Seite. Sein Abitur hatte er 1937 am heutigen Goethe-Gymnasium in Wilmersdorf bestanden.

Einen Schatten auf seinem Lebenslauf wirft Richard von Weizsäckers Zeit in der Geschäftsführung des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim Anfang der Sechzigerjahre. Das Unternehmen lieferte damals Zusatzstoffe des Umweltgifts Agent Orange an die USA. US-Truppen setzten das Gift im Vietnamkrieg zur Entlaubung von Wäldern ein. Weizsäcker erklärte, er habe damals Hinweise auf die Produktion und Lieferung des dioxinhaltigen Stoffs nicht zur Kenntnis bekommen und erst später „mit großer Betroffenheit“ davon erfahren. Das wurde von Kritikern angezweifelt.

Berlin als Fixpunkt

Obwohl Richard von Weizsäcker wesentliche Abschnitte seines Lebens in der Wirtschaft und der Politik in Westdeutschland verbracht hat, stellte Berlin für ihn und seine Familie stets einen besonderen Fixpunkt dar. Er war den Berlinern tief verbunden und hat das Klima in der Stadt mit seiner klaren, menschlichen Haltung lange beeinflusst. Er pflegte eine Art des bürgerlich-aristokratischen Auftretens, die sehr vielen Menschen gefallen hat.

1979 trat er zum ersten Mal als CDU-Kandidat für das Amt des Regierenden Bürgermeisters an und erzielte ein sensationelles Ergebnis von 44,4 Prozent für die Christdemokraten, die damit erstmals stärkste politische Kraft in West-Berlin wurden. Die sozialliberale Koalition von Dietrich Stobbe konnte sich trotzdem im Amt behaupten. Nun hätte Weizsäcker eigentlich Oppositionsführer im Abgeordnetenhaus werden können und sollen, doch dafür war er sich zu fein.

Er hielt stets eine kluge Distanz zu den parteipolitischen Niederungen und speziell zur rustikalen West-Berliner CDU. Das machte einen guten Teil der Sympathien aus, die ihm auch aus anderen politischen Lagern zufielen. So blieb er Vizepräsident des Bundestages in Bonn, bis zwei Jahre später seine nächste Chance kam. Die Berliner Politik versank in Bauskandalen, die Bonner Parteiführungen schickten Rettungskräfte, und so traten Richard von Weizsäcker für die CDU und Hans-Jochen Vogel für die SPD gegeneinander an. Die CDU holte dieses Mal 48 Prozent, das reichte Weizsäcker zur Bildung eines Minderheitssenats.

„König Silberlocke“

Er wurde getragen von der Zustimmung breiter Bevölkerungskreise. Nach Jahren des provinziellen Kleinklein im Rathaus Schöneberg fühlten sich viele angezogen von diesem weltgewandten, eloquenten, vornehmen und gut aussehenden Mann, der den Ehrentitel „König Silberlocke“ amüsiert zur Kenntnis nahm. Die Notwendigkeit, sich immer neue Mehrheiten zu suchen, kamen seiner Neigung entgegen, als eher über den Parteien schwebendes Stadtoberhaupt zu regieren.

Die Schmutzarbeit, etwa das von der CDU gewünschte harte Vorgehen gegen Hausbesetzer, überließ er Leuten wie dem Innensenator Heinrich Lummer. An Tagen harter Auseinandersetzungen auf den Straßen zog Weizsäcker es vor, auf Reisen zu sein. Viele davon führten ihn auch ganz inoffiziell in die DDR, wo er enge Kontakte zur evangelischen Kirche pflegte.  

Richard von Weizsäcker war ein ehrgeiziger Mann, Bundespräsident wollte er werden. Ein erster Versuch scheiterte 1968, als Helmut Kohl ihn bei einer internen CDU-Auswahl vorgeschlagen hatte. 1974 trat er in der Bundesversammlung gegen Walter Scheel an, wohl wissend, dass er der SPD/FDP-Mehrheit unterliegen würde.

1983 war es dann so weit, Richard von Weizsäcker wurde zum Staatsoberhaupt gewählt. Schon 1985 hielt er seine historische Rede zum 8. Mai, als er die Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg als Befreiung bezeichnete. Er zeigte dabei diese besondere Begabung, in größeren historischen Dimensionen zu denken, die ihn zu einem der herausragenden Politiker der Bundesrepublik und dann zum ersten gesamtdeutschen Präsidenten werden ließ.

Marianne und Richard von Weizsäcker 1984.
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Auch in seiner ersten Zeit als in Bonn amtierendes Staatsoberhaupt behielt Weizsäcker Berlin stets besonders im Auge. 1986/87 ließ er das Schloss Bellevue gründlich renovieren, um seinen dort angesiedelten zweiten Amtssitz intensiver nutzen zu können. Im Juni 1990 wurde ihm die Ehrenbürgerwürde Berlins verliehen, und er forderte in seiner Dankesrede in der Nikolaikirche ein schnelles und klares Votum zugunsten der Stadt als Sitz von Bundestag und Regierung. Der Präsident setzte damit die Politiker in dieser damals sehr umstrittenen Frage gehörig unter Druck. Es dauerte dann noch ein Jahr, bis der Bundestag den Umzug für 1999 beschloss. Weizsäcker aber schuf schon vorher Fakten: Er erklärte Schloss Bellevue bereits 1994 zu seinem ersten Sitz, von dem aus er nun amtierte, fünf Jahre vor allen anderen.

Seine Frau Marianne, aus einer preußischen Adelsfamilie stammend, war ihm stets eine zuverlässige, manchmal resolute Begleiterin, der es wichtig war, dass vom Familienleben möglichst wenig an die Öffentlichkeit drang. Die vier Kinder waren freilich schon erwachsen, als ihr Vater als Bürgermeister und Präsident besonders ins Scheinwerferlicht trat. Sie legen auf diese Art der Prominenz keinen besonderen Wert und haben die lange währende Tradition des öffentlichen, politischen Dienstes ihrer Familie beendet.

„Gib acht auf meinen Bruder“

Ihre Eltern ließen ihnen freie Hand bei der Berufswahl. Der 1954 geborene Robert wurde Ökonom und lehrt Volkswirtschaftslehre an der Technischen Universität München. Er trägt auch einen Präsidententitel: Er ist Ehrenpräsident des Deutschen Schachbundes. Sein Vater klagte manchmal, dass er gegen seinen Sohn schon in dessen jungen Jahren am Schachbrett keine Chance gehabt habe. Der 1956 geborene Bruder Andreas war Bildhauer. Um seine künstlerischen Neigungen zu fördern, schickten ihn seine Eltern auf die Odenwaldschule. Er starb 2008 an einem Krebsleiden.

Seine Schwester Beatrice, 1958 geboren, studierte Jura. Sie arbeitet als Autorin und ist wie einst ihr Vater Mitglied im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentages. Am Mittwoch reagierte sie als erstes Familienmitglied öffentlich auf die Gewalttat in Berlin. Sie postete bei Instagram ein Kruzifix mit den Worten: „Gib acht auf meinen Bruder…“

Wir sind zunächst einmal wir.

Fritz von Weizsäcker (1960–2019) über seine Familie

Ihr jüngster Bruder Fritz, der 1960 in Essen zur Welt kam, studierte Medizin. Durch seine Tätigkeit als Arzt in Berlin stand er den Eltern vielleicht am nächsten. Von Zeit zu Zeit sah man sie gemeinsam bei Theater- und Opernaufführungen. Ein fester Familientermin, zu dem sich alle Kinder und Enkel trafen, waren über viele Jahre gemeinsame Urlaubstage im oberbayrischen Wackersberg.

Die Weizsäckers blieben nach dem Ende seiner Präsidentschaft in Berlin wohnen, in ihrem Privathaus in Dahlem. Von dort aus sind es nur wenige Schritte zum Waldfriedhof, wo Richard von Weizsäcker im Februar 2015 nach einem Staatsakt im Familienkreis bestattet wurde. Nun wird sich die Familie wieder zu einer Trauerfeier zusammenfinden.