Am 25. Februar 1917 – nach julianischem Kalender, nach unserem, dem gregorianischen Kalender, am 10. März – , am kommenden Freitag vor 100 Jahren also, um 21 Uhr Ortszeit, schickte Zar Nikolaus II. dem Militärgouverneur von Petrograd, General Sergei Semjonowitsch Chabalow, ein Telegramm: „Ich befehle Ihnen, morgen die Unruhen in der Hauptstadt zu unterbinden.“

Alles begann am Frauentag

Die Unruhen, die den Zaren so empörten, hatten ein paar Tage zuvor begonnen, am Internationalen Frauentag, dem  23. Februar, mit einem Umzug demonstrierender Textilarbeiterinnen, auf deren Transparenten stand „Gebt uns Brot!“ Am Tag darauf wurden die Bäckereien der Stadt geplündert.

Am 25. Februar wurden schon fast alle Fabriken Petrograds bestreikt. Am 19. Februar war das Brot in Petrograd rationiert worden, da die Vorräte nur noch für zehn Tage reichten. Alexandra Fjodorowna, die Gattin des Zaren, eine geborene Prinzessin Alix von Hessen-Darmstadt, schrieb ihrem Gatten fast schon verzweifelt: „Diese Nahrungsmittelfrage ist zum Verrücktwerden.“ Ende Dezember hatte sie ihren Gatten noch über die wirklichen Bedürfnisse des russischen Volkes aufgeklärt und ihm gesagt, wie er regieren sollte: „Sei stark ... Russland liebt es, die Peitsche zu spüren. Das liegt in seiner Natur – erst zärtliche Liebe und dann die eiserne Faust ... Sei Peter der Große, Iwan der Schreckliche, Kaiser Paul – zerschmettere alle.“

Die unten konnten, und die oben wollten nicht mehr

Ende Februar aber hatte sich die Lage deutlich geändert. Die Revolution war da. Ein berühmtes Lenin-Zitat, dessen Herkunft allerdings unbekannt zu sein scheint, lautet: „Eine revolutionäre Situation gibt es dann, wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen.“ Ende Februar sah es in Russland anders aus: Die unten konnten, und die oben wollten nicht mehr.

Ein paar Regimenter waren dem Befehl des Zaren gefolgt und erschossen hier hundert und dort hundert Aufrührer. Aber es fehlte nicht an Fällen, in denen Soldaten gegen die Polizisten vorgingen, die die Demonstrationen zerschlagen wollten. Kosaken, die der Petrograder Stadtkommandant zur Entwaffnung der Aufständischen geschickt hatte, verweigerten den Befehl und nahmen stattdessen die roten Nelken entgegen, die man ihnen überreichte.

Als am 27. Februar ausgerechnet die Soldaten des Regiments, das am Vortag 150 Demonstranten getötet hatte, wie zur Wiedergutmachung die Kasernen verließen und sich dem Protest anschlossen, war das  auch für andere Soldaten ein Signal, den Gehorsam gegen den Einsatz im Innern – an der Front wurde weiter gekämpft – zu verweigern.

Er wollte kein zweiter Iwan der Schreckliche werden

Angesichts dieser Lage hatte der Zar keine Lust mehr, den Ratschlägen seiner deutschen Gattin zu folgen. Er wollte kein zweiter Iwan der Schreckliche werden. Als  der Generalstab seine Bereitschaft signalisierte, das alte Regime dem übergeordneten Zweck der Aufrechterhaltung der nationalen Verteidigungsfähigkeit zu opfern und, mit der Duma zusammen, den Monarchen zum Rücktritt aufforderte, da tat dies Nikolaus II schließlich auch.

Sein Bruder Michail, den er zu seinem Nachfolger ernannt hatte, weigerte sich aber, den neuen Job zu übernehmen. So stand das russische Reich am 3. März 1917 ohne Zar da. Die Romanows waren nicht in blutigen Revolutionen niedergekämpft worden, sondern hatten – nicht ganz unähnlich dem Ende des kommunistischen Regimes – aufgegeben.