Die erste RAF-Generation: Andreas Baader und Gudrun Ensslin während des Brandstifter-Prozesses 1968. 
Foto: AP/fls

Ingrid Becker, Chemielaborantin aus Ost-Berlin, ist nicht Ingrid Becker. Es ist die mit Steckbrief gesuchte Terroristin der Rote Armee Fraktion (RAF) Susanne Albrecht. Als sie vor 30 Jahren am 6. Juni 1990 in ihrer Neubauwohnung in Marzahn verhaftet wird, leistet die 39-Jährige keinen Widerstand. Wenig später gibt die Westdeutsche ihre wahre Identität zu.

Es war ein Paukenschlag, eine fast unglaubliche Nachricht, die der damalige DDR-Innenminister Peter Michael Diestel am Tag darauf verkündete. Und flugs ergänzte in Bonn Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU), das sei ein „hervorragender Erfolg der wirkungsvollen Zusammenarbeit der Polizeien in beiden Teilen Deutschlands“. Es ging Schlag auf Schlag weiter. Zehn in der DDR untergetauchte Ex-Terroristen der linksextremistischen Gruppierung aus dem Westen flogen auf.

Jahrelang hatten die kampfesmüden RAF-Terroristen aus der zweiten Generation im Arbeiter-und-Bauern-Staat mit neuen Namen und Biografien unter dem Schutz der Stasi gelebt und gearbeitet, so in Schwedt, Dresden, Senftenberg, Eisenhüttenstadt, Hoyerswerda, Erfurt.

Dass die DDR ihnen Asyl bot, sei „einer der schwerwiegendsten politischen Fehler“ des Systems gewesen, sagt Diestel der Deutschen Presse-Agentur im Rückblick. „Das waren für mich Mörder, Brandschatzer – das waren einfach Kapitalverbrecher.“ Sie hätten aus politischer Überzeugung das Recht anderer auf Leben missachtet. In der DDR seien sie aber nicht aktiv gewesen.

Susanne Albrecht, die in der DDR zunächst Ingrid Jäger war und später heiratete, war wegen ihrer Beteiligung an dem Mordanschlag auf den Frankfurter Bankier Jürgen Ponto Ende Juli 1977 gesucht worden. Die heute 69-Jährige wurde wegen mehrerer Anschläge zu zwölf Jahren Haft verurteilt, aber 1996 vorzeitig entlassen. Sie lebt - wieder mit neuem Namen - in Norddeutschland. Nach ihren Verhaftungen waren die RAF-Mitglieder noch kurz vor der Einheit in die Bundesrepublik überstellt und einige verurteilt worden.

Er habe zur Verbrechensbekämpfung beitragen wollen, so der heutige Rechtsanwalt Diestel. Dabei sei die Zusammenarbeit mit westdeutschen Sicherheitsbehörden unkompliziert, ohne Vorurteile und erfolgreich gewesen, ist er noch heute stolz. Schließlich habe man gemeinsam einen „terroristischen Sumpf“ trockengelegt. Bereits beim ersten Besuch Diestels in Bonn war nach damaligen Berichten am 18. April 1990 eine gemeinsame Arbeitsgruppe zur Bekämpfung des Terrorismus und des organisierten Verbrechens eingesetzt worden. Diestel war in der ersten frei gewählten DDR-Regierung unter Lothar de Maizière auch Vize-Regierungschef.

Unregelmäßigkeiten in den DDR-Melderegistern seien dem neuen Zentralen Kriminalamt (seit Februar 1990 Teil des Innenministeriums der DDR) aufgefallen, erinnert sich der Ex-Minister, der damals zunächst der DSU (Deutsche Soziale Union) angehörte und dann zur CDU wechselte. „Es konnte nicht sein, dass etwa 1983 einfach ein Mensch entsteht, der nach Eisenhüttenstadt zieht - ohne Vorgeschichte.“

Selbst im Ministerium für Staatssicherheit (MfS) hätten nur wenige von den geheimen Übersiedlern gewusst, sagt Diestel, dem Kritiker immer wieder einen verharmlosenden Umgang mit der Stasi vorwerfen. Selbstbewusst verweist der 68-Jährige aber auf seine Gespräche mit Stasi-Führungskräften, damit diese bei der Aufklärung helfen. „Das haben diese Leute dann auch verantwortungsbewusst geleistet.“

In seinem Buch „RAF im Osten“ beschreibt Autor Frank Wilhelm, wie die Stasi-Abteilung XXII zur Terrorabwehr des MfS Regie führte bei dem Deal mit den RAF-Aussteigern. Der Journalist der Zeitung Nordkurier schreibt, die DDR habe zwar nach außen Terroranschläge verurteilt, es habe aber eine unterschwellige Sympathie für die RAF gegeben - weil beide denselben Feind sahen: den westdeutschen Staat.

Zudem habe die Stasi das Insiderwissen der RAF-Leute abschöpfen und sie zugleich unter Kontrolle haben wollen. Stasi-Minister Erich Mielke habe die irrige Idee verfolgt, die RAF im Ernstfall in der Bundesrepublik im Dienste der Stasi einzusetzen, heißt es im Buch.

Nach Erkenntnissen des RAF-Experten Tobias Wunschik von der Stasi-Unterlagen-Behörde ließ die DDR schon seit Mitte der 70er Jahre wissentlich RAF-Leute durchreisen. Im Gegenzug sei zugesichert worden, keine Anschläge in der DDR zu verüben.

Im August 1980 flogen die beiden ersten RAF-Zuwanderer Ralf Baptist Friedrich und Sigrid Sternebeck nach dem Leben in der Illegalität und Flucht vor der Polizei in der Bundesrepublik in Ost-Berlin ein. Wenig später folgten Susanne Albrecht, Silke Maier-Witt und Monika Helbing, danach Werner Lotze, Christine Dümlein und Ekkehard von Seckendorff-Gudent. Inge Viett und Henning Beer kamen zwei Jahre später.

Nach ihrer Enttarnung ließ Ex-SED-Partei- und Staatschef Erich Honecker mitteilen, er habe erst aus der Presse von der Aufnahme der Terroristen in der DDR erfahren. Stasi-Größen meinten dagegen, der Befehl sei von Honecker persönlich gekommen.

1998 erklärte die RAF ihre Auflösung. Sie war 1970 infolge der 1968er Studentenbewegung entstanden und strebte einen radikalen Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse in Westdeutschland an. Insgesamt ermordete sie 34 Menschen, Dutzende wurden verletzt.

Die zweite RAF-Generation zeichnete 1977 für die Ermordung von Generalbundesanwalt Siegfried Buback, Dresdner-Bank-Chef Ponto und die Entführung und Ermordung von Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer im sogenannten „deutschen Herbst“ verantwortlich. Die mutmaßlichen Haupttäter wurden zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt, sind nach vorzeitigen Haftentlassungen aber wieder auf freiem Fuß.

Doch alle Taten der früheren Linksterroristen sind bis heute nicht aufgeklärt. Die Fahndung nach drei ehemaligen Mitgliedern wurde jetzt auf ganz Europa ausgeweitet. Ernst-Volker Staub, Burkhard Garweg und Daniela Klette werden zwölf Raubüberfälle zur Last gelegt, mit denen die 1990 Untergetauchten ihren Lebensunterhalt bestreiten sollen.