Das große Abenteuer des Sigmund Jähn beginnt am 26. August 1978. An diesem Sommertag fliegt der DDR-Bürger und Jagdpilot als erster Deutscher ins All. Neun Minuten dauert die Startphase, die Rakete beschleunigt von null auf 28.000 Kilometer pro Stunde. In 12.200 Metern Höhe durchbricht sie die Schallmauer – und schießt ins All. Das große Spektakel und die anschließende siebentägige Weltraum-Mission machten Jähn zu einem Idol, dessen Beliebtheit bis heute ungebrochen ist.

Sandmann heiratet Mascha

An die Minuten vor und während des Starts erinnert sich der Raumfahrtpionier noch genau. „Angst, Angst hatte ich nie. Dann wäre ich blockiert gewesen“, sagt der heute 81-Jährige. Er vertraut auf die sowjetische Hochtechnologie der Raumkapsel Sojus-31. Sie bringt ihn und seinen russischen Kommandanten Waleri Bykowski (84) sicher vom Weltraumbahnhof Baikonur in Kasachstan zur Orbitalstation Saljut 6. Nach der 18. Erdumkreisung dockt die Kapsel an der Raumstation an.

Der Blick auf den blauen Planeten, die Polarlichter, die feinsilbrige Atmosphäre: All dies brennt sich in Sigmund Jähns Gedächtnis ein. Das bewegendste Naturschauspiel aber seien die Sonnenaufgänge gewesen – „ein Farbenspiel sondergleichen“. In sieben Tagen, 20 Stunden und 49 Minuten umrundet die Sojus-Besatzung 125 Mal die Erde. 

Sie absolviert wissenschaftliche Experimente, zum Beispiel zu Auswirkungen der Schwerelosigkeit auf das Sprechvermögen, und erforscht die Erdkugel mit einer Multispektralkamera. In Erinnerung bleibt auch die „kosmische Hochzeit“, die Jähn zwischen dem Sandmännchen aus der DDR und der russischen Puppe Mascha zelebriert.

Kognak in die Kapsel geschmuggelt

Seine Tage als erster Deutscher im All waren der Endpunkt einer langjährigen Vorbereitung. Den Feinschliff als Flieger hatte Jähn in der Sowjetunion an der Militärakademie für Luftstreitkräfte erhalten.

1976 war der zweifache Familienvater und SED-Genosse unter größter Geheimhaltung nach Russland gezogen, wo er im „Sternenstädtchen“ bei Moskau zwei Jahre lang für den Weltraumflug trainierte, denn die Mission im All ist ein Knochenjob: Die Kosmonauten litten oft an Übelkeit und eingeschränkter Blutzirkulation.

Jähns Weltraumflug wird in der DDR und der ganzen sozialistischen Welt gefeiert, auch als Triumph über den Westen. Die Medien berichten umfassend. „Berlin grüßt die Kosmonauten“, schrieb die Zeitung BZA am 28. August 1978. Sie zitierte die Schlagersängerin Vera Schneidenbach mit den Worten: „Der erste Deutsche, ein Bürger der DDR im Kosmos, an der Seite eines sowjetischen Fliegerkosmonauten – das ist natürlich Musik auch in meinem Ohren!“

Nicht alles war indes für die Öffentlichkeit bestimmt: Dass die Besatzung Kognak in die Kapsel geschmuggelt hatte, behielten die Kosmonauten lange für sich.

Telegramm von Honecker

Im Weltraum erwarten Jähn und Bykowski die zweiköpfige Stammbesatzung der Orbitalstation Saljut 6, Wladimir Kowaljonok und Alexander Iwantschenkow. Die Neuankömmlinge werden an Bord mit Brot und Salz empfangen und händigen ihren Gastgebern Post von der Erde aus.

Die vier Kosmonauten setzen umgehend Telegramme an Leonid Breschnew und Erich Honecker auf. Förmlich geht es darin zu: „Die internationale Besatzung hat mit der Verwirklichung ihres Auftrages begonnen. Unser Befinden ist gut.“ Breschnew und Honecker wiederum beglückwünschen telegrafisch.

Gefährlich wird es auf der sonst reibungslos verlaufenden Weltraum-Mission erst am Ende. Jähn und Bykowski treten mit der Kapsel Sojus-29 den Rückflug zur Erde an. Bei der Landung soll der Fallschirm der Kapsel kurz vor dem Aufprall weggesprengt werden, doch das Manöver misslingt. Ein Windstoß erfasst den Schirm und lässt die Kapsel über den Steppenboden Kasachstans schrammen. Im Innern überschlugen sich die Kosmonauten mehrfach. Jähn erleidet einen bleibenden Wirbelsäulenschaden.

Als sich der Kosmonaut von seinem Raumflug erholt hat, wird der Trubel für ihn zur nächsten Herausforderung. „Im Rampenlicht zu stehen, fand ich anstrengender als den Raumflug selber“, sagte er einmal.