Vor 50 Jahren: Als im Jahre 1968 die Truppen des Warschauer Pakts den Prager Frühling zerschlugen

Es sollte ein ganz besonderer Sommerurlaub werden, „eine kleine Auszeit vom Kommunismus“, wie sie sagen: auf dem Wenzelsplatz eine Coca-Cola trinken, West-Zigaretten rauchen und den Stern lesen.

Günter Schüler aus Ost-Berlin und Ernst Reppin aus Woltersdorf, beide 19, hatten mit zwei Freunden aus dem Westfernsehen vom Prager Frühling erfahren. Sie verfolgten, wie sich die politischen Verhältnisse und das öffentliche Leben in der CSSR wandelten, wie einfache Menschen frei reden durften, auch über den Sozialismus, darüber, wie er ist und wie er sein könnte. 

„Auf dem Bildschirm sahen wir junge Menschen aus aller Welt, auch Westdeutsche, die sich auf dem Wenzelsplatz in Prag trafen, um sich über Lebensbedingungen, Hoffnungen und Wünsche für die Zukunft auszutauschen“, erinnert sich Günter Schüler, heute 69.
Vom „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“ war die Rede. Und den wollten Schüler, der damals Landwirtschaft studierte, Ernst Reppin, gelernter Betriebsschlosser, und ihre beiden Freunde persönlich kennenlernen. 

Erneuerung und Wiederbelebung

Es sollte ein ganz besonderer Urlaub werden, im August 1968. Es kam anders.
Moskau, Kreml, 29. Januar 1968. Frostig ist die Stimmung bei der Sitzung des Zentralkomitees der KPdSU. Die Anwesenden hören mit starren Gesichtern, was der Genosse Dubcek zu sagen hat: Solle der Sozialismus in seinem Land funktionieren, müsse es „unabdingbare Korrekturen“ geben, fordert der neue Chef der KPC, der Kommunistischen Partei der CSSR. 

„Ich vermied sorgfältig alle Begriffe, die bei diesen dogmatischen Marxisten-Leninisten Widerspruch auslösen würden“, schrieb Alexander Dubcek später in seiner Autobiografie. Statt von Reform spricht Dubcek von Erneuerung und Wiederbelebung. Der Slowake, Sohn eines Tischlers, Absolvent der Parteihochschule in Moskau, ahnt, „dass ich nicht zu ihnen durchgedrungen war“. Er lässt sich nicht beirren. Schritt für Schritt besetzt er Schlüsselpositionen mit reformwilligen Genossen. 

Seine Maßnahmen greifen. Im März fällt die Pressezensur in der CSSR. Tschechoslowakische Medien berichten über den Machtmissbrauch der KPC, die Versorgungsmängel im Land, die Opfer des Stalinismus. Im April gewährt das „Aktionsprogramm der KPC“ Rede- und Versammlungsfreiheit, Reisen ins westliche Ausland, Privatisierungen kleinerer und mittlerer Betriebe. 

DDR-Bürger sympathisieren mit Dubceks Politik

Die Führungsspitzen der Mitgliedsstaaten des Warschauer Pakts (eigentlich: Warschauer Vertragsorganisation), des militärischen Beistandspakts des sogenannten Ostblocks unter Führung der UdSSR, verfolgen die Ereignisse in der CSSR mit Sorge. Knapp drei Wochen nach Aufhebung der Pressezensur weisen sie Dubcek zurecht. Walter Ulbricht, DDR-Staats- und Parteichef, soll bei dem Treffen in Dresden gedroht haben: „Entweder in Prag herrscht Ordnung oder wir müssen entschiedene Maßnahmen ergreifen.“ 

„Die Vorgänge in Prag erschienen Ulbricht als Generalprobe der neuen Ostpolitik der Bundesrepublik“, erklärt der Soziologe und Zeithistoriker Prof. Dr. Manfred Wilke. „Die ,Sozialdemokratisierung‘ der KPC, an der seiner Auffassung nach die SPD in Bonn Anteil hatte, konnte ein Instrument sein zum Sturz aller sozialistischen Ordnungen.“ Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) registrierte spätestens seit März, dass DDR-Bürger mit Dubceks Politik sympathisierten.

Günter Schüler, Ernst Reppin und ihre beiden Freunde hegten so große Sympathien, dass sie im August 1968 unbedingt nach Prag wollten. „Dass wir am Ende im Knast landen, damit hat keiner von uns gerechnet“, sagt Schüler, während er mit Reppin über den Hof der Gedenkstätte Lindenstraße 54/55 in Potsdam geht. Das im Volksmund „Lindenhotel“ genannte Haus diente der Stasi als Untersuchungsgefängnis für politische Häftlinge. 

„Wir genossen die Freiheiten“

Nicht zum ersten Mal kehren die beiden zurück an diesen Ort. Sie sind mit seiner Umgebung vertraut, sie wirken entspannt. Günter Schüler betritt die Freigangszelle. „Hier durften wir am Tag jeweils 20 bis 30 Minuten verbringen“, sagt er. „Dort oben, wo Sie die Gitter sehen, ist immer ein bewaffneter Polizist mit seinen schweren Stiefeln auf- und abgelaufen und hat uns bewacht“, ergänzt Ernst Reppin, „die ganze Zeit“. 

Der Sommerurlaub der vier Freunde, der sie ins Gefängnis bringt, beginnt am 19. August 1968. Mit einem Skoda und einem Moskwitsch fahren sie nach Prag. Sie kommen bei einer tschechischen Familie unter, einer Mutter und ihren zwei Söhnen, im idyllischen Stadtviertel Smichov. Im Garten des Grundstücks schlagen sie ihre Zelte auf. Und beginnen, die Stadt zu erkunden. 

„Wir saßen auf dem Wenzelsplatz und genossen die Freiheiten“, sagt Ernst Reppin. „Es war genau so, wie wir es uns vorgestellt hatten.“ Die vier ahnen nicht, dass sich über Prag Folgenschweres zusammengebraut hat, das kurz davor ist, sich zu entladen. 

Die Truppen erhalten den Befehl zum Ausrücken

Das Verhältnis zwischen der CSSR und ihren Bruderländern hat sich im Verlauf des Augusts gefährlich zugespitzt. Bei einem Gipfeltreffen am 3. des Monats dreht sich alles um die Frage: Was darf Prag, was darf Prag nicht? Auf der Herrentoilette entscheidet sich das Schicksal des Prager Frühlings: Dort überreicht Vasil Bilak, ZK-Sekretär der KPC, Petro Schelest, KP-Chef der Ukraine, einen Brief, der Moskau bittet, „die CSSR der drohenden Gefahr der Konterrevolution zu entreißen“.

Der sowjetische Staats- und Parteichef Leonid Breschnew versucht, die Entwicklung unter Dubcek, zu dem er ein väterlich-freundschaftliches Verhältnis hegt, umzukehren. Es gelingt ihm nicht, sodass das Politbüro der KPdSU am 17. August grünes Licht gibt für die „Operation Donau“: 27 Divisionen aus der UdSSR, Polen, Ungarn und Bulgarien sollen die CSSR wieder auf Linie bringen; auch zwei Divisionen der Nationalen Volksarmee (NVA) der DDR mit 16.500 Soldaten werden mobilisiert. 

Manfred Zimmermann* diente damals in der 11. Motorisierten Schützendivision (11. MSD). Zusammen mit der 7. Panzerdivision sollte sie als Teil der „Operation Donau“ von Nordwesten her in die Tschechoslowakei einmarschieren. 

Noch sehr genau erinnert sich der 70-jährige gelernte Schlosser aus dem Kreis Zeitz an den 20. August 1968, den Tag vor seinem 20. Geburtstag: „Ein Alarm hallte über das Kasernengelände. Doch dieses Mal war er irgendwie anders. Uns, den Soldaten, war klar, dass es sich um keine normale Truppenübung handelte.“ Die Truppe erhält den Befehl, sich voll zu munitionieren. Bei ihren bisherigen Übungen bekamen sie nur die Hälfte an Waffen und Patronen. Die zuständigen Offiziere teilen den Soldaten bei einer Versammlung mit, dass sie Richtung Süden ausrücken werden. Und dass die Lage sehr ernst ist. „Irgendwann gab es die ersten Informationen, dass es wohl ein Problem mit der CSSR gibt“, sagt Zimmermann. Da sei ihm bewusst geworden, dass es darum geht, „die DDR und den Sozialismus zu verteidigen“. 

„Ich würde meine Waffe auch auf euch richten“

Die 11. MSD rückt gegen 20 Uhr aus. Auf einem Lkw mit Haubitze sitzend denkt Zimmermann daran, dass das geladene Gewehr in seiner Hand jeden Moment zum Einsatz kommen könnte. Er wird nervös. 

An den Straßen tauchen immer wieder Menschen auf. Sie treten an die Soldaten heran, reichen ihnen Zigaretten und Kuchen, „immer mit der Bitte, bloß keinen Krieg zu machen“, erinnert sich Zimmermann. Er versteht die Ängste der Bürger, zu lebendig sind die Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg, aber auch an den Aufstand in der DDR am 17. Juni 1953. 

Die Division erreicht gegen Mitternacht den Bereitstellungsraum Plauen an der Grenze zur CSSR, als Reserve der sowjetischen 11. Gardearmee. Als die Soldaten beisammensitzen, steht plötzlich einer von ihnen auf und sagt in die Runde: „Wenn es hart auf hart kommt, würde ich meine Waffe auch auf euch richten.“ Und an Zimmermann gewandt fügt er hinzu: „Auch auf dich.“

Zu diesem Zeitpunkt ist „Operation Donau“ – laut Dubcek „die größte Tragödie meines Lebens“ – schon in vollem Gang: 300.000 Soldaten mit 7500 Panzern und 2000 Geschützen, unterstützt von 1000 Flugzeugen, marschieren seit einer Stunde in die CSSR ein. Die beiden Divisionen der NVA hingegen bleiben in Bereitstellung, auf Geheiß Breschnews. Nicht nur der Soldat Manfred Zimmermann atmet auf. 

Ein Flugblatt zeigt die sowjetische Armee als Raubtier

Die Urlauber Günter Schüler, Ernst Reppin und ihre beiden Freunde können nicht aufatmen; sie können Prag nicht mehr verlassen, der zivile Grenzverkehr ist eingestellt. Die Familie, in deren Garten sie zelten, teilt ihnen mit: Die CSSR wird besetzt! 

Jugendliche Neugier treibt die vier jungen Männer in die Innenstadt. Schüler: „Mit unseren 19 Jahren waren wir völlig angstfrei. “Sie sehen, wie Kampfflugzeuge am Himmel entlangdonnern, wie Panzer über die Straßen rasseln. 

Reppin: „Es waren die mit dem Eisenstrich am Kanonenrohr, Gefechtspanzer. Ich habe sie durch meinen Wehrpflichtdienst bei der NVA erkannt. Plötzlich waren sie da, wie aus dem Nichts.“
Schützenpanzer auf dem Wenzelsplatz feuern Leuchtspurmunition in Richtung Nationalmuseum. „Der ganze Himmel verfärbte sich grün, blau und rot, die Munition zog ihre Schlieren“, sagt Reppin. „Uns wurde mulmig.“ 

Menschen kommen von überall her, singen und schreien, stellen sich Panzern in den Weg oder schlagen mit Fahnenstangen auf sie ein. Schüler, Reppin und ihre Freunde lassen sich von der Aufbruchsstimmung anstecken: „Wir waren rebellisch, wir haben mitten im Getümmel die Fäuste geballt.“ 

Und: Sie fahren durch die Stadt, werfen aus ihren Autos Flugblätter in tschechischer Sprache, ohne zu wissen, was darauf geschrieben steht. Einige Parolen sind für jedermann verständlich: „Für Dubcek“ und „Für Svoboda“ (Staatspräsident Ludvik Svoboda). Ein Blatt zeigt die Sowjetarmee als Raubtier.

Widerstandsaktionen in der DDR als Folge des Prager Frühlings

Der Prager Frühling endet in Tränen und Blut. Es soll 500 Verletzte und 100 Tote gegeben haben. Fünf Tage nach der Invasion unterzeichnet Dubcek das „Moskauer Protokoll“, das die wesentlichen Reformen und Reformprojekte aufhebt. Er wird im April 1969 als KPC-Chef abgelöst und 1970 aus der Partei ausgeschlossen. 

Eine Verhaftungs- und Fluchtwelle erfasst die CSSR. Im Zuge von Säuberungen innerhalb der KPC verlieren fast eine halbe Million Mitglieder ihr Parteibuch. Zehntausende Menschen, in erster Linie Facharbeiter und Intellektuelle, verlassen das Land; 96.000 Menschen flüchten allein nach Österreich; 66.000 Urlauber kehren von dort nicht in ihre Heimat zurück. Die Niederschlagung des Prager Frühlings führt in der DDR zu Widerstandsaktionen: zu Losungen an Häusern wie „Dubcek ja, Panzer nein“ und „NVA pfui“, zu Flugblättern und Protestbriefen. 

Zwischen dem 21. August und dem 30. November gibt es Ermittlungsverfahren gegen 1290 Personen „wegen Straftaten im Zusammenhang mit den Maßnahmen der verbündeten sozialistischen Staaten zur Sicherung der sozialistischen Ordnung in der CSSR“. Günter Schüler, Ernst Reppin und ihre Freunde Bernd Schewe und Helmut Rose kehren am 30. August in die DDR zurück, ohne Böses zu ahnen. Schüler und Schewe fahren vier Wochen später an die Ostsee, in ein Wehrlager. 

Fast so, als wäre nichts gewesen

„Plötzlich waren sie da, die Leute von der Stasi“, sagt Schüler. „Sie wollten, dass ich das Lager umgehend abbreche und nach Berlin fahre, dorthin, wo ich studierte.“ Zwei Autos stehen für die beiden jungen Männer bereit. Schüler: „Schewe in den Moskwitsch, ich in den Wartburg, dann klicken die Handschellen. Ich hatte keinen blassen Schimmer, was passiert.“ Die Fahrt endet nicht in Berlin, sondern in Potsdam, im „Lindenhof“, dem Untersuchungsgefängnis für politische Häftlinge.

Ernst Reppin wird am 23. September von drei Mitarbeitern der Stasi von der Arbeit abgeholt und auch in Handschellen nach Potsdam gebracht. „Staatsfeindliche Hetze“ wird Schüler und Schewe, Reppin und dem ebenfalls inhaftierten Rose vorgeworfen. Schüler hört so was zum ersten Mal. Er denkt sich: „Es bedeutet wohl gegen Frieden zu sein und den Klassenfeind zu unterstützen.“ Und er beruhigt sich: „Ich habe mir nichts vorzuwerfen.“

Schüler und Schewe werden am 5. November 1968 zu drei Jahren Haft verurteilt, Rose zu vier Jahren, Reppin zu zwei Jahren und acht Monaten. Eine „großzügige Geste des Staates“ führt nur Wochen später, am 23. Dezember, zu ihrer frühzeitigen Entlassung. Schüler: „Wir durften in einen Barkas einsteigen, die Türen waren schon offen, und dann sind wir zur Bauhofstraße gefahren, wo jetzt das Ministerium des Inneren ist. Dort wurden uns die Entlassungsscheine übergeben.“ Reppin: „Im Anschluss durften wir in unseren sommerlichen Outfits über den Hauptbahnhof gehen. Da war gerade Weihnachtsmarkt. Danach ging es nach Hause. Fast so, als wäre nichts gewesen.“

Ein ganz besonderer Sommerurlaub

Ein Irrtum. Schüler und Schewe werden kurz darauf der Universität verwiesen, Rose darf sein Studium gar nicht erst beginnen. Gelassen sitzen Günter Schüler und Ernst Reppin auf Stühlen in der Gedenkstätte Lindenstraße in Potsdam. Sie scheinen mit sich im Reinen zu sein. „Alles hat einen Sinn“, sagt Schüler, „es kommt immer nur auf den Standpunkt oder die Betrachtungsweise an.“ 

Auch Manfred Zimmermann, der ehemalige Soldat, hat seine ganz eigene Sicht auf die vergangenen Dinge: „Es gibt gerechte und ungerechte Kriege. Vielleicht wäre es, wäre die NVA einmarschiert, in diesem Moment gerecht gewesen.“ 

Ob gerecht oder ungerecht: „Durch seine Niederschlagung wurde der Prager Frühling zum Wendepunkt in der Geschichte des sowjetischen Kommunismus und seines Imperiums“, schlussfolgert Soziologe und Zeithistoriker Manfred Wilke. An seinem Ende sei es überhaupt nicht mehr um Sozialismus gegangen, sondern um den Sturz der kommunistischen Diktaturen in Osteuropa. „Die friedlichen Revolutionen 1989 hatten in Prag ihre Wurzeln.“

Günter Schüler ist noch nicht ganz mit sich im Reinen. Vor wenigen Tagen hat er mit einer Mitarbeiterin der Gedenkstätte seine Stasi-Akte angefordert. Er hofft, dass er nach Einsichtnahme endgültig mit dem Thema abschließen kann. Es sollte doch nur ein ganz besonderer Sommerurlaub werden.

*Name geändert