Homeoffice in Zeiten von Corona.
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BerlinMeine Tochter beklagte sich vor ein paar Tagen darüber, ihre Freunde würden über Ostern mit den Eltern in ihre Landhäuser in Brandenburg fahren. Am selben Abend schrieb eine Freundin, sie habe sich mit der Familie schon seit Beginn des Berliner Lockdowns in ihren zweiten Wohnsitz in der Westprignitz zurückgezogen. Sie erzählte von langen Spaziergängen und Spieleabenden. Das klang von einer Etagenwohnung in Berlin aus gesehen beneidenswert gut. 

Das Corona-Virus ist ein Gleichmacher, heißt es immer wieder. Und es ist ihm ja wirklich egal, ob jemand arm oder reich ist, welche Nationalität er hat. Das ist nicht bei allen Krankheiten so. Die Tuberkulose etwa gilt noch als Krankheit der Armen. Anfällig sind besonders diejenigen, die in mangelhaften hygienischen Verhältnissen auf beengtem Raum leben.

Das Corona-Virus kann alle befallen, und doch wirft diese Zeit der Quarantäne und des Lockdowns ein besonders grelles Licht auf soziale Gräben.

Homeoffice: Domäne eines privilegierten Milieus

Die neue Corona-Arbeitswelt differenziert etwa zwischen Büro-Angestellten und Arbeitern. Das Homeoffice etwa ist die Domäne eines privilegierten Milieus, das nun über Slack, Zoom und Teams  kommuniziert, Besprechungen und Konferenzen abhält. Nebenbei posten die Heimarbeiter auf kokett selbstreferenzielle Art Katzenfotos, oder sie garnieren den Morgengruß an die Kollegen mit einem Foto vom eigenen Garten.

Die Kassierer, Taxifahrer, Paketauslieferer oder Lieferando-Boten können sich bei ihrer durchaus systemrelevanten Tätigkeit nirgendwohin zurückziehen. Ihr dringender Wunsch nach einem geschützten Raum drückt sich durch all die zusammengezimmerten Plastikwände, Absperrbänder, und Plastikhandschuhe aus, die Bitten, doch mit Karte zu zahlen oder eine kontaktlose Lieferung in Anspruch zu nehmen, die oft genug rücksichtslos ignoriert werden.

Die soziale Wirklichkeit spricht ihr Urteil auch bei der Art und Weise, wie der Weg zur Arbeit zurückgelegt wird - ob geschützt im Auto oder in öffentlichen Verkehrsmitteln- und bei der Kinderbetreuung. Ein Bekannter berichtete kürzlich, seine Frau und er – beide sind Wissenschaftler - würden nun die Dienste einer Babysitterin in Anspruch nehmen. Der kleine Sohn kann nicht mehr in die Kita, beide müssen arbeiten. Es sei ihnen gegönnt, nur musste ich in dem Moment an den Fleischereiverkäufer denken, der erzählte, er wisse nicht, was er in diesen Zeiten mit seinem Kita-Kind machen solle, seine Frau müsse auch Geld verdienen.

Ein Beispiel für die soziale Differenzierung stellen im Grunde auch die Jugendlichen dar, die sich jeden Nachmittag auf einem Neuköllner Spielplatz versammelt, um dort das rot-weiße Absperrband ignorierend Shisha zu rauchen und zu reden. Sie sind zu fünft und sitzen dicht beeinander. Man könnte wütend werden angesichts dieses unsolidarischen Verhaltens. Aber vielleicht wissen sie nicht, wohin mit sich, vielleicht ist es zu Hause eng, womöglich fehlt gar ein eigenes Zimmer. Dass der öffentliche Raum nur noch eingeschränkt zur Verfügung steht, trifft in beengten Wohnverhältnissen Lebende besonders hart.

Nicht jeder hat Laptops zu Hause

Als Differenzierungsmechanismus dient sogar die Ausstattung mit digitalen Geräten. Darauf machte zu Beginn der Homeschooling-Zeit ein Brief der Elternvertreter eines Kreuzberger Gymnasiums aufmerksam: „Falls kein digitales Gerät im häuslichen Gebrauch ist, teilt dies bitte dem Klassenlehrer mit.“ Es hat eben nicht jeder Laptops oder Computer zu Hause, mit dem die Kinder nun am Unterricht teilnehmen können. Und es haben auch nicht alle Kinder Eltern, die mit ihnen auf Französisch die Uhrzeiten üben können. Je länger die Schulen geschlossen sind, desto größer werden bei manchen die Lücken.

In Brandenburg dürfte mancherorts auch die mangelhafte Internetverbindung das Problem beim Homeschooling und Homeoffice sein. Der ländliche Bereich ist allgemein bekannt für seine Funklöcher und weißen Flecken.

Wir Eltern konnten mit dem Hinweis auf die schlechte oder fehlende Internetverbindung wenigstens unsere Kinder über das Nichtvorhandensein eines Landhauses hinwegtrösten.

Wahr ist trotzdem: Beim alltäglichen Meistern der Corona-Krise sind manche gleicher als andere.