Meine Freundin sieht erschöpft aus, als sie am späten Freitagabend endlich vor meiner Haustür steht. Wir fallen uns in die Arme. „Fast neun Stunden habe ich jetzt gebraucht“, schimpft sie und schleudert ihre Tasche aufs Sofa. Der erste Zug von München hatte Verspätung, der zweite fuhr ohne sie los. Meine Freundin lässt sich auf einen Stuhl in der Küche fallen, öffnet ein Bier und regt sich auf. „Diese Leute am Info-Schalter! Da war Chaos, vor mir standen Flüchtlinge, die Armen! Die konnten gar nicht verstehen, wie sie nach der Verspätung weiterreisen können.“

Sie erzählt, dass viele Flüchtlinge in dem ICE saßen, etwa die Hälfte der Reisenden. Ein komisches Gefühl sei das in ihrem Waggon gewesen: Sie, die Doktorandin, dann ein paar Geschäftsmänner auf dem Weg ins Wochenende, ein fröhliches Grüppchen älterer Damen – und dazu das Dutzend junger Männer mit Erinnerungen an Krieg, Armut, Unterdrückung, Flucht und Leid. Erinnerungen fernab der Vorstellungskraft aller anderen Passagiere.

Eine Botschaft, die Ängste schürt

„Total befremdlich war eine Ansage vom Schaffner“, erzählt meine Freundin. Der Mann habe sich auf halber Strecke an die Reisenden gewandt und gesagt: „Aus gegebenem Anlass bitten wir Sie, auf Ihre Wertgegenstände zu achten.“ Ich stutze. „So kann man das doch nicht durchsagen, wenn der Zug voller Flüchtlinge ist! Die Ansage suggeriert doch, dass ein erhöhtes Risiko besteht, weil Flüchtlinge klauen! Jeder guckt sich um, sieht die schwarzen Männer und legt einen Arm über sein Hab und Gut!“

Wir überlegen, ob der Ansage wohl ein Diebstahl vorausgegangen war. Ob so ein Hinweis standardisiert immer gegeben wird, wenn ein Fahrgast meldet, dass etwas fehlt. „Das wäre ja richtig“, findet meine Freundin. „Leute gehen ja auch gezielt in Zügen auf Diebestour.“

Doch uns stört die Art. Die Wortwahl. Die Botschaft, die mitklingt. Eine Botschaft, die im schlimmsten Fall noch ein paar mehr besorgte Bürger produziert. Die Ängste schürt. „Lassen Sie Ihr Gepäck wie immer auf Bahnhöfen, Flughäfen und in Zügen nicht unbeaufsichtigt“, hätte der Schaffner sagen können, ohne dass jeder sofort einen Flüchtling verdächtigt. Nur ein Detail? Übertrieben? Vielleicht. Aber genau solche Details sind es doch, die mitentscheiden, ob die Integration von Flüchtlingen in Deutschland gelingt oder nicht.