Joe Biden tritt für die Demokraten an, klarer Favorit ist aber auch er nicht.
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WashingtonKaum jemand kennt Iowa so gut wie David Yepsen, der aus dem US-Bundesstaat für die dortigen Medien über Jahrzehnte die ersten Vorwahlen von Republikanern und Demokraten analysierte. Im Interview spricht er über die Unsicherheit der Demokraten, in der Ära Trump den richtigen Kandidaten aufzustellen.

Der Schlussspurt beim Wahlkampf der Demokraten in Iowa wird überlagert vom Impeachment. Welchen Einfluss hat das Geschehen im Kongress auf das Rennen um die Nominierung der Demokraten?

Jeder US-Senator muss in Washington sein und dem Geschehen vor Ort im Kongress persönlich folgen. Das behindert den Wahlkampf erheblich und drängt die Senatoren Bernie Sanders, Elizabeth Warren und Amy Klobuschar in der entscheidenden Phase ein wenig ins Abseits. Sie wären gewiss lieber in Iowa als beim Amtsenthebungsverfahren im Senat. Vor allem Klobuschar schadet das, weil sie zuletzt Rückenwind hatte. Andererseits waren die Kandidaten oft genug hier. Die Wähler hatten eine Chance, sie zu treffen.

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Zur Person

David A. Yepsen kam 1950 in dem kleinen Ort Jefferson in Iowa zur Welt. Er graduierte 1972 an der University of Iowa. Yepsen moderiert im öffentlichen Fernsehen die wöchentliche Sendung „Iowa Press“.

Vor seiner Pensionierung war er beim Des Moines Register für
34 Jahre unter anderem als Politik-Chef, Kolumnist und Verantwortlicher für die Wahlkampfberichterstattung tätig.

Spielt das Impeachment in der Wahrnehmung der Menschen hier im Mittleren Westen überhaupt eine Rolle?

Es gibt Hinweise, dass es die Demokraten stärker motiviert, zu den Parteiversammlungen zu gehen. Laut einer Umfrage von Suffolk/USA Today sagt etwa einer von vier Befragten der Prozess gegen Trump mache eine Teilnahme an einem Caucus wahrscheinlicher. Auf der anderen Seite mobilisiert das Impeachment auch die Republikaner. Die offene Frage bleibt, wem es am Ende mehr hilft.

Sollte man dem kleinen Iowa überhaupt so viel Bedeutung beimessen?

2016 haben die Demokraten bei den Präsidentschaftswahlen auch verloren, weil sie in ländlichen Staaten wie Iowa nicht gut abgeschnitten haben. Diese Staaten haben im Wahlmänner-Kollegium, das den Präsidenten wählt, proportional mehr Gewicht als etwa Kalifornien oder New York. Die Demokraten müssen auf dem Land zulegen, wenn sie Staaten wie Ohio, Pennsylvania, Wisconsin oder Florida gewinnen wollen. Iowa bietet sich als idealer Ort an, auszuprobieren, welche Botschaften und welche Kandidaten in einem solchen Umfeld ankommen.

Es herrscht große Verunsicherung bei den Demokraten, die jemanden suchen, der gegen Trump gewinnen kann.

David A. Yepsen

Da müssen sie aber kräftig zulegen. Trump hängte Hillary Clinton in Iowa um neun Punkte ab und siegte in 93 von 99 Wahlbezirken.

Stimmt. Richtig ist aber auch, dass das weiße Iowa zwei Mal den schwarzen Barack Obama wählte. Ein Drittel aller Wahlbezirke wechselte 2016 von Obama zu Trump. Und zwar aus derselben Motivation heraus. Die Leute haben die Nase voll von der Politik. Sie wollen etwas Neues, ein frisches Gesicht. Und endlich auch den Aufschwung in ihrem Leben spüren. In den ländlichen Gemeinden fühlen sich viele Menschen weiterhin abgehängt.

Bei den Republikanern ist Trump in Iowa gesetzt. Wie ist die Dynamik im Feld der demokratischen Bewerber?

Knapper könnte das Rennen kurz vor der Ziellinie nicht sein. Gemessen an den letzten Umfragen gibt es ein Führungsquartett aus Sanders, Warren, Biden und (Pete) Buttigieg. Klobuchar könnte überraschend von hinten kommen. Man sollte sie im Auge behalten. Solide Voraussagen sind unter diesen Umständen unmöglich. Dafür liegen die Kandidaten zu dicht zusammen. Da bei den Parteiversammlungen ein mehrstufiges Verfahren angewandt wird, hängt viel von der Dynamik bei den jeweiligen „Caucuses“ ab. Da spielt Organisation eine wichtige Rolle. Gefühlt scheint mir Sanders knapp vor Biden zu liegen, Buttigieg könnte zuletzt nicht mehr zulegen und Warren fiel etwas zurück.

Wie erklären Sie die Abwesenheit eines klaren Spitzenreiters zu diesem Zeitpunkt des Wahlkampfs?

Es herrscht große Verunsicherung bei den Demokraten, die jemanden suchen, der gegen Trump gewinnen kann. Weil der Sieger in Iowa bei den Demokraten fast immer die Nominierung der Partei davonträgt, empfinden die Wähler es diesmal als Bürde, den richtigen Kandidaten ins Rennen zu schicken. Sie sind hin- und hergerissen sind, wem sie das zutrauen, Trump zu schlagen. Sie wollen nicht noch einmal einen fehlerhaften Kandidaten wie Hillary Clinton ins Rennen schicken. Deshalb ist das Rennen so unentschieden.

Sehen sie in dem Bewerberfeld der Demokraten jemanden, der das Zeug hat, Trump zu schlagen?

Ich kann Biden sehen und Buttigieg, weiß aber nicht, was es ausmacht, dass Mayor Pete offen homosexuell ist. Wir haben noch niemals einen bekennend schwulen Präsidenten im Weißen Haus gehabt. Sanders halte ich für schwieriger. Viele mögen Bernie als Person, aber er ist ein Sozialist. Das ist ein Beiwort, das abstößt. Die Leute mögen nicht zu viel Staat. Für Elizabeth Warren gibt es einen Weg zur Mehrheit von 270 Wahlmännerstimmen. Aber ich bin mir heute nicht mehr so sicher wie noch im letzten Jahr. Sie hat mit der Idee, die Menschen in eine staatliche Krankenversicherung zu zwingen, viele Wähler abgeschreckt.

Das Gespräch führte Thomas Spang.