Wann ist er gekommen? Wann fliegt er weiter? Die Zeit vergeht in der Stadt auf vielfältige Weise. 
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BerlinDie angehaltene Zeit macht sich nicht nur an öffentlichen Plätzen bemerkbar, die sonst von vielen bevölkert werden und nun anmuten wie städtebauliche Stillleben, durch die nur vereinzelt Paare und Passanten huschen. In einem Fernsehbericht klagt ein Gastronom von der Insel Sylt über die unselige Champagnerschwemme in seinem Vorratskeller. Nichts fließt mehr in seiner Strandbar, aber um die günstigen Preise bei hoher Mengenabnahme nicht verfallen zu lassen, sieht er sich gezwungen, die bereits georderten Bestellungen abzunehmen. Luxusprobleme aus der Überflussgesellschaft?

Am anderen Ende der sozialen Skala stapeln sich die Existenzsorgen. Es gibt viele, die nicht in den Genuss der Soforthilfen gekommen sind und nun Gefahr laufen, in die Grundsicherung abzurutschen. Die Sorge darum, wie ohne Aussicht auf Einkünfte in den nächsten Wochen über die Runden zu kommen ist, geht einher mit Demütigungserfahrungen der Bedürftigkeit. Das Leben, in dem man sich eingerichtet hatte, scheint aus den Fugen geraten – und man kann doch nur Tee trinken. Die Gewissheit jedenfalls, für sich und die Seinen aufkommen zu können, scheint dahin.

Über die wirtschaftlichen Probleme hinaus hat die Coronakrise ein psychosoziales Moratorium ausgelöst. Die Osterzeit als schwer zu ertragende Wartezeit. Die Gesellschaft, die zuletzt verstärkt auf die Initiativen der unternehmerischen Einzelnen ausgerichtet war, wird künftig darauf angewiesen sein, zuletzt eher gering beanspruchte Formen des Gemeinsinns zu mobilisieren.

Der Infizierte als Täter

Wenn die Beifallsbekundungen vom Balkon verklungen sind, wird deutlich, wie wenig verlässlich die Erwartungen auf sozialen Zusammenhalt sind. Ein durch die Corona-Pandemie forcierter gesellschaftlicher Wandel wird mehr und mehr als Bedrohung wahrgenommen, und die hehren Vorstellungen von Solidarität enden mitunter bereits an den Landes- und Kreisgrenzen. Wie anders ist die nun gerichtlich zurückgewiesene Anordnung eines brandenburgischen Landrats zu verstehen, der über Maßnahmen seiner Landesregierung hinaus ein Einreiseverbot für seinen Landkreis ausgesprochen hat, das mehr oder weniger ungeniert besagt: Berliner sollen draußen bleiben.

Den anonymen Gefahren einer Pandemie, die jeden treffen kann, scheint man durch derlei Akte demonstrativen politischen Handelns ein konkretes Gesicht geben zu wollen. Der potenziell Infizierte wird nicht länger als Opfer betrachtet, er bewegt sich von hier nach da und hat eine Herkunftsadresse. Das Beispiel aus Ostprignitz-Ruppin zeigt nicht nur, wie tief verankert das Misstrauen gegen alles Fremde ist. Nicht selten wird es ausdrücklich als solches erzeugt.

Die falsch verstandene lokale Wehrhaftigkeit, mit der man den Besitzern und Mietern den Zutritt zu ihren Zweitwohnungen zu verwehren beabsichtigt, zerstört nicht zuletzt auch die Idee eines selbstbewussten Regionalismus, der darauf ausgerichtet war, sich von den urbanen Zentren zu emanzipieren und mit ihnen zu arrangieren. Der Stolz, mit dem die Kreisstadt Neuruppin 2019 das Jubiläumsjahr ihres berühmten Sohnes Theodor Fontane gefeiert hat, war ja insbesondere auch vom Bewusstsein des Dichters getragen, zugleich Ruppiner, Berliner und Weltbürger zu sein. Gerade jetzt bedürfte es eines Bewusstseins von der Pandemie als Weltereignis, das mit Grenzen nicht zu kämpfen ist.

Es ist auch eine Zeit der Bewältigung

Die Vollbremsung des sozialen Lebens scheint nicht der Moment der Muße zu sein, in der man die Augen öffnet und den Blick schweifen lässt. Dabei wäre es gerade jetzt angebracht, sich aus ängstlicher Selbstbezüglichkeit zu befreien. Die Corona-Krise lässt sich ja nicht nur als soziales Drama und Verwirklichung schlimmster Befürchtungen beschreiben. Es ist auch eine Zeit der Bewährung und Bewältigung. Gesundheitsexperten, Ärzte und Wissenschaftler müssen das Vertrauen in ihre Expertise rechtfertigen und Politiker werden daran zu messen sein, wie sie mit den ihnen anvertrauten Handlungsspielräumen umgegangen sind. Die Krise stellt Legitimationsfragen ganz anderer Art. Manches wird anders sein, wenn man sich auf den Plätzen wieder begegnet.