Viel wird in das, was Olaf Scholz sagt, und vor allem in das, was er nicht sagt, hineininterpretiert. Auch bei seinem heutigen Besuch in Kiew mit Macron und Draghi dürfte das der Fall sein. Das bekannteste Beispiel bisher: Olaf Scholz will nicht sagen, dass die Ukraine den Krieg gewinnen soll. „Die Ukraine muss bestehen“, sagt er. Aber auch: „Putin darf seinen Krieg nicht gewinnen.“

Die gängigste Lesart dieser Formulierungen lautet mittlerweile: Weil unterschiedliche Akteure unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was „gewinnen“ bedeutet, kann die Aussage unterschiedlich verstanden werden. Vor allem die Ukrainer meinen mit „gewinnen“ auch die Rückeroberung von Donbass und Krim. Deshalb sage Scholz es nicht.

Nun kann niemand außer dem Kanzler in den Kopf des Kanzlers blicken. Doch wie wäre es, Olaf Scholz beim Wort zu nehmen, statt zu versuchen, die geheime Bedeutung dessen, was er sagt oder wozu er schweigt, zu ergründen?

Wenn keiner gewinnt, heißt das vor allem: Es wird weitergekämpft

Im Falle des Beispiels sähe das ungefähr so aus: Wenn von zwei Kriegsparteien keine „gewinnen“ soll, dann geht ein Krieg nicht zu Ende. Mal ist die eine Seite im Vorteil, mal die andere. Vielleicht führt der Krieg in ein Patt, vielleicht bleibt er dynamisch. Wer will, dass es keine eindeutige Entscheidung gibt, könnte sich so verhalten, wie Scholz und Macron und Draghi es tun.

Die Deutschen haben zu Beginn des Krieges viel Gerät in die Ukraine geliefert. Stinger, Panzerfäuste, Strela-Raketen, Munition und allerhand Schutzausrüstung. Doch nachdem die Ukraine den Angriff auf Kiew abwehren konnte und in Teilen des Landes zum Gegenangriff übergegangen war, reduzierte sich die Aktivität. Dann begannen Präsident Selenskyj und Botschafter Melnyk nämlich auch schwere Waffen zu fordern. Waffen, mit denen die Ukrainer – anders als mit Drohnen und Flugabwehrraketen – auch Gebiete zurückerobern können.

Die Kämpfe verlagerten sich in den Osten. Auch dort schien die ukrainische Armee anfangs im Vorteil zu sein, das Momentum hatte sie auf ihrer Seite. Seit ungefähr zwei Wochen aber dreht sich die Lage zugunsten der Russen. Ihre schwere Artillerie kann weiter schießen als die ukrainische.

Waffenlieferungen an die aktuelle Kriegslage angepasst

Seit fünf Tagen sind nun auch amerikanische Haubitzen vom Typ M777 im Einsatz, seit Kurzem auch das französische Artilleriegeschütz Caesar. Sie werden helfen, den Nachteil der ukrainischen Streitkräfte zu verringern. Dieses Muster von Lieferungen, das der militärischen Lage angepasst wird, passt sehr gut dazu, dass weder die Ukraine noch die Russen den Krieg zu einer Entscheidung führen können sollen.

Das werden manche für zynisch halten. Jeden Tag sterben Hunderte Soldaten. Doch die Frage ist: Würden nicht noch viel mehr Menschen sterben, wenn der Westen mit massiven Waffenlieferungen aller Gattungen die Ukraine ausstatten würde? Wie würde Putin reagieren, wenn er die Panzerschlachten verliert? Es muss dabei gar nicht um Atomwaffen gehen. Vom Flächenbombardement der Großstädte über Napalm-Angriffe und biologische oder chemische Kampfstoffe hat die Eskalationsleiter viele Sprossen.

Auf der anderen Seite wäre eine Niederlage der Ukraine die Einladung an Putin, all jene Gebiete des früheren Zarenreichs zu erobern, die er beansprucht. Autokratische Regime in aller Welt würden daraus ihre Schlüsse ziehen. Das kann Scholz genau so wenig wollen. Wer diese Optionen für realistisch hält, könnte am Ende sogar den Krieg in der Ostukraine für das kleinere Übel halten.

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