Ein Wahlkampfplakat der Blau-Weiß-Partei zeigt den israelischen Premierminister und Vorsitzenden der Likud-Partei Netanjahu (M) und seine Parteimitglieder Ohana (l) und Rafi Peretz.
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Tel AvivKurz nachdem Benjamin Netanjahus erster Prozesstermin angekündigt wurde und es so aussah, als stünden seine Chancen diesmal wirklich schlecht, hatte der Premierminister eine Idee: Er forderte seinen Herausforderer Benny Gantz auf, sich mit ihm in einer Fernsehdebatte zu messen.

Das war ein überraschender Vorschlag. Seit zehn Jahren hatte Netanjahu nicht mehr an einer öffentlichen Wahldebatte teilgenommen. Debatten sind nicht seine Sache. King Bibi, wie ihn die Israelis nennen, lässt sich nicht gerne vor laufenden Kameras angreifen, er steht lieber alleine im Scheinwerferlicht oder postet Wahl-Botschaften auf Facebook.

Aber nun, in größter Not, schien er zu allem bereit, und für einen Moment sah es so aus, als würde der dritte Wahlkampf innerhalb eines Jahres doch noch einen echten Höhepunkt erleben: ein Rededuell live im Fernsehen übertragen, wie in den guten alten Zeiten der israelischen Demokratie.

Netanjahu: Die Schwäche in einen Angriff umgewandelt

Benny Gantz aber lehnte ab. Dies sei nichts als ein lahmer Trick des Premiers, um von seiner Anklage abzulenken, sagte er. Und hatte vermutlich damit recht. Dennoch sah es so aus, als wolle sich der Herausforderer vor der Auseinandersetzung drücken, als sei er zu feige, sich mit dem Premierminister zu messen.

Benjamin Netanjahu hat viele Wahlen gewonnen. Wird er auch dieses Mal erfolgreich sein?
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Die Absage von Gantz wurde zum Triumph für Netanjahu. In einem Moment von Schwäche war er zum Angriff übergegangen. Das ist seine Taktik, war sie schon immer. Er hat damit viele Gegner geschlagen und viele Wahlen gewonnen. Ob es auch diesmal klappt, steht in den Sternen.

Eine Staatskrise und keiner protestiert

An diesem Montag wird zum dritten Mal innerhalb eines Jahres in Israel gewählt. Die erste Wahl war im April 2019, die zweite im September 2019. Immer war das Ergebnis knapp, immer scheiterte die Regierungsbildung an dem Versuch, eine Mehrheit von 61 Sitzen zu finden. Im Dezember löste sich das Parlament auf und beschloss, es ein drittes Mal zu versuchen.

Seitdem befindet sich das Land in einer Staatskrise, kann kein neuer Haushalt beschlossen, kein Geld in Schulen oder Krankenhäuser gesteckt werden. Aber niemand protestiert, niemand geht auf die Straße. Alle machen einfach weiter wie in Schockstarre, und man weiß nicht, was beunruhigender ist: Die Tatsache, dass sich die israelische Gesellschaft auf keine Mehrheiten mehr einigen kann, oder die Versuche des Regierungschefs, sich einer Strafverfolgung zu entziehen.

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So richtig ist das sowieso nicht voneinander zu trennen. Benjamin Netanjahu wird Korruption, Betrug und Bestechlichkeit vorgeworfen. Er soll Geschenke im Wert von 230.000 Euro angenommen und sich positive Berichterstattung erkauft haben. Das Einzige, was ihn noch retten kann, ist ein Immunitätsgesetz. Um das durchzusetzen, braucht er eine Mehrheit im Parlament. Mit anderen Worten: Netanjahu muss die Wahlen gewinnen oder ins Gefängnis. Am 17. März soll der Prozess beginnen.

Keine Diskussionen, keine Inhalte und Fake-News

Es ist, das kann man mit Sicherheit sagen, der längste Wahlkampf in der Geschichte des Landes und wahrscheinlich auch der langweiligste. Die Kandidaten reden übereinander, nicht miteinander. Inhalte spielen keine Rolle, bis auf den Trump-Nahost-Plan, den Gantz und Netanjahu gut finden. Wahlkampfauftritte werden von Raketen aus Gaza gestört, neue Siedlungen im Westjordanland genehmigt, Annexionen angekündigt. In den Umfragen liegt mal der eine, mal der andere vorn.

Der einzige Unterschied: Netanjahu, sonst ein großer Händeschüttler, grüßt Wähler mit Verbeugung statt mit Handschlag. Das Coronavirus geht um, auch in Israel. Sieben Fälle wurden bisher nachgewiesen, und jetzt, wenige Stunden, bevor die Wahllokale öffnen, gibt es die Befürchtung, Gerüchte könnten beunruhigte Bürger vom Wählen abhalten. Fake-News in Seuchenzeiten. Noch eine Herausforderung für die Demokratie.

Es ist der längste Wahlkampf in der Geschichte des Landes und wahrscheinlich auch der langweiligste.
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Eine Fernsehdebatte ohne Spitzenkandidaten und Zuschauer

Vier Tage zuvor ahnt davon noch niemand etwas. Im Nalaga’at-Theater am Hafen von Jaffa soll eine Fernsehdebatte beginnen, eine kleine nur, ohne die Spitzenkandidaten der beiden großen Parteien, aber immerhin. Der englischsprachige Fernsehsender i24News überträgt die Debatte „in alle Welt“, versichert der Moderator. Er heißt Jeff und hat einen amerikanischen Akzent.

Im Publikum sitzen zwei Dutzend Journalisten. Sie werden gebeten, sich in die ersten zwei Reihen zu setzen, damit die Zuschauer „in aller Welt“ nicht nur leere Stühle sehen. Vorne auf der Bühne stehen zwei Blumensträuße und sechs Barhocker, auf denen die Vertreter der größten Parteien Platz nehmen: Likud und Blau-Weiß, die Siedlerpartei Neue Rechte, das Vereinigte Thora-Judentum, Unser Haus Israel, die Vereinigte Arabische Liste und die Arbeitspartei. Sechs Männer, eine Frau.

Jeff, der Moderator, beginnt: „Wir wollen über die dritten Neuwahlen innerhalb eines Jahres diskutieren, über die wirklich bedrohliche Krise der Demokratie in diesem Land. Die Leute verstehen nicht, was eigentlich los ist.“ „Verstehe ich auch nicht“, murmelt der Likud-Mann. Die anderen lachen.

Es wird gestritten, getobt, gelacht

So geht es los, und gleich bedauert man, dass Debatten in Israel so selten geworden sind, so unterhaltsam wie sie sind. Netanjahus Prozess ist gleich das erste Thema. Blau-Weiß zählt sämtliche Anklagepunkte auf. Likud ruft: „Vorwürfe, alles nur Vorwürfe!“ Jeff, der Moderator, bittet darum, die anderen aussprechen zu lassen, niemand hört auf ihn. So ist es bei jedem Thema.

Trump-Plan, Gaza-Eskalation, Busse am Schabbat. Alle vertreten die üblichen Positionen, aber das mit großer Leidenschaft. Es wird gestritten, geschrien, getobt, gelacht. Der Linken fallen die Zettel vom Schoß, dem Araber die Wasserflasche aus der Hand. Der Likud-Mann spielt den Lässigen, Blau-Weiß den Empörten, der Orthodoxe lässt sich umwerben. In den Umfragen liegt das Thora-Judentum bei sieben Prozent und könnte Netanjahus rechtem Lager zur Mehrheit verhelfen – aber auch dem liberaleren von Blau-Weiß.

„Warum Netanjahu“, fragt die Linke. „Warum nicht Blau-Weiß?“

„Netanjahu ist uns näher“, sagt der Orthodoxe. „Er ist ein Staatsführer, der sich für uns einsetzt.“

„Aber er ist korrupt!“

„Es gibt wichtigere Sachen als Champagner und Zigarren.“

Der Schlagabtausch auf der Bühne erinnert an Szenen, die man derzeit überall im Land erleben kann. Während der letzten Raketenangriffe aus Gaza gab eine Frau aus der Grenzstadt Aschdod einem Fernsehsender ein Interview. Die Kamera begleitete sie vom Wohnzimmer in den Schutzraum und wieder zurück. Rein, raus, immer neuer Alarm, immer wieder die Angst, diesmal getroffen zu werden. Als die Frau gefragt wird, wen sie wählt, sagte sie: „Netanjahu, natürlich.“

"Sie wählen am Ende doch wieder die gleiche Partei"

Er kann machen, was er will, seine Anhänger nehmen ihm nichts übel. Woran das liegt, erklärt Gideon Rahat vom Israelischen Demokratieinstitut: „Netanjahu ist ein Populist, er tut so, als sei er der Einzige, der dieses Land führen kann, und redet allen ein, jeder Vorwurf gegen ihn sei Teil einer Kampagne seiner Gegner, ein großes Verschwörungsszenario.“

Das klingt fatalistisch, hoffnungslos: ein Mann, der ein ganzes Land in seinem Machterhaltungswahn gefangen hält, der nach Ansicht seiner Biografen den Populismus erfand, lange bevor Donald Trump US-Präsident wurde.

Hat sich denn gar nichts geändert in diesem einen Jahr seit der ersten Wahl? Nein, sagt Gideon Rahat. Neu sei allein die Tatsache, dass es überhaupt so weit kommen konnte, zur dritten Neuwahl. „Die Leute sind müde, aber sie wählen am Ende doch wieder die gleiche Partei. Wir werden mit großer Wahrscheinlichkeit die gleichen Wahlergebnisse sehen wie bei den letzten beiden Malen, ich würde mich nicht wundern, wenn wir bald das vierte Mal wählen gehen“, sagt der Professor. Und klingt dabei selbst ziemlich müde.

Die Teilnehmer bezichtigen sich gegenseitig der Lüge

Auf der Bühne des Nalaga‘at-Theaters geht es jetzt um die Leiche eines Terroristen an der Grenze zum Gazastreifen, die vom israelischen Militär mit einem Bagger weggeräumt wurde. Der Islamische Dschihad rächte sich dafür mit hundert Raketen Richtung Israel. Jeff, der Moderator, fragt, wer an der Eskalation schuld ist.

„Die Israelis“, ruft Ahmad Tibi von der Arabischen Liste, „das beweist, wie ihr mit einem Palästinenser umgeht.“

„Palästinenser? Das war ein Terrorist“, erwidert der Mann von der Likud und wirft Tibi vor, sich mehr für die Palästinenser einzusetzen als für die arabischen Israelis im Land. Tibi schreit: „Sie lügen. Sie lügen. Sie lügen“, und sticht dabei mit dem Zeigefinger in Richtung seines Widersachers. Der schreit mit: „Sie lügen selber. Sie! Sie! Sie!“ Das Schreiduell ist erst zu Ende ist, als Jeff zur Pause ruft.

Die Entrüstung ist Routine

Die Debattenteilnehmer rutschen von ihren Stühlen, machen Selfies mit den Kollegen, checken auf den Handys die neuesten Nachrichten: Ein Journalist will ein Sex-Video gefunden haben, auf dem sich Benny Gantz von Blau-Weiß beim Onanieren gefilmt hat. Eine ehemalige Hausangestellte wirft Sara Netanjahu, der Frau des Premierministers, vor, sie beleidigt und beschimpft zu haben, weil sie vergessen hatte, den Müll rauszubringen.

Je dichter die Wahlen, desto schmutziger die Vorwürfe. Auch das ist nicht neu. Nur regt sich kaum jemand mehr darüber auf. Im dritten Wahlkampf ist die Entrüstung zur Routine geworden.

Benny Gantz (l.) fordert Benjamin Netanjahu heraus.
Foto: AP/Oded Balilty

Bevor die Pause zu Ende ist, macht der Politiker der Partei Unser Haus Israel einen Vorschlag: Er würde gerne die Veranstaltung an diesem Punkt abbrechen, es sei doch eigentlich alles gesagt. Der Moderator ist entsetzt. „Das geht nicht. Die Sendezeit beträgt zwei Stunden.“ Zwei Stunden? Nun ist der Politiker entsetzt.

Er geht an den Rand der Bühne, als wolle er gehen. Die Fernseh-Assistentin läuft hektisch mit der Puderdose herum. Jeff stellt sich schnell wieder hinter sein Moderatorenpult. Er wollte seinen Zuschauern erklären, was in einem Land los ist, in dem dreimal nacheinander gewählt wird. Nun muss er darum kämpfen, dass ihm die Politiker nicht weglaufen. Vielleicht ist das eine Antwort.

Israel braucht endlich eine Regierung

Es geht dann doch noch weiter, ein bisschen zumindest. Noch drei Themen, dann schlägt der ungeduldige Politiker vor, mit den Abschluss-Statements zu beginnen. Jeff ist einverstanden, ihm bleibt wohl nichts anderes übrig. Als Erstes ist der Ultraorthodoxe dran, als Letztes der Vertreter der Neuen Rechten.

Es ist der ruhigste Moment des Nachmittags. Jeder wirbt noch einmal für die Ziele seiner Partei, jeder lässt den anderen ausreden, und jeder, wirklich jeder, sagt, wie wichtig es sei, am Montag wählen zu gehen. Weil Israel endlich wieder eine Regierung braucht.

Dann ist Schluss, die Kameras sind aus, alle rennen raus. Nur die Frau von der Linken bleibt noch im Saal und will von der Assistentin wissen, wie sie war. Sie habe ein bisschen leise gesprochen, sagt die Assistentin, aber zwischen all den Männern sehr hübsch ausgesehen.