Rom - Pier Luigi Bersani ist die tragische Figur dieser Wahl. Wochenlang war er als Favorit und künftiger Ministerpräsident Italiens gehandelt worden, lag in allen Umfragen vorn. Souverän hatte er es geschafft, die notorisch zerstrittene Linke endlich hinter sich zu vereinen, hatte sich in einer Urwahl zur Bestimmung des Spitzenkandidaten gegen einen jungen und stürmischen Herausforderer durchgesetzt. Sein Mitte-Links-Bündnis schien die politische Kraft der Zukunft und Bersani selbst, der sich als pro-europäischster italienischer Politiker zu profilieren suchte, der Mann der Zukunft – auch wenn das Ausland lieber weiter Mario Monti als italienischen Regierungschef sehen wollte.

Bersani unbeirrt

Der bodenständige und nüchterne Bersani, Sohn eines Tankstellen-Betreibers aus der Emilia-Romagna und einst Kommunist, ist sicher kein Charismatiker. Nichts liegt ihm ferner als Politentertainment im Stile eines Berlusconi oder Beppe Grillo. Es störte Bersani, dass der Wahlkampf fast ausschließlich auf Personen bezogen war. Es geht nicht um mich, es geht um Inhalte, lautete sein Appell.

Auch als Berlusconi bedrohlich aufholte mit seinen Versprechen, Steuern zu senken und zurückzuzahlen, ließ sich Bersani nicht beirren. Es müsse darum gehen, wie Italien aus der schlimmsten Krise seiner Geschichte komme. „Veränderung in diesem Land ohne gewisse Leiden ist nicht möglich“, betonte er auf der Abschlusskundgebung des Wahlkampfs seiner Partito Democratico (PD) in Rom. „Und Politik heißt nicht nur, Applaus entgegenzunehmen.“

Auf Applaus musste Bersani dann allerdings auch am Wahlabend verzichten. Der Auftritt im PD-Pressezentrum wurde schnell abgesagt, als die ersten Hochrechnungen immer deutlicher machten, dass der hoch gehandelte Favorit keine Mehrheit zum Regieren haben würde.

Mit einem hauchdünnen Vorsprung vor Berlusconis Rechtsallianz erhielt Bersanis Bündnis zwar die absolute Mehrheit der Sitze im Abgeordnetenhaus – das ist im Wahlrecht so vorgesehen. Damit könnte Bersani von Staatspräsident Giorgio Napolitano mit einer Regierungsbildung beauftragt werden. Doch in der zweiten Kammer, dem Senat, würde es nicht einmal dann zu einer handlungsfähigen Mehrheit kommen, wenn Bersani eine Koalition mit der Zentrumsliste von Mario Monti einginge. In Italien müssen Gesetze immer von beiden Kammern verabschiedet werden.

Wie geht es weiter? Eine Neuwahl lehnen sowohl die Linke als auch Berlusconi ab. Sie fürchten wohl, eine weitere Stärkung der Protestbewegung Fünf Sterne.

Berlusconi hat angedeutet, dass er eine Zusammenarbeit mit dem Mitte-Links-Bündnis für möglich hält. In einer Twitter-Nachricht schrieb er: „Einigung mit der PD? Wir müssen uns jetzt Zeit zum Nachdenken nehmen.“ Und dann fügte er kategorisch hinzu: „Keine Einigung mit Monti.“

Allerdings ist eine große Koalition nach deutschem Vorbild zwischen Bersani und Berlusconi nur schwer vorstellbar. Dazu liegen die beiden gleich starken Lager zu weit auseinander. Berlusconi hatte noch vergangenen Freitag erklärt, die PD sei „immer noch im Kommunismus verhaftet, der inhumansten Ideologie in der Geschichte der Menschheit“. Zudem würde auch eine große Koalition dazu führen, dass die Politikverdrossenheit der Italiener weiter wächst. Ein Ausschluss der Grillo-Bewegung würde ihr weiteren Zulauf bringen.

Aus der Wahl lernen

Bersanis Bündnispartner Nichola Vendola von der SEL (Linke, Ökologie, Freiheit) plädierte schon am Wahlabend dafür, einen Dialog mit den Fünf Sternen zu beginnen. Deren Erfolg sei ein Erdbeben, aus dem die Politik lernen müsse. In der Tat gibt es inhaltlich einige Schnittmengen zwischen den Fünf Sternen und dem Mitte-Links-Bündnis, etwa was den Kampf gegen Korruption betrifft. Aber Grillo hat Bündnisse kategorisch ausgeschlossen.

Am wahrscheinlichsten ist für die meisten politischen Beobachter derzeit, dass eine Art Notregierung der „nationalen Einheit“ als Übergangslösung gebildet wird. Die Sozialdemokraten haben bereits erklärt, dass vor einer möglichen Neuwahl erst einmal das Wahlrecht geändert werden, um eine ähnliche Patt-Situation nicht noch einmal zu riskieren.

Die Konsultationen für die Bildung einer neuen Regierung laufen wohl schon hinter den Kulissen an. „Ich wünsche mir, dass diese unvermeidliche Arbeitsphase bald vorbei ist und wir den Bürgern eine Lösung anbieten können“, sagte Mario Monti am Dienstag.