Wahl in Mecklenburg-Vorpommern: SPD-Mann Erwin Sellering wird vermutlich Ministerpräsident bleiben

Erwin Sellering ist beliebt im Nordosten. Er hat Unmengen Rosen verteilt, alle schwierigen Themen im Wahlkampf geschmeidig umschifft und die Schuld an der Gegenwart bei Kanzlerin Merkel abgeladen. Dafür wird der 66-jährige Sozialdemokrat vermutlich am Sonntag belohnt und darf Ministerpräsident bleiben.

Nun ist er schon 63 Jahre alt, der Helmut Holter, immer noch schlank und rank und fit wie ein Turnschuh. Seit 18 Jahren ist der Mann mit der Brummstimme im Schweriner Landtag, er war lange Minister und ist ein Linker, der einst aus der PDS eine regierungstaugliche Partei formte. Aber das ist alles Vergangenheit. In Umfragen schmilzt seine einst stattliche Linke gerade dahin wie Butter in der Pfanne. Die Zeiten sind schwierig, die Aussichten auf ein Bündnis mit der SPD und den Grünen mau. Dennoch: Politik sei sein Leben und sein Lebenselexier, sagte Holter im Wahlkampf, der ihn nun am Ende so ratlos zurücklassen dürfte wie viele andere auch.

Einerseits, weil niemand an der Ostseeküste die AfD zu packen bekommt, die in Umfragen erstmals die CDU abgehängt hat. Andererseits wegen des SPD-Ministerpräsidenten Erwin Sellering, der Anfang der Woche auch noch die Angler in seinem Bundesland ausdrücklich für ihr segensreiches Tun lobte: Sellering ist noch schwerer zu packen als ein glitschiger Aal.

Sellering wickelt sie alle um den Finger

Der Schweriner Regierungschef, 66 Jahre alt, ist im Land ungeheuer beliebt. Gäbe es eine Personenwahl, niemand hätte eine Chance gegen ihn. Der ehemalige Verwaltungsrichter aus Sprockhövel in Nordrhein-Westfalen, der seit 2008 mit der CDU regiert, hat es geschafft, es allen irgendwie recht zu machen. Er ist im Wahlkampf durch alle 36 Wahlkreise gereist und hat kübelweise Rosen verteilt, von denen seine Assistenten vorher die Stacheln abzwicken mussten, damit der Augenblick nicht getrübt wird.

Sellering präsentierte sich immer schon als der freundlich lächelnde Alles- und Alleversteher: An der DDR war natürlich nicht alles schlimm, sie war auch grundsätzlich kein Unrechtsstaat. Natürlich ist er für die Rentenanpassung Ost, und sagt lieber nichts dazu, dass die jüngeren Ostdeutschen dafür einmal die Zeche bezahlen müssen. „Wenn mir das im Westen den Ruf Ossiversteher einbringt, bin ich darauf stolz", meinte er kürzlich.

Im Wahlkampf wurde er auch zum Seehofer-Versteher und lud den Ärger der Leute über die Gegenwart einfach bei Kanzlerin Angela Merkel ab, die mit ihrer Flüchtlingspolitik die AfD groß gemacht habe.

Demografischer Wandel schönt die Zahlen

Alles, was schwierig ist, wird geschickt umschifft. „Sellering umgarnt die Wähler“, nennt es der Linke Holter. Kein Wort zum Frust, der im Landesteil Vorpommern seit Jahren wuchert, weil die Menschen wegzogen, weil die Dörfer verödeten, weil der westliche Landesteil Mecklenburg wirtschaftlich besser abschneidet. Stattdessen nette Worte für die standhaften Vorpommeraner, die den widrigen Umständen trotzend die Heimat nicht aufgeben.

Sellering reiste lobend durch sein Land: Da ist die verhältnismäßig geringe Arbeitslosigkeit, knapp zehn Prozent, die gestiegene Erwerbsquote, der seit Jahren erstmals gestoppte Bevölkerungsrückgang. Doch die Opposition im Schweriner Landtag hält das für Potemkinsche Dörfer. In Wahrheit nicht viel dahinter: Die Arbeitslosigkeit sinke wegen des demografischen Wandels, sagen die Linken. In Mecklenburg-Vorpommern würden deutschlandweit immer noch die niedrigsten Löhne gezahlt, die Leute hätten die dünnsten Sparbücher.

Nach Lage der Dinge wird Erwin Sellering ab Sonntag weiter regieren können. Der Vater zweier Töchter, der vor zwei Jahren noch einmal Vater wurde, ist voller Tatendrang. Aufhören? „Nein, es gibt noch so viel zu tun“, sagte er.

Offen ist wohl nur, mit wem an seiner Seite. Der CDU und ihrem Spitzenkandidaten, dem wackeren Innenminister Lorenz Caffier, droht trotz etlicher Merkel-Auftritte ein Debakel. Ob es rot-schwarz weitergehen kann, ist deshalb fraglich. Die Linke baut in der Wählergunst ab, die Grünen müssen um den Wiedereinzug ins Schweriner Parlament bangen, die FDP spielt keine Rolle.

Unruhige Zeiten. „Das wird eine schwierige Wahl“, findet auch Sellering. „Alles andere ergibt sich danach.“