Washington - Conor Lamb zügelte bewusst seine Euphorie, als er kurz vor ein Uhr in der Nacht zum Mittwoch endlich vor seine Anhänger im kleinen Örtchen Canonsburg trat. „Es hat etwas länger gedauert, als wir erwartet haben“, sagte der 33-Jährige mit einem glücklichen Lächeln: „Aber wir haben es geschafft!“ Die Freunde des demokratischen Kongresskandidaten jubelten. Sie waren Zeugen einer der wohl schwerwiegendsten Niederlagen von US-Präsident Donald Trump geworden.

Der 18. Wahldistrikt von Pennsylvania, in dem am Dienstag ein Nachrücker für das Repräsentantenhaus gewählt wurde, liegt nämlich mitten im ehemals industriell geprägten Rostgürtel der USA. Mit ihrer überwiegend weißen Arbeiterwählerschaft, die in Kohlegruben und Stahlwerken beschäftigt ist oder war, könnte die Region als Kulisse für einen Trump-Werbefilm dienen. Und tatsächlich hatte der Präsident 2016 hier mit fast 20 Punkten Vorsprung seine Gegenkandidatin Hillary Clinton deklassiert.

Demokraten liegen knapp vorne

Und nun das: Trotz Steuerreform und Stahlzöllen und ungeachtet eines kämpferischen Wahlkampfauftritts von Trump persönlich erlebten die Republikaner bei der Kongress-Nachwahl ein Debakel. Zwar waren auch am Mittwoch noch nicht alle Briefwahlstimmen ausgezählt und der Demokrat Lamb lag nur mit einigen hundert Stimmen vorn.

Doch selbst wenn sich das Ergebnis in letzter Minute oder bei einer zu erwartenden Zweitauszählung noch knapp drehen sollte, ändert dies nichts an dem für die Republikaner erschreckenden Befund, der für die bevorstehenden allgemeinen Kongresswahlen im November nichts Gutes erwarten lässt: „Das sollte ein Alarmsignal sein“, urteilte Peter T. King, ein republikanischer Abgeordneter aus New York: „Die Leute, die Trump hassen, gehen zur Wahl. Aber was ist mit denen, die ihn mögen?“

Eine gute Frage. Noch am Samstag hatten die Trump-Fans ihrem Präsidenten nämlich bei einer Kundgebung zugejubelt. „Euer Stahl kommt jetzt zurück!“, versprach Trump und warb energisch für den republikanischen Kandidaten Rick Saccone: „Wir brauchen den Abgeordneten Saccone. Wählt mit Eurem Herz und Eurem Hirn. Er ist ein ganz besonderer Mann!“

Republikaner haben harte Konkurrenz

Amerikanische Medien fanden hingegen, dass der 60-jährige Saccone, ein glühender Anhänger des Präsidenten, vor allem ein miserabler Wahlkämpfer war. Und er sah sich einem Herausforderer gegenüber, den er nicht zu packen bekam: Der ehemalige Marineoffizier und Staatsanwalt Lamb präsentierte sich nicht als Linker, sondern als Vertreter der Mitte. Zu seiner Unterstützung reiste Obamas Ex-Stellvertreter Joe Biden an, der bei der Arbeiterschaft beliebt ist. Lamb erklärte früh, dass er die linke Demokraten-Fraktionschefin Nancy Pelosi nicht unterstütze und seine Jagdwaffe nicht abgeben werde. Selbst für die Strafzölle auf Stahl zeigte er Sympathie.

Trump gegen Lamb

„Lamb the sham“ (Lamb, der Scheinheilige), ätzte Trump bei seiner Kundgebung: „Er versucht Euch vorzugaukeln, dass er ein Republikaner ist. Und er sieht gut aus. Aber ich sehe besser aus.“ Vergeblich. Vor allem in den Vororten der ehemaligen Stahlstadt Pittsburgh holte der Demokrat deutlich mehr Stimmen.

„Er ist ein gottesfürchtiger, gewerkschaftsnaher Waffenbesitzer, der Jobs und Pensionen sichern will, der an das soziale Sicherungssystem glaubt und die Gesundheitsversorgung stärken will“, versuchte Cecil Roberts, der Chef der Minenarbeitergewerkschaft, den Erfolg des politischen Newcomers zu erklären.

Damit haben nun auch die Demokraten ein Dilemma: Schon in Alabama hatte sich gezeigt, dass eher konservative demokratische Kandidaten im Trump-Kernland sehr erfolgreich sein können. Die eigene Parteibasis aber drängt nach links und ist mit einem Mitte-Kurs kaum zu begeistern.