KIEL - Vor ein paar Tagen hielt Peter Harry Carstensen seine letzte Rede im Kieler Landtag. Und weil der scheidende Ministerpräsident von Schleswig-Holstein nicht nur an der Nordseeküste lebt, sondern auch sonst nah am Wasser gebaut ist, kamen dem 65-Jährigen zum Schluss die Tränen, und die letzten Sätze kamen nur schwer heraus.

Da erhoben sich die Abgeordneten aller Parteien und applaudierten dem schluchzenden Schrank zum Abschied.

Der nebulöse Herr Albig

Nur einer nicht. Ralf Stegner, SPD-Fraktionschef und Griesgram, war demonstrativ sitzengeblieben und klatschte nicht. Er hat Carstensen nie ausstehen können. Und der ihn nicht. Bis zuletzt. So geht es zu im hohen Norden, wo am Sonntag ein neuer Landtag gewählt wird und CDU und SPD noch immer ein wenig im Kalten Krieg erstarrt sind. Beide Parteien denken mit Schaudern an die Jahre 2005 bis 2009 zurück, als sie gemeinsam regieren mussten und das Ganze als elendes Beziehungsdrama scheiterte. Die Ironie: Eine Wiederauflage könnte jetzt drohen.

So unübersichtlich wie bei der anstehenden Landtagswahl zwischen Ost- und Nordsee war es jedoch schon lange nicht mehr. Klar scheint: Die CDU kann nicht weiter mit der FDP koalieren. Das liegt vor allem an der Schwäche der FDP, auch wenn sie mit Wolfgang Kubicki einen unterhaltsamen Kämpfer an der Spitze hat.

Obwohl es also viel zu gewinnen und zu verlieren gab, war der Wahlkampf eine frühjahrsmüde Veranstaltung. CDU-Kandidat Jost de Jager, der 47-jährige Superminister für Wirtschaft, Wissenschaft und Verkehr, ist kein Publikumsmagnet. Und Torsten Albig, der populäre Kieler SPD-Oberbürgermeister, ist im Wahlkampf immer unkenntlicher und nebulöser geworden, bis keiner mehr sagen konnte, was der 48-Jährige anders machen will.

Vielleicht sitzt den Spitzenkandidaten ja noch das dramatische Vorspiel dieser Wahl in den Knochen. Ministerpräsident Peter Harry Carstensen, im Frühjahr 65 Jahre alt geworden, hat immer gesagt, mit Erreichen des Rentenalters sei Schluss für ihn. Geglaubt hat das keiner. Doch dann kam alles ins Rutschen: 2010 kippte das Landesverfassungsgericht das Wahlgesetz und ordnete Neuwahlen binnen zwei Jahren an.

Carstensen inthronisierte daraufhin den CDU-Fraktionschef Christian von Boetticher als seinen Nachfolger. Der jedoch brach vor neun Monaten weinend vor Partei und Presse zusammen und gestand ein Verhältnis zu einem 16-jährigen Mädchen („es war schlichtweg Liebe“). Boettichers Karriere war beendet, Jost de Jager sprang ein.

Albigs Aufstieg zum Spitzenkandidaten war auf andere Weise dramatisch: Vor einem Jahr hatte die SPD den Kieler Oberbürgermeister und langjährigen Sprecher von Finanzminister Peer Steinbrück per Urwahl an die Spitze geholt und damit den schlauen, aber höchst unbeliebten SPD-Chef Ralf Stegner abgestraft. Stegner war es gewesen, der von 2005 bis 2009 Carstensen in der großen Koalition gepiesackt hatte, wo es nur ging.

All das war typisch für Schleswig-Holstein, das Land des Uwe Barschel und seiner Affären, das Land, in dem SPD-Regierungschefin Heide Simonis aus dem Landtag gemobbt wurde. CDU und SPD pflegen im hohen Norden noch einen Brass aufeinander, den es in anderen Bundesländern schon seit dreißig Jahren nicht mehr gibt.

Neu-Athen an der Förde

Das dicke Ende kommt wohl nach der Wahl, denn Schleswig-Holstein ist pleite. Das Land − 29 Milliarden Euro Schulden bei einem Neun-Milliarden-Haushalt − muss sparen und könnte eine Generalüberholung vertragen. Es unterscheidet sich kaum von schwächeren Ost-Ländern wie Sachsen-Anhalt oder Mecklenburg-Vorpommern.
Wie schlecht es dem Land geht, das traut sich im Moment nur Carstensen zu sagen. Der dreht seine Abschiedsrunde und erzählt jedem, man sei nur sieben oder acht Jahre hinter Griechenland. „Kiel kann man bald in Neu-Athen umtaufen.“ Aber Carstensen muss ja nicht mehr regieren. Er zieht nach Nordstrand zurück und genießt das Dasein als Rentner, Bauer und frischer Ehemann.