Halten wir erst einmal drei Dinge fest. Erstens: Die Menschen in Schleswig-Holstein haben ihren Landtag neu gewählt – und nicht bei einer bundesweiten Wahl ihre Stimme abgegeben. Zweitens: Wenn eine Landtagswahl eine entscheidende bundespolitische Bedeutung hat, dann ist es nicht die an der Küste, sondern die in Nordrhein-Westfalen in einer Woche. Drittens aber gilt dennoch ohne jeden Zweifel: Das Ergebnis von Schleswig-Holstein ist ein schwerer Schlag für den SPD-Kanzlerkandidaten Martin Schulz.

Als die Sozialdemokraten Ende März die Landtagswahl im Saarland verloren, da hat Schulz noch gesagt: Die CDU habe vom Amtsinhaber-Bonus der Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer profitiert. Und er kündigte an, genau das werde seiner eigenen Partei bei den Landtagswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen gelingen. Jetzt ist klar: Zumindest, was die Zugkraft von Ministerpräsident Torsten Albig angeht, war die Voraussage von Schulz falsch. Und: Die SPD hat bei zwei von zwei Landtagswahlen unter dem neuen Parteivorsitzenden unter den Erwartungen abgeschnitten.

Nicht alles von Martin Schulz war falsch

Sowohl für die Sozialdemokraten im Land als auch im Bund ist das Ergebnis schwer verdaulich. Ministerpräsident Albig ist mit seinen pastoralen Reden alles andere als ein herausragender Wahlkämpfer. Ein Interview mit der Illustrierten „Bunte“ über die Trennung von seiner Familie kam bei vielen nicht gut an. Andererseits hat Albig sein Bündnis mit den Grünen und dem Südschleswigschen Wählerverband mit nur einer Stimme Mehrheit sicher über die vergangenen fünf Jahre gebracht.

Und die CDU schickte mit Daniel Günther gegen den Ministerpräsidenten einen Mann als Spitzenkandidaten ins Rennen, der ihr vierter Landesvorsitzender seit der Wahlniederlage im Jahr 2012 war. „Daniel wer?“ höhnten viele in der SPD in den vergangenen Wochen. Dieser Spott dürfte ihnen jetzt im Halse stecken bleiben.

Die Wahlschlappen im Saarland und in Schleswig-Holstein heißen nicht, dass alles, was Martin Schulz bislang als Kanzlerkandidat getan hat, falsch war. Zunächst einmal wird die Partei genau analysieren müssen, was die landespolitischen Ursachen der Niederlage sind – und welche bundespolitischen Einflüsse es gab. Zugleich kann es ja auch gar keinen Zweifel daran geben, dass es mit Martin Schulz zu einer inneren Stabilisierung der SPD gekommen ist, mit der zu Beginn seiner Kandidatur in diesem Maß niemand gerechnet. 

Stabilisierung der Partei zahlt sich bislang nicht aus

Die Partei hat seit der Nominierung von Martin Schulz nach eigenen Angaben insgesamt 16.000 neue Mitglieder gewonnen. Mit der Idee vom Arbeitslosengeld Q, das während Qualifizierungsmaßnahmen gezahlt werden soll, hat Schulz Gegner und Verfechter der Agenda 2010 in der Partei zusammengebracht. Die Sozialdemokraten, die in der Endphase des Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel schon Angst hatten, hinter die AfD zurückzufallen, haben neues Selbstbewusstsein geschöpft.

Klar ist aber auch: Obwohl die bundesweiten Umfragewerte der SPD zwischenzeitlich stark angestiegen und noch immer deutlich besser als unter Sigmar Gabriel sind, hat sich die innere Stabilisierung der SPD bislang bei Wahlen nicht ausgezahlt. Es gab zwei Wahlen – und zweimal enttäuschende SPD-Ergebnisse.

SPD hat das „Momentum“ verloren

Sollte auch die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen schief gehen, die Wirkungen für die Schulz-Kampagne wären verheerend. Wenn bei den US-Vorwahlen ein Kandidat bei den ersten Stimmungstests in kleineren Staaten gewinnt, dann – so sagen es die Amerikaner – entwickelt seine Kampagne „Momentum“. Frei lässt sich dies mit Dynamik oder Schwungkraft übersetzen. Eine Niederlage der SPD in Nordrhein-Westfalen – und hätte sie auch noch so viele landespolitische Gründe – würde Schulz vorerst zu einem Kandidaten ohne jedes Momentum machen. Es wäre schwer für die Sozialdemokraten sich davon im Wahljahr wieder zu erholen.

Kurzfristig heißt es also für Schulz: an der Seite von Hannelore Kraft um jede einzelne Stimme in Nordrhein-Westfalen kämpfen. Wie immer es ausgeht, Schulz wird in den kommenden Wochen überlegen müssen, wie er die Wählerbasis der SPD verbreitert. Es kann nicht allein um die Stabilisierung der SPD in ihrer Stammklientel gehen – auch wenn die bitter nötig war.

Doch die Partei konnte in ihrer Vergangenheit stets dann Wahlen gewinnen, wenn sie – wie unter Willy Brandt, Helmut Schmidt und Gerhard Schröder – in der Lage war, auch Menschen darüber hinaus zu gewinnen. Dazu braucht Schulz mehr als allein sein Thema Gerechtigkeit. Der Kandidat muss jetzt liefern.