Wahlbeteiligung niedrig: Obama beschwört Amerikas Einheit

Typisch Obama könnte man sagen, kaum wird offiziell verkündet, dass Barack Obama als US-Präsident wiedergewählt worden ist, geht er auf seinen Kontrahenten zu und bietet ihm Zusammenarbeit an. Was Obama in seiner ersten Amtszeit nicht gelang, geht er offenbar sofort in der zweiten an – eine zerstrittene Nation wieder zu einen.

In seiner Siegesrede beschwört der wiedergewählte Präsident das Bild eines einigen Amerikas. Doch dieses Bild ist eher ein Wunsch. Diese Präsidentschaftswahlen 2012 haben die Nation gespalten. Viele Weiße hatten sich von Obama abgewendet. Nach dem erbitterten Wahlkampf appellierte Obama nun an die Anhänger beider Parteien, ihren Zwist beizulegen und gemeinsam auf eine bessere Zukunft hinzuarbeiten. Der unterlegene republikanische Kandidat Mitt Romney gratulierte dem Wahlsieger und rief ebenfalls zur Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg auf.

Zusammenarbeit mit Republikanern

Romney und dessen Vizepräsidentschaftskandidat Paul Ryan hätten einen engagierten Wahlkampf geführt, sagte Obama am frühen Mittwochmorgen in der Wahlkampfzentrale in Chicago. „Wir haben hart gekämpft, aber nur weil uns dieses Land so wichtig ist.“ Er kündigte an, mit den Republikanern darüber zu sprechen, in welchen Bereichen sie zusammenarbeiten könnten.

Romney brauchte einige Zeit, bis er vor seine in Boston versammelten Anhänger trat und seine Niederlage eingestand. „Ich habe soeben Präsident Obama angerufen, um ihm zu seinem Sieg zu gratulieren“, sagte er. „Das ist eine Zeit großer Herausforderungen für Amerika, und ich bete, dass der Präsident Erfolg haben wird, unsere Nation zu führen“, fügte er hinzu.

An die Adresse Obamas gerichtet sagte der tiefgläubige Mormone Romney, er werde dafür beten, dass der Präsident erfolgreich die Nation führen werde.

Erst der zweite wiedergewählte Demokrat

Obama war im Jahr 2008 zum ersten afroamerikanischen Staatschef der USA gewählt worden. Er ist nach Bill Clinton der zweite Präsident der Demokraten seit dem Zweiten Weltkrieg, der die Wiederwahl schaffte.

Unter dem Jubel seiner Unterstützer stellte Obama die Tugenden heraus, die die USA groß gemacht hätten. „Wir sind die wohlhabendste Nation der Welt, aber das ist nicht, was uns reich macht. Wir haben die mächtigsten Streitkräfte der Welt, aber das ist nicht, was uns stark macht. Wir tragen Verantwortung füreinander - das macht Amerika großartig“, sagte Obama.

Für seine zweite Amtszeit kündigte er an, das Staatsdefizit abzubauen, das Steuer- und Einwanderungsrecht zu reformieren sowie die USA unabhängiger von Ölimporten zu machen. „Ihr habt uns gewählt, damit wir uns um eure Jobs kümmern, nicht um unsere“, sagte der Präsident.

Wahlbeteiligung sinkt relativ stark

Überrascht zeigen sich politische Beobachter von der relativ niedrigen Wahlbeteiligung. Sie liegt offenbar unter der von 2008. Wegen der Begeisterung vieler Wähler für Barack Obama war die Wahlbeteiligung damals ungewöhnlich hoch. 2012 könnten allerdings sogar noch weniger Menschen zur Wahl gegangen sein als 2004, sagte der Direktor des Zentrums für Wahlstudien an der American University, Curtis Gans.

Ersten Erhebungen zufolge ging in Vermont die Wahlbeteiligung gegenüber 2008 um 14 Prozent zurück, in Mississippi und South Carolina etwa in der gleichen Größenordnung. In Maryland sank die Beteiligung um rund zehn Prozent. Genaue Zahlen werden allerdings erst in einigen Wochen vorliegen.

Glückwünsche aus der ganzen Welt

Minuten nach der offiziellen Bekanntgabe des Obama-Sieges gingen Glückwünsche aus aller Welt ein. Als einer der ersten Politiker gratulierte Israels Premier Benjamin Netanjahu, der nicht gerade als Obama-Freund bekannt ist.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat US-Präsident Barack Obama nach seiner Wiederwahl zu einem Besuch nach Deutschland eingeladen. „Es wäre mir eine Freude, Sie bald wieder als meinen Gast in Deutschland begrüßen zu können“, betonte sie am Mittwoch in einem Glückwunschschreiben an Obama, wie die Bundesregierung mitteilte. Darin gratulierte sie dem Präsidenten zu seinem Wahlerfolg und wünschte ihm für die zweite Amtszeit „weiterhin viel Kraft und Erfolg“.

Die Kanzlerin hob die enge und freundschaftliche Zusammenarbeit der vergangenen Jahren mit Obama hervor. Sie schätze „die zahlreichen Begegnungen und Gespräche“ mit dem Präsidenten „außerordentlich“.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) äußerte nach Obamas Wiederwahl die Hoffnung auf eine weiterhin gute Zusammenarbeit zwischen Deutschland und den USA. Bundespräsident Joachim Gauck, Vertreter von Europäischer Union und Nato sowie zahlreiche in- und ausländische Politiker beglückwünschten Obama zu seiner Wiederwahl.

Märkte reagieren positiv

Mit Erleichterung haben die Finanzmärkte am Mittwoch auf die rasche Entscheidung bei der US-Präsidentschaftswahl reagiert. Die Aktienbörsen in Tokio und Shanghai machten ihre Anfangsverluste wett und notierten fast unverändert bei 8972,89 beziehungsweise 2105,73 Punkten. Für den Dax sagten Banken und Brokerhäuser eine 0,6 Prozent festere Eröffnung voraus. Die Aussicht auf eine Fortsetzung der ultra-lockeren Geldpolitik drückte den Dollar -Kurs und trieb den Goldpreis in die Höhe. „Der Wahlsieg von Barack Obama ist keine Überraschung“, sagte ein Börsianer. „Aber wenigstens gibt es keine Hängepartie.“

(afp/dapd/rtr/vf)

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