Was haben ein Popstar, ein Fabrikarbeiter und ein Büroangestellter gemeinsam? Bei ihnen allen hat der digitale und technologische Wandel die Art und Weise, wie sie Geld verdienen können, verändert.
„Der Unterschied zwischen Musikern und Proletariern ist, wir verkaufen uns momentan profitabler“, stellte Hip-Hop-Gruppe „Freundeskreis“ in ihrem Song „Sternstunde/Die Revolution der Bärte“ kurz vor der Jahrtausendwende fest. Das gilt für langfristig erfolgreiche Popmusiker selbstverständlich noch immer.

Doch durch die Digitalisierung und die entsprechende leichtere Verfügbarkeit von Musik lassen sich Alben nicht mehr in denselben Massen wie früher zu hohen Preisen verkaufen. Die Einnahmen aus Konzerten sind wichtiger geworden. Gefragt ist, wer sein Instrument tatsächlich beherrscht und ein Publikum live begeistern kann.

Maschinen müssen beaufsichtigt und gewartet werden

Mit dem Live-Auftritt kann der Musiker auch heute ein Angebot machen, für das Menschen oft viel Geld ausgeben. Wer dagegen in der Verwaltung einer Plattenfirma arbeitete, verlor oft seinen Job. Auch in Firmen jeder x-beliebigen anderen Branche haben sich Arbeitsplätze drastisch verändert. Der Büroangestellte soll ein Virtuose in der Nutzung immer neuer Computerprogramme sein. In der Industrie gilt: Viele Handgriffe können von Maschinen besser durchgeführt werden als von Menschen. Bei einfachen Bewegungen ist die Maschine schneller, bei schwierigen häufig präziser. Und der Trend ist eindeutig: Roboter können immer komplexere Aufgaben übernehmen.

„Na und“, meinen viele Ökonomen. Irgendjemand müsse die Maschinen ja immer noch beaufsichtigen oder Wartungsaufgaben übernehmen. Und, überhaupt: Wenn an der einen Stelle Jobs wegfielen, entstünden eben an anderer Stelle neue, qualifiziertere Tätigkeiten. Die Arbeit verschwinde nicht, sie werde hochwertiger, argumentieren sie. Nur: Was nützt das jemandem, der seinen Job verloren hat, für die neue Tätigkeit aber nicht qualifiziert ist? Erhält er – gerade, wenn er schon älter ist – wirklich noch mal eine neue Chance?

Verlieren Menschen durch die Digitalisierung ihre Arbeit?

Die Geschwindigkeit der Digitalisierung fördert ohne jeden Zweifel Abstiegsängste in der Bevölkerung. Etwa vier von fünf Deutschen (81 Prozent) befürchten, dass durch die technologische Entwicklung immer mehr Menschen beruflich abgehängt werden. Mehr als die Hälfte der Bürger meint, dass Maschinen und Computerprogramme uns nicht nur Routine-Aufgaben, sondern auch viele kreative Anforderungen abnehmen werden. Das sind Ergebnisse einer repräsentativen Kantar-Emnid-Umfrage aus diesem Jahr, welche das Bundesbildungsministerium in Auftrag gegeben hat.

Diese Ängste vieler Menschen hat SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz in seinem Wahlkampf besonders offensiv aufgegriffen. Das hat er auch deshalb getan, weil es die SPD-geführte Bundesregierung unter Gerhard Schröder war, die mit ihrer Hartz-IV-Reform die Angst der Mittelschicht vor dem Abstieg verstärkte. Nämlich durch die seit 2005 geltende kürzere Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes.

SPD legt weitgehende Konzepte vor

Schulz sprach auf Veranstaltungen immer wieder darüber, wie er bei einer Betriebsbesichtigung in Neumünster einen 50 Jahre alten Bahnwerker kennen gelernt hatte, der seit seinem 14. Lebensjahr dort arbeitete. Und der Angst davor hatte, bei einem Jobverlust seine Existenz zu verlieren. Solchen Menschen wolle er helfen, sagte Schulz.

Mit den Ideen für ein Arbeitslosengeld Q und ein Chancenkonto haben die Sozialdemokraten also besonders weitgehende Konzepte für die Qualifizierung vorgelegt. Dabei verrät die SPD aber nicht, wie teuer das Chancenkonto für den Staat genau sein soll und wo das viele Geld herkommen könnte. Mindestens aber hat die SPD eine Debatte angestoßen.

Wie viel Verantwortung müssen Unternehmen übernehmen?

Die Vorschläge der einzelnen Parteien sind dabei nicht nur mal mehr, mal weniger konkret, sondern sie unterscheiden sich auch entlang folgender Fragen: Wie viel Verantwortung müssen die Unternehmen übernehmen, was muss der Staat leisten? Wird zusätzliches Geld benötigt – oder muss bei der Bundesagentur für Arbeit einfach nur Geld umgeschichtet werden? Was muss jeder einzelne womöglich selbst beitragen, wenn er sich weiterbilden möchte?

„Im nächsten Millennium leben drei von vier am Existenzminimum“, rappte die Gruppe Freundeskreis im Jahr 1999. Dazu ist es in Deutschland bislang wahrlich nicht gekommen. Lebenslanges Lernen ist ein Schlüssel dafür, um Menschen vor dem Verlust von Arbeit und Wohlstand zu schützen – darin sind sich alle Parteien im Grundsatz einig. Über die richtigen Mittel aber nicht.