Hamburg - Wenn die späte Wintersonne sich in der Alster spiegelt und das Hotel Atlantic an der Uferstraße in rötlich-weißem Glanz strahlen lässt, den eisigen, über das Wasser fegenden Wind aber überhaupt nicht wärmen kann, dann füllt sich die Lobby. Man lässt sich in den Ledersesseln vor dem Kamin nieder, in dem ein Feuer behaglich vor sich hin prasselt. An wenigen Orten ist Hamburg an einem späten Winternachmittag so sehr das Hamburg aus alten Romanen und Filmen wie hier, wo es sich seit über Hundert Jahren die feineren Herrschaften der Freien und Hansestadt und ihre Gäste gut gehen lassen. In der angrenzenden Hotelbar wird schon Bier geordert, aber eigentlich ist dies die Zeit des Teetrinkens. Am besten als High Tea, wie er in britisch-hanseatischer Tradition serviert wird, mit frischen Scones, einem britischen Gebäck, und dreierlei Marmeladen, mit Sandwichecken, Petit Fours und einem Glas Champagner.

Um die gleiche Zeit werden in einer Lagerhalle im Stadtteil Barmbek die Lichter gelöscht. Die Mitarbeiter der Tafel haben ihr ehrenamtliches Tagwerk erledigt. Von hier aus bringen Lieferwagen gespendete Lebensmittel zu manchmal 80 Ausgabestellen, 30 000 Menschen versorgen sich jeden Tag mit Hilfe der Tafel. Und ihre Zahl nimmt von Jahr zu Jahr zu. „Hamburg ist eine schöne Stadt. Aber wir kennen auch die hässlichen Ecken“, sagt Achim Müller, der Vorsitzende der Hamburger Tafel. Über einhundert ehrenamtliche und vier feste Mitarbeiter haben sie hier in der Zentrale, die Arbeit ist organisiert wie die eines mittelständischen Logistikunternehmens, das in jeder Woche 20 Tonnen Lebensmittel umschlägt.

Es sind zwei Gesichter einer Stadt, die gerade im Vergleich mit Berlin, der anderen wirklichen Großstadt in Deutschland, gern als die reiche, schöne, glückliche Metropole des Nordens beschrieben wird. Aber ist das auch so? Wer sich auf Spurensuche begibt, entdeckt eine reiche und arme Hansestadt. Einen Ort mit allen Problemen einer Millionenstadt, die aber doch ein ganz eigenes Selbstbewusstsein, einen Stolz ausstrahlt, die aus einer im Kern ungebrochenen, Jahrhunderte alten hanseatischen Tradition rühren.

Die Stifter und Spender

Am kommenden Sonntag wählen die Hamburger, aber eines ist schon klar: Der Sozialdemokrat Olaf Scholz wird Erster Bürgermeister bleiben. Er hat so hohe Sympathiewerte, dass er seine Partei in den Umfragen auf über 45 Prozent der Stimmen zieht. Das letzte Mal schaffte er sogar die absolute Mehrheit und konnte allein regieren, auch das ist wieder möglich. Scholz hat nach der Episode des schillernden CDU-Mannes Olaf von Beust die hamburgische Normalität wieder hergestellt. Es ist eine Stadt mit einem gesellschaftlich starken Bürgertum, das sich aber nicht als starkes politisches Lager wiederfindet. Dafür haben schon in der Vergangenheit immer wieder sehr bürgerliche Sozialdemokraten wie Olaf Scholz gesorgt. Und so läuft der Wahlkampf so unaufgeregt wie die Hamburger sich ohnehin gern geben.

Achim Schulz und sein Vorstandskollege Wilm van Bebber von der Tafel kennen die beiden Seiten dieser Stadt ganz genau. Die gebürtigen Hamburger in ihren Sechzigern haben ihr Berufsleben als Makler und als Lehrer hinter sich und engagieren sich nun hier. Sie sehen die Bedürftigen und ihre Bedürfnisse, sie sehen aber auch, wie freigiebig und großzügig die Wohlhabenderen mit den anderen teilen. „Hamburg ist die Stadt der Stifter und Spender“, sagt van Bebber bei einem Filterkaffee im kleinen Büro über der Lagerhalle. Und er meint nicht nur die großen Mäzene wie die Erben des Versandhausgründers Otto, die Reemtsmas, Körbers oder Kühnes, die sich an vielen Stellen der Stadt mit großen Summen engagieren. Ihm fällt auch der Konditormeister ein, der zu Silvester spontan 500 Pfannkuchen für die Tafel spendet – kein Ausschuss, keine Reste, sondern extra frisch gebacken für Obdachlose und Flüchtlinge. „Es gibt viele honorige Kaufleute, die gut verdienen, aber nie vergessen, dass es anderen schlechter geht“, sagt Müller. Zum Beispiel jenen zehn Prozent, die in Hamburg von Hartz IV leben. In Berlin sind es 16,7 Prozent. Und es melden sich täglich Menschen, die helfen wollen, mehr als die Tafel gebrauchen kann. Sie führen eine Warteliste für Freiwillige.

In Hamburg gibt es mehr Wohlhabende als anderswo, viel mehr. Allein 42 000 Millionäre leben an Alster und Elbe, darunter elf öffentlich bekannte Milliardäre. Knapp tausend Hamburger geben ihr Jahreseinkommen mit mehr als einer Million Euro an, jeder achte der 1,8 Millionen Einwohner gilt als reich. Dazu hat Hamburg, anders als Berlin, eine prosperierende industrielle Wirtschaftsbasis. Der Hafen ist wie eh und je das ökonomische Rückgrat der Hansestadt, trotz seiner heute eher ungünstigen Lage 115 Kilometer elbaufwärts von der Nordsee. Die Vertiefung des Stroms für immer größere Containerschiffe mit immer mehr Tiefgang ist einer der großen, wiederkehrenden Konflikte zwischen Ökonomie und Ökologie in der Stadt.

Weltoffen, solidarisch und friedlich

Aber der Hafen ist nicht nur ein Wirtschaftsfaktor. Er hat über die Jahrhunderte auch die Mentalität der Hamburger geprägt. Die Stadt nennt sich traditionell Tor zur Welt, und dieses Tor wird von beiden Seiten passiert. Eine Hafenstadt muss weltoffen sein, und hier waren schon immer Menschen aus aller Herren Länder willkommen, sie waren Teil des Geschäftsmodells.

Deshalb reagiert man in Hamburg auf Fremdenfeindlichkeit besonders allergisch. Als sich in der Partnerstadt Dresden im Dezember die Pegida-Demonstrationen ausbreiteten, schickte die älteste zivilgesellschaftliche Organisation in Deutschland, die Hamburger Patriotische Gesellschaft von 1765, eine geharnischte Protesterklärung elbaufwärts. „Wir treten mit aller Entschiedenheit und größtem Nachdruck dem sprachlichen Betrug und dem ungenierten Missbrauch politischer und kultureller Traditionen entgegen, mit denen die Organisatoren fremdenfeindlicher Demonstrationen in Dresden und anderen Orten Enttäuschte, Orientierungslose und Verunsicherte irreführen und zur Unterstützung nationalistischer, rassistischer und extremistischer Positionen instrumentalisieren. Diese Organisatoren sind keine Patriotischen Europäer, sondern Populistische Extremisten“, hieß es darin. Denn: „Patrioten engagieren sich aktiv für eine freiheitliche, weltoffene, solidarische, friedliche und demokratische Gesellschaft.“

Die Patriotische Gesellschaft selber ist das beste Beispiel für solches Engagement, und das seit über 250 Jahren. Sie ist wie andere Organisationen Ausdruck eines ausgeprägten bürgerlichen Bewusstseins, das bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht, als die Hamburger den Adel aus der Stadt verbannt haben und eine Art frühe Bürgerrepublik an der Elbe entstand. In dieser Traditionslinie stehen auch Vereinigungen wie die „Versammlung eines ehrbaren Kaufmanns“, die schon 1517 gegründet wurde, um die Handelsschiffe vor den in der Elbmündung lauernden Piraten zu schützen. Heute ist der Verein die größte wirtschaftsethische Vereinigung Deutschlands mit über Tausend Mitgliedern, alles Unternehmer oder leitende Angestellte der Hamburger Wirtschaft. Sie treten dafür ein, die Grundsätze des ehrbaren Kaufmanns, also Fairness, Verlässlichkeit, Treu und Glauben in ihren Unternehmen zu praktizieren und sie in Wirtschaft und Gesellschaft zu verbreiten.

Vom Armeleuteviertel zum Ziel von Investoren

Arm, aber sexy, das war der viel bemühte Slogan Klaus Wowereits für Berlin. Hamburg hat so ein Motto nicht, braucht es auch nicht, sagt Peter-John Mahrenholz, einer der führenden deutschen Werbestrategen. Er ist Partner der Agentur Jung von Matt. Er hat in London und in Berlin gearbeitet, er hat einen geübten professionellen Blick auf die Stadt. „Hamburg ist eine Stadt, auf die die Menschen aufpassen“, sagt er. Er sitzt im schwarzen Samtjackett auf einem grünen Ledersofa in einem gläsernen Besprechungszimmer mit einem wunderbar erhaltenen massiven Holzparkett im Firmensitz im Karolinenviertel. Es ist ein Beispiel dafür, wie aus einem heruntergekommenen Armeleuteviertel am Schlachthof erst ein Quartier für Gastarbeiter, dann für Studenten, dann für Künstler und die Alternativszene wird und schließlich zum Ziel von Investoren, die die Gentrifizierung intensiv vorantreiben.

In Eigentumswohnungen umgewandelte sanierte Gründerzeithäuser, neue Appartmentblocks, schicke Restaurants und teure Boutiquen prägen nun das Stadtbild. Der Kampf um bezahlbaren Wohnraum, um den Platz für weniger gut oder auch schon ziemlich gut verdienende Menschen womöglich mit Kindern in der Mitte der Stadt, wird in Hamburg nicht weniger verbissen ausgetragen als anderswo. Allerdings hat der Senat das Problem erkannt und tut etwas dagegen. Die hohe Zustimmung für den SPD-Bürgermeister Olaf Scholz rührt auch daher, aus dem Eindruck: Da kümmert sich einer. Es wird jetzt viel gebaut in Hamburg. Auf der anderen Seite der Elbe, im alten Arbeiterviertel Wilhelmsburg, entsteht ein neues Viertel mit günstigen Stadthäusern für junge Familien. Aber was ist das für ein Wohnort im Vergleich zum lauschigen Karolinenviertel?

Die beiden schick renovierten Backsteingebäude, in der die hier gegründete, heute weltweit tätige Agentur Jung von Matt ihren Sitz hat, fügen sich perfekt in dieses Ambiente. „Wir sind hier auch nicht so wohlgelitten“, sagt Mahrenholz. „Dabei haben wir hier niemandem Wohnungen weggenommen, aber dafür viele Arbeitsplätze in das Viertel gebracht.“ Er spricht über den Stolz der Hamburger auf ihre Stadt, der sich nicht im Bekenntnis zu einem Fußballverein erschöpft, was angesichts der Rivalität von HSV und FC St. Pauli und ihrer Dauerkrisen auch nicht so einfach wäre. Er spricht über den hanseatischen Geist, der bis heute den Handschlag als verbindlichen Vertragsabschluss pflegt, über die langen kulturellen Lebenslinien, die Orientierung an angelsächsischen Traditionen.

Aber ist Hamburg eine Weltstadt? Im Sinne der international vernetzten Hafenmetropole sicher, sagt Mahrenholz. „Aber das ist auch ziemlich Old School. Weltstadt ist heute etwas anderes. Die Leute in New York flippen aus, wenn sie Berlin hören, nicht Hamburg.“ Die Häufung kreativer Menschen in Berlin, in der bildenden Kunst, in der Mode, bei digitalen Start-up-Unternehmen – „all das gibt einen Spirit, den Hamburg so nicht kennt. Berlin ist wilder und kreativer, es muss sich immer wieder beweisen.“ Viele in Hamburg lebten dagegen so zufrieden in einer unaufgeregten, arrivierten Zufriedenheit, dass sie aufpassen müssten, nicht einzuschlafen. Mahrenholz grinst: „Aber dass man hier nicht uncool ist, wenn man schon vor ein Uhr nachts auf einer Party erscheint, ist auch ganz schön.“ Und was ist mit der Olympiabewerbung, stachelt die Konkurrenz zu Berlin an? Eher nicht, findet Mahrenholz. „Der richtigen Begeisterung steht dieses hamburgische Kaufmannsethos entgegen. Ein großes Sportevent hätte man schon gern, aber das IOC mit seiner Dominanz, den Knebelverträgen, dem Korruptionsgeruch, das ist so unappetitlich, das ist nichts für Hamburger.“ Gute Nachrichten für Berlin also, das da wohl nicht so eigen ist.

Der Aufreger

Der scharfe Wind treibt den Schneeregen fast waagerecht durch die schmale Straße. Er bricht sich an einem Bauzaun, der ein großes Eckgrundstück mit einem schmucklosen, dreistöckigen Profanbau einhegt. Am Tor macht sich ein Mann zu schaffen. Ist er hier zuständig? Ja, seine Firma überwacht das Gelände, und nun steht im Erdgeschoss ein Fenster offen, er muss es schließen, damit es nicht mehr hineinregnet. Mehr will der in einen Parka gehüllte Mann nicht sagen, schon gar nicht zu dem Konflikt, der gerade um diesen Komplex ausgetragen wird. Ein großes Schild verkündet, worum es hier geht: „Umbau des ehemaligen Kreiswehrersatzamtes zu einer Wohnunterkunft für Flüchtlinge“ steht darauf. Wenige Schritte weiter, auf der anderen Seite der kleinen Wohnstraße kündet ein ganz ähnliches Schild von einem ganz anderen Projekt. Hier wird die einstige Hamburger Wehrmachtskommandantur, ein trutziger Sandsteinbau, in 105 Luxuswohnungen umgewandelt, flankiert von einem Dutzend neuer, schneeweißer Stadtvillen. Sie ergänzen die Reihen pastellfarbener Jugendstilhäuser, die diese bis zur Alster herunterführende Straße im feinen und sehr zentral gelegenen Harvestehude prägen. Die eine Baustelle steht still, die andere pulsiert.

Wenn es im Hamburger Wahlkampf überhaupt einen Aufreger gibt, dann diesen. Der Senat will mit vielen Millionen Euro ein Zeichen setzen: Die ganze Stadt muss sich die Aufgabe teilen, die steigende Zahl von Flüchtlingen aufzunehmen, da kann es keine Schutzzonen in Villenvierteln geben. Das Projekt ist auch eine politische Demonstration, und so wird sie von den meisten Hamburgern verstanden und begrüßt. Drei Anwohner der Sophienterrasse aber haben gegen das Flüchtlingsheim geklagt und unter Berufung auf eine dubiose Milieuschutzverordnung aus den 50er-Jahren in erster Instanz auch recht bekommen. Deshalb ruht die Baustelle nun. Die Empörung ist groß. Hinter dem Drahtzaun hängt ein Bettlaken an der Hauswand. „Da, wo die Herzen weit sind, ist das Haus nicht zu eng“, steht darauf, von roten Herzen umrahmt. Es ist ein Goethe-Zitat. Wer damit nichts anfangen kann, findet an einer anderen Hauswand diese Mahnung: „Empathie gibt es nicht im Appstore.“ Vielleicht ist das eine gute Zusammenfassung des hanseatischen Geistes im digitalen Zeitalter.