Tel Aviv - Wenige Stunden, bevor in Israel die Wahllokale öffnen, gibt Benjamin Netanjahu noch einmal alles. Er lässt keine Gelegenheit aus, darauf hinzuweisen, wie knapp es am Dienstag für ihn werden wird und wie gut die Chancen seines Rivalen Benny Gantz sind, und dessen Pläne seien ja wohl klar: Eine Koalition mit einer arabischen Partei.

Er jammert, klagt, verbreitet Angst und macht sich klein, damit die letzten unentschiedenen Wähler ihm womöglich doch noch ihre Stimme geben. „Rechter Wähler in Gefahr“ nennt die linksliberale Zeitung Haaretz dieses Spiel. Es ist nicht neu. 2015 gewann Netanjahu damit die Wahlen. Und wahrscheinlich wird es auch diesmal funktionieren.

Der Likud, Netanjahus Partei, liegt zwar mit 28 Sitzen mit Gantz’ Blau-Weiß-Bündnis gleichauf, aber insgesamt ist das rechte Lager um Netanjahu mit 66 Sitzen deutlich stärker als das linke Bündnis von Gantz mit 54 Sitzen.

Sexvideos, gehackte Handys und Fake-News-Vorwürfe

Damit endet ein kurzer, hektischer Wahlkampf, in dem sieben neue Parteien und ungefähr genauso viele Ex-Generäle angetreten sind, um eine neue Regierung zu bilden. Sexvideos, gehackte Handys und Fake-News-Vorwürfe sorgten für Aufregung. Höhepunkt aber war die Ankündigung des Generalstaatsanwalts, gegen Netanjahu Anklage wegen Korruption erheben zu wollen. 60 Prozent der Israelis bescheinigten dem Premierminister daraufhin, es sei an der Zeit abzutreten.

Seine Macht wackelte, die Werte sanken, aber nicht lange. Netanjahu, der nie aufgibt und sich als Opfer einer großen Verschwörung sieht, machte einfach weiter und bekam dazu auch noch Unterstützung aus Amerika und Russland. Donald Trump erkannte die Annexion der Golanhöhen durch Israel im Jahr 1981 an, Wladimir Putin überraschte mit dem Fund der sterblichen Überreste eines seit 37 Jahren vermissten israelischen Soldaten in Syrien.

Fünf Tage vor den Wahlen stand Netanjahu im dunklen Anzug und mit roten Rosen vor einem Sarg im Moskauer Kreml und bedankte sich bei seinem russischen Verbündeten „für Ihre persönliche Freundschaft“.

Berührende Bilder mit starker Symbolik. Jeder Israeli, der einen Familienangehörigen im Krieg oder bei Terroranschlägen verloren hat, weiß, wie tröstlich es ist, endlich Gewissheit über den Tod eines Menschen zu haben. Zur gleichen Zeit stand Netanjahus Herausforderer Benny Gantz, der Ex-General, im Tel Aviver Cameri-Theater und zählte all die Gründe auf, warum Netanjahus politisches Ende nahe ist und was seine, Gantz’, erste Amtshandlung sein wird: Die Amtszeit von Regierungschefs begrenzen.

Im jungen liberalen Tel Aviv bekommt man dafür viel Applaus. Für den Rest des Landes zählt eher, was der Premierminister in den letzten zehn Jahren im Land erreicht hat: Israel geht es so gut wie nie. Nach dem Welt-Glücks-Report steht Israel an elfter Stelle, vier Plätze vor Deutschland.

Keine Wahlumfrage-Ergebnisse kurz vor den Wahlen

Die allerletzten Wahlumfragen wurden Freitagabend veröffentlicht. Ein israelisches Gesetz verbietet es, in den Tagen direkt vor den Wahlen noch Ergebnisse zu veröffentlichen, um die Wähler nicht zu beeinflussen. Wie leicht das geht, sieht man an genau diesen Umfragen. Sie wurden zur gleichen Zeit am gleichen Ort bei den gleichen Wählern gemacht, dennoch sind die Ergebnisse unterschiedlich.

Die linke Zeitung Haaretz sieht Netanjahu klarer vorn als die rechten Blätter Hayom und Yediot Acharonot. Zufall? Vielleicht. Es könnte aber auch sein, dass der Premierminister noch Unterstützung braucht. Oder das zumindest glaubt.