Berlin - Die Zeit des Kennenlernens ist vorbei. 16 Tage nach der Wahl in Schleswig-Holstein entscheidet sich am Dienstagabend, ob es ein Bündnis aus CDU, Grünen und FDP geben wird.

In Neumünster treffen sich die Grünen und stimmen ab, ob sie es mit Wahlsieger Daniel Günther (CDU) und dem liberalen Kraftmeier Wolfgang Kubicki wagen und Koalitionsverhandlungen aufnehmen sollen. Die Sache steht auf des Messers Schneide: 50 zu 50, schätzt Umweltminister Robert Habeck die Lage ein. In einer Videobotschaft mahnte er seine Partei, nicht aus ideologischen Gründen bockig zu sein. Jamaika sei bestimmt ein „extrem schwieriges Bündnis“. Aber gar nichts machen gehe auch nicht. Die Skepsis sitzt tief bei etlichen Grünen. Der Landtagsabgeordnete Rasmus Andresen sagt: „Die Menschen haben uns im Kontrast zur einer rückständigen und antimodernen Politik der CDU gewählt."

Günter und Kubicki wollen die Koalition mit den Grünen – ein Bündnis mit der SPD schließen beide aus

Tatsächlich drohen Neuwahlen, sollten die Grünen in Neumünster anders entscheiden. Die Sondierungsgespräche sind beendet. CDU-Chef Günther will Jamaika. Er schließt ein Bündnis mit der SPD aus. Auch Kubicki schließt ein Bündnis mit der SPD aus. Beide wollen die Koalition mit den Grünen.

Kubicki sieht eine gute Chance, „deutlich über 50 Prozent". Eigentlich sei die Sache alternativlos. Der 65-jährige Anwalt und Bundes-Vize steht noch im Dauerwahlkampf: Am Wochenende wählte ihn die schleswig-holsteinische FDP mit 98,5 Prozent zum Spitzenkandidaten für die Bundestagswahl. Kubicki will vorher in Kiel eine Regierung auf die Beine stellen. Es müsse der Wille da sein, ein gemeinsames Projekt umzusetzen. „Ich bin da guten Mutes."

FDP würde es auf Neuwahlen ankommen lassen

Sollte ein Jamaika-Bündnis scheitern, werde die FDP keinen Versuch starten, eine Ampelkoalition mit SPD und Grünen zu bilden. Dann liefe es eben auf eine Neuwahl hinaus – etwas, wovor der Grüne Habeck dringend warnt. Einfach alles ausschließen und dann die Wähler wieder an die Urnen bitten, das gehe nicht. Bei den Koalitionsverhandlungen dürfe sich eben niemand aus Profilierungssucht aufplustern, mahnt er. „Wenn es Gockeleien gibt, fährt das Ding an die Wand."

Sollte der Parteitag der Grünen den Koalitionsverhandlungen zustimmen, wäre das immer noch nicht das letzte grüne Wort dazu. Am Ende gäbe es eine Mitgliederbefragung zum Koalitionsvertrag. Was dabei herauskommt, kann sich Habeck noch nicht einmal vorstellen: „Große Zustimmung, krasse Ablehnung, knappes Ergebnis – man weiß es nicht."

Ex-Spitzenkandidat Trittin will eine Koalition mit der geschwächten SPD

Die Frage, ob Jamaika oder Nicht-Jamaika, ist nicht das einzige, was die Grünen derzeit umtreibt. Am Sonntag vor einer Woche hatte der Spitzenkandidat von 2013, Jürgen Trittin, bei „Anne Will“ in der ARD an Kubicki gewandt gesagt, statt mit der CDU zusammen zu gehen, wäre es klüger, die SPD zu nehmen, denn: „Wenn man zwei Große zur Auswahl hat, dann nimmt man den Kleineren, dann hat man mehr vom Kuchen." Er fügte hinzu, man solle mit der „geschwächten, kleineren Partei“ koalieren, um ihr „mehr Macht abzunehmen". Spitzenkandidatin Katrin Göring-Eckardt erklärte daraufhin, Trittin spiele „nicht die Rolle, dass man sagen muss, damit beschäftigen wir uns länger“.

Ende voriger tadelte Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann den seiner Ansicht nach zu linken nordrhein-westfälischen Landesverband und betonte, die Partei dürfe nicht Themen ins Zentrum stellen, bei denen sie als Regierung in den Ländern keinen Einfluss habe. Als Beispiel nannte er die umstrittenen Abschiebungen nach Afghanistan. Spitzenkandidat Cem Özdemir verbat sich anschließend „einseitige öffentliche Ratschläge von der Seitenlinie“.