Paris - Es gibt zweifellos Aufregenderes als das Striegeln einer Kuh. Bei der Pariser Landwirtschaftsmesse balgten sich die Fotografen aber am Dienstagmorgen um die Plätze, um François Hollande bei ebendieser Tätigkeit abzulichten. Wegen des Rindviehs geschah dies mitnichten. Das Interesse am Präsidentschaftskandidaten der Sozialisten war einer spektakulären Ankündigung vom Vorabend geschuldet: In einer Fernsehsendung hatte Hollande versichert, für Supereinkommen eine neue Steuerklasse schaffen zu wollen, wenn er im Mai ins Elysée gewählt würde: Wer jährlich mehr als eine Million Euro verdiene, solle davon 75 Prozent an den Staat abliefern.

„Es ist ein Akt des Patriotismus, zusätzliche Steuern zu zahlen, um das Land wieder aufzurichten“, bekräftigte Hollande auf der Agrar-Messe sein Vorhaben. Seine Berater verwiesen auf eine neue Studie des Beraterbüros Proxinvest, wonach die Vorstandschefs der 40 wichtigsten französischen Konzerne im Jahr 2010 durchschnittlich 34 Prozent mehr als im Vorjahr verdient hätten.

Frontale Angriffe

Pariser Kommentatoren sehen in Hollandes Vorstoß vor allem einen Versuch, aus der politischen Defensive zu gelangen. Präsident Nicolas Sarkozy hatte seinen sozialistischen Rivalen in letzter Zeit frontal angegriffen und ihm vorgeworfen, er bringe keine eigenen Ideen ein, sondern kritisiere nur die Regierungspolitik. Von links war Hollande zudem unter Beschuss geraten, als er die Londoner Presse mit dem Hinweis beruhigte, in Frankreich gebe es heute kaum mehr Kommunisten. In der neuesten Meinungsumfrage von vergangener Woche ist Sarkozy (27 Prozent) nahe an den bisher einsam führenden Hollande (28,5 Prozent) herangerückt.

Am Montag startete der 57-jährige Sozialist einen doppelten Gegenangriff. Zuerst erklärte er bei einem Fabrikbesuch, er würde als Staatschef nicht zulassen, dass Unternehmen rentable Betriebe aus Profitgründen schlössen. Am Abend folgte der Vorschlag des 75-Prozent-Steuersatzes für Großverdiener, flankiert von der Ankündigung, auch die Kapitalertragssteuer zu erhöhen.

Hollandes Budgetexperte Jerôme Cahuzac wusste davon nicht einmal, als er dazu kurz darauf in einer anderen Fernsehsendung befragt wurde. Umso bissiger fielen die Reaktionen anderer Kandidaten aus. Die Rechtsextremistin Marine Le Pen fragte: „Warum nicht gleich 100 Prozent?“ Mitte-Politiker François Bayrou gab zu bedenken, dass Inhaber großer Vermögen vermutlich ins Ausland entschwänden: „Frankreich würde dadurch nicht gewinnen, sondern verlieren.“ Und Sarkozys konservative Regierungspartei UMP verurteilte die „Plünderung“ von Steuerzahlern. Ex-Premierminister Pierre Raffarin meinte: „Das ist das klassische Vorgehen der sozialistischen Partei: Immer mehr Steuern.“

„Geschenke für die Reichsten“

Hollandes Sprecher Manuel Valls konterte, Sarkozy treffe mit seinem jüngsten Plan, die Mehrwertsteuer um 1,6 Punkte anzuheben, nicht nur die reichen, sondern alle Bürger. In der Tat ist das Steuerthema Sarkozys Achillesferse. Zu Beginn seiner ersten Amtszeit 2007 hatte er wohlhabende Franzosen mit Steuersenkungen erfreut und den Spitzeneinkommenssteuersatz auf 50 Prozent ermäßigt. Dies ließ er zwar später wieder zurücknehmen, der politische Schaden aber war angerichtet. „Sarkozys Mandat war das Mandat der Geschenke für die Reichsten“, ätzte der sozialistische Pariser Bürgermeister, Bertrand Delanoë, gestern.

So zielt Hollandes Vorschlag – unabhängig von dessen Umsetzungschancen – auf wahltaktischen Gewinn. Botschaft: Anders als Sarkozy schone ich die Reichen nicht.