Köln/Unna. - Bisher waren im seicht dahinplätschernden Bundestagswahlkampf keinerlei Fehltritte der beiden Spitzenkandidaten von Union und SPD, Angela Merkel und Martin Schulz, zu beobachten. Von der Kanzlerin werden verbale Entgleisungen oder andere Schnitzer im Auftritt sowieso nicht erwartet. Und auch die bisherige Performance des SPD-Chefs im Wahlkampf war zwar nicht von großen Erfolgen, aber eben auch nicht von Skandalen gekennzeichnet.

Und nun das: Am Rande eines Wahlkampfauftritts im westfälischen Unna spricht Martin Schulz mit einer Reporterin des Lokalradios Antenne Unna und sagt auf die Frage, wie er sich denn motivieren könne, angesichts der sehr bescheidenen Umfragewerte seiner Partei gut drei Wochen vor der Bundestagswahl: „Ich denke mir, im Verlauf des Tages wirste dann von netten Frauen interviewt. Und das ist doch auch Motivation."

Diskussion über Schulz' Äußerung

Hoppla? Der SPD-Kanzlerkandidat äußert sich despektierlich über seine weibliche Interviewpartnerin? Oder war's gar anzüglich, die Bemerkung garniert mit eindeutlicher Gestik und Mimik in Richtung der Reporterin? 

Im Netz diskutierten User über Schulz' Antwort. „Rantnerin“ regte sich auf: „Und dann auch noch das süffisante Lachen und die Interviewerin kichert auch noch. Schellen, ey.“

Auf der Aufnahme, die Antenne Unna dem „Kölner Stadt-Anzeiger" von der Interview-Äußerung zur Verfügung gestellt hat, ist allerdings weder ein süffisantes Lachen noch ein Kichern zu hören.

Schulz fährt nach seiner womöglich frauenfeindlichen Äußerung einfach fort und sagt: „Nein, nein. Ich muss mich nicht konditionieren. Ich bin fest davon überzeugt, dass wir eine gute Chance haben bei dieser Bundestagswahl.“ Thorsten Wagner, Chefredakteur bei Antenne Unna, hatte denn auch eine klare Einschätzung von Schulz' Äußerung. „Ich würde nicht behaupten, dass er sich da als rasende Wildsau zu erkennen gegeben hat. Das war nicht die Wiederholung der Brüderle-Nummer.“

Der FDP-Spitzenkandidat für die Bundestagswahl 2013, Rainer Brüderle, sah sich vor viereinhalb Jahren Sexismus-Vorwürfen ausgesetzt, weil er einer Journalistin des „Stern“ zu nahe getreten sein soll. Und 2016 führten Sexismus-Vorwürfe der Berliner Bezirkspolitikerin Jenna Behrends erneut zu einer Debatte über Frauenfeindlichkeit in der Politik. 

Reporterin sieht keine Respektlosigkeit

Von einem solchen Skandal kann aber offenbar mit Blick auf Schulz keine Rede sein. Antenne-Unna-Chefredakteur Wagner berichtete im Gespräch, dass auch die Reporterin Sarah Borkowski Schulz' Antwort auf ihre Frage nicht als despektierlich empfunden habe. 

Interessant ist vielmehr, wie in diesem bisher auch inhaltlich eher ereignisarmen Wahlkampf aus einer offenbar harmlosen Äußerung ein Skandal wird. Jedenfalls in der Wahrnehmung einiger Twitter-User. Das geht zum Beispiel so: Aus den „netten Frauen“, die Schulz gesagt hat, werden etwa bei Rantnerin die „schönen Frauen", und damit eine anzügliche Bemerkung über das Aussehen der fragenden Reporterin. Die gab es aber gar nicht. Keine Anzüglichkeit, kein Skandal.

Bleibt zu hoffen, dass der Wahlkampf noch spannender wird. Inhaltlich.