Köln - Der Wahlkampf dümpelt seit Wochen ohne große inhaltliche Debatten vor sich hin. Die SPD und ihr Spitzenkandidat Martin Schulz schaffen es nicht, die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) überzeugend anzugreifen. Die CDU lullt die Wähler mit großformatigen Fotos der Kanzlerin und inhaltsleeren Slogans wie „Für ein Land, in dem wir gut und gerne leben“ ein. Von Aufregung oder gar Spannung vor dem Wahltag am 24. September keine Spur.

Verballhorntes CDU-Plakat

Und nun das: Der Kreisverband Dresden der Satirepartei Die Partei plakatiert ein Foto, das vor zwei Jahren um die Welt ging. Es zeigt die Leiche des kleinen Aylan Kurdi an einem Strand der westtürkischen Küste, dazu den CDU-Werbespruch in Abwandlung: „Für einen Strand, an dem wir gut und gerne liegen“. Das Ganze sieht auf den ersten Blick aus wie ein Plakat der Union, wenn da nicht am unteren Rand eine Abrisskante wäre, unter der das Logo der Partei auftaucht.

Die Satiriker erreichen damit zweierlei: Sie spießen auf ihre Weise mit einem Humor, der das Lachen auf den Lippen gefrieren lässt, die Inhaltsleere des CDU-Wahlkampfes auf. Zugleich lenken sie die Aufmerksamkeit aber mit bitterem Ernst auf ein Thema, das von der großen Koalition nur ungern im Wahlkampf aufgegriffen wird: die Verantwortung Deutschlands und Europas für das Schicksal unzähliger Migranten auf ihrem Weg nach Europa.

Zehntausende auf dem Balkan

Zwar hat die Zahl derer, die sich auf die gefährliche Überfahrt von der türkischen Küste auf eine der vorgelagerten griechischen Inseln wagen seit dem EU-Türkei-Deal zur Migration im März 2016 sehr deutlich abgenommen.

Doch die Schließung der Balkanroute mit Zäunen vor allem in Ungarn und Kroatien hat dazu geführt, dass in Südosteuropa Zehntausende Migranten festsitzen, die eigentlich weiter nach Westen wollen. Genaue Zahlen gibt es dazu nicht. Aber Caritas-Präsident Peter Neher schätzt, dass in Serbien 4000 und in Griechenland 40.000 Flüchtlinge festsitzen.

In der Presserklärung des Partei-Kreisverbandes heißt es dazu: „Beim Erstellen des Plakats haben wir uns an der Feelgood-Kampagne der CDU orientiert und das Strandbild mit den meisten Klicks gesucht.“ Der drei Jahre alte Aylan Kurdi war am 2. September 2015 wie sein fünf Jahre alter Bruder Galip und seine Mutter Rehan bei dem Versuch ertrunken, in einem von Schleppern organisierten Schlauchboot von der türkischen Küste auf eine griechische Insel zu gelangen. Aylans Vater Abdullah Kurdi stimmte der Veröffentlichung der Fotos seines toten Sohnes nach der Tragödie ausdrücklich zu.

Kaum offizielle Reaktionen

So pointiert die Kritik der Partei geäußert wird, so einsilbig verhalten sich offenbar bislang die anderen Parteien zu dem Wahlplakat. Parteichef Martin Sonneborn, hofft auf Facebook bislang vergeblich auf eine „pointierte Reaktion aus dem Kanzleramt“.  Facebook löschte zunächst jedoch alle Kopien des Plakates.

Max Aschenbach, Vorsitzender des Dresdener Partei-Kreisverbandes, sagte dieser Zeitung dazu,  er kenne selbst die Reaktion sächsischen CDU-Politikers Michael Kretschmer. Der Generalsekretär der Landes-Union sagte der Online-Zeitung tag24.de: „Dieses Plakat ist an Geschmacklosigkeit nicht mehr zu überbieten.“

Das sehen viele Nutzer von Facebook und Twitter aber offenbar anders. Nach Angaben des bildenden Künstlers Aschenbach, der das Plakat selbst entwickelt hat, gab es auf den sozialen Medien neben ablehnenden Reaktionen „überraschend viel Zuspruch“ für die Aktion. „Viele haben sich bedankt, dass wir das Problem thematisiert haben.“ Tatsächlich findet etwa Twitter-Nutzer Nils Rübelmann: „Die @DiePARTEI verdeutlicht das Wesen der @cdusachsen in einem Plakat.“

Aschenbach sagte tag24.de zu der Kritik Kretschmers, das Plakat sei natürlich geschmacklos. „Aber nicht annähernd so geschmacklos wie die real existierende Flüchtlingspolitik.“

In ihrer Erklärung zu dem Plakat fügen die Dresdner Partei-Strategen noch bezogen auf den Plan, Asylanträge künftig in nordafrikanischen Ländern prüfen zu wollen, mit satirischer Schärfe hinzu: „Das Konzept der Bundesregierung, eine Mauer durch die Sahara zu bauen, um die unansehnlichen Leichen am Urlausbsstrand zu vermeiden, müssen wir ja begrüßen, da Mauerbau schon lange eines unserer wichtigsten Wahlversprechen ist. Wir hätten zwar eine weniger menschenverachtende Variante gewählt, aber es sind ja nur Neger.“

Plakat wird auch in Köln aufgehängt

Ermutigt von den vielen positiven Reaktionen will die Partei das Plakat, das seit vergangenen Sonntag in Dresden zu sehen ist, nun in größerer Auflage drucken und bundesweit plakatieren. „Ich denke, dass es auch in Köln zu sehen sein wird“, sagte Aschenbach.