Ein Mann, drei Wahlkämpfe, mehr als 330 Termine: Das geht leicht an die Substanz, selbst wenn einer sich täglich auf Laufband und Rudergerät so fit und schlank hält wie Christian Lindner. Ab und zu sieht er schon etwas blass im Gesicht aus zwischen modischem Stoppelbart und per Implantat aufgefülltem Blondschopf.

Aber dem 37-jährigen bleibt keine Wahl. Seine Partei bietet in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt regionale Spitzenkandidaten auf. Zweimal Aufstieg (Mainz und Magdeburg), einmal Klassenerhalt (Stuttgart) lauten ihre Saisonziele. Aber der Star der Partei bleibt nun einmal er. Also rast Lindner als allgegenwärtiger Dauerredner ruhelos durch die Republik wie der Barbier von Sevilla in Gioachino Rossinis Oper: Figaro hier, Figaro da...

Und weil’s so schön passt, muss noch Zeit für einen Abstecher nach Hessen bleiben. Dort sind am Sonntag „nur“ Kommunalwahlen. Aber vorher gibt’s an der Frankfurter Uni die „FuckUp Night“. Hier treffen sich vor allem Jungunternehmer, die schon mal Schiffbruch erlitten haben – wie Lindner selbst mit Anfang 20. „Heute bin ich Chef der FDP“, sagt er mit dem Anflug eines Lächelns in seiner Videobotschaft, „und damit Experte für zweite Chancen.“ Für den Vorsitzenden stellen alle Wahlen vor 2017 nur Stufen dar zu seinem      zentralen Ziel:  Rückkehr in den Bundestag nach vier Jahren außerparlamentarischer Opposition.

Die alte wirtschaftliche Pleite hat Lindner im vorigen Jahr zu einem neuen medialen Durchbruch verholfen. Der Zwischenruf eines Hinterbänklers aus der SPD stachelte ihn im Düsseldorfer Landtag zu einer „Wutrede“ an, wie es anschließend allenthalben hieß. Publikumswirksam erregte sich der FDP-Politiker, dass in Deutschland verspottet werde, wer unternehmerisches Risiko auf sich nehme. Dies erregungspolitische Erfolgsrezept bekam vor kurzem auch SPD-Fraktionschef Norbert Römer zu spüren, als er die CDU als rechtspopulistisch beschimpfte.

Viraler Hit auf YouTube

Der Sozialdemokrat verharmlose die wahren Feinde der Demokratie, konterte Lindner  und arbeitete ebenso polemisch wie präzise den von Union und  AfD heraus. Die neue Partei habe sich gerade „von den Bürgerlichen getrennt, um radikaler sein zu können.“ Insgesamt wurden die beiden Videos inzwischen rund neun Millionen Mal auf Youtube angeschaut. Keine schlechte Quote für den Chef einer Partei, die auf Bundesebene keine Rolle mehr spielt. Eigentlich.

Doch Christian Lindner unternimmt alles, um sie die alte  Bedeutung wieder zu erkämpfen. Zu den wichtigsten Waffen seines Arsenals  zählt eine genau abgezirkelte Kritik an  der Bundeskanzlerin und ihrer Flüchtlingspolitik.   „Solange Frau  Merkel an ihrem Kurs festhält und keine politische Wende vollzieht, wird es keine europäische Lösung geben“, sagt er kühl und fügt hinzu: „Wir brauchen sichere Grenzen und eine bessere Kontrolle.“ Keine Relativierung, klare Ablehnung.  Das ist er auch den eigenen Leuten schuldig, die in der gescheiterten „Wunschkoalition“ mit der Union unter Merkels (aus ihrer Sicht) mangelndem Verständnis für ihre Belange gelitten haben.

Ebenso deutlich setzt der FDP-Chef sich vom polemischen Überschuss aus Bayern ab. Wenn Horst Seehofer von einer  „Herrschaft des Unrechts“ in der Flüchtlingskrise spreche, erwecke er den Eindruck eines Staatsstreichs, was unzulässig sein: „Die Entscheidung von Frau Merkel war politisch falsch, aber sie war legal“. Damit spiele er „den Rechtspopulisten in die Hände“. Links die Römers, rechts die Seehofers und das Weltkind  Lindner zielt auf die bürgerliche Mitte.