Wahlwiederholung: Diese jungen Leute wollen Berlin eine neue Blamage ersparen

Damit die Wiederholungswahl klappt, lassen sich Jugendliche zu Wahlhelfern ausbilden. Ob sie wirklich eingesetzt werden, entscheiden die Bezirke.

Geschafft, der Wahlzettel ist in der Urne. Am Samstag übten junge Leute ihren Einsatz als Wahlhelfer.
Geschafft, der Wahlzettel ist in der Urne. Am Samstag übten junge Leute ihren Einsatz als Wahlhelfer.Benjamin Pritzkuleit

Kurz bevor es losgeht, sind die jungen Wahlhelferinnen und Wahlhelfer noch ziemlich aufgeregt. „Ich überprüf die Dinger lieber noch mal“, sagt der 18-jährige Tim und wirft einen schnellen Blick in die drei Wahlkabinen, die an der Fensterfront des großen Raumes aufgebaut wurden. Dann öffnet Leonardo, ebenfalls 18, die Tür: „Willkommen im Wahllokal“, sagt er. Sofort bildet sich eine Schlange vor dem Tisch der Wahlhelfer. Und nach wenigen Augenblicken wird die Stimmung pampig. „Dauert das noch lange?“, ruft eine junge Frau nach vorne. Eine andere, die gerade an der Reihe ist, wedelt mit einer Karte und sagt: „Ich hab meinen Personalausweis vergessen, aber ihr kennt mich hier doch, oder?“

Die Stimmung bleibt dennoch prächtig an diesem Samstagnachmittag, denn diese Wahl ist eine Übung. In den Räumen der Landeszentrale für politische Bildung lassen sich seit dem Morgen 14 junge Menschen als sogenannte Erstwahlprofis ausbilden. Das heißt, sie wählen in diesem Jahr nicht nur meistens das erste Mal – sie gestalten auch gleich mit. Wenn es am 12. Februar zur Wiederholung der Abgeordnetenhauswahl und der zu den Bezirksverordnetenversammlungen kommt, sind sie Experten im Wahllokal. An ihnen wird es nicht liegen, wenn es wieder Pannen geben sollte.

Abgeblitzt im Wahllokal: Landeswahlleiter Stephan Bröchler versucht hier gerade vergeblich, für seine Mutter wählen zu gehen. Es ist natürlich nur Teil des Rollenspiels.
Abgeblitzt im Wahllokal: Landeswahlleiter Stephan Bröchler versucht hier gerade vergeblich, für seine Mutter wählen zu gehen. Es ist natürlich nur Teil des Rollenspiels.Benjamin Pritzkuleit

Allerdings ist noch gar nicht sicher, ob Berlin auch wirklich auf diese neue Expertise zurückgreifen wird. Zwar hat der Landeswahlleiter Stephan Bröchler versprochen, dass alle, die an den Seminaren teilnehmen auch bei der echten Wahl in den Wahllokalen eingesetzt werden sollen. Doch letztlich entscheiden das die Bezirke, die bei der Wahlorganisation vor Ort die Verantwortung haben.

Die dortigen Wahlvorstände wären allerdings schön dumm, wenn sie sich die neuen Fachleute entgehen lassen würden. Obwohl viele von ihnen eine kurze Nacht hatten – es ist schließlich Wochenende – sind die jungen Leute am Samstag alle sehr konzentriert bei der Sache. Und die ist komplizierter als es den Anschein hat. Da ist die Frau, die angibt, sie habe eigentlich Briefwahl machen wollen, es sich nun aber anders überlegt. Darf sie vor Ort wählen? Welche Unterlagen muss sie dabeihaben? Hinter ihr steht ein Sehbehinderter, der Hilfe bei der Stimmabgabe braucht. Darf ein Wahlhelfer mit ihn die Kabine? Und in der Schlange drängeln schon die nächsten.

Seminar für Wahlhelfer: Im fiktiven Wahllokal häufen sich die Problemfälle

Im Türrahmen steht Nicole Kleeb von der Bertelsmann-Stiftung und lächelt fast ein bisschen diabolisch. Sie hat alle „Wählerinnen“ und „Wähler“ mit Kärtchen versorgt, auf denen ihre Rolle beschrieben ist. Und so haben es die Helferinnen und Helfer in diesem fiktiven Wahllokal mit sehr vielen Problemfällen zu tun.

In die Schlange hat sich jetzt auch der Landeswahlleiter Stephan Bröchler eingereiht. Er versucht, eine Stimme für seine verstorbene Mutter abzugeben. Er habe es ihr in die Hand versprochen, beteuert er. Bei den Erstwahlprofis blitzt er mit der Story ab – und ist begeistert. „Die machen das wirklich toll“, sagt er, bevor er sich gleich noch mal mit einer anderen Geschichte in die Schlange einreiht. Es ist der zweite Wahldurchgang, den die 14 Jugendlichen hier proben. Der erste war ein bisschen chaotischer, erzählen sie später.

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Benjamin Pritzkuleit
Die Jugend hat die Wahl
Für die Abgeordnetenhauswahl, die am 12. Februar wiederholt werden soll, sind 35.021 Erstwählerinnen und -wähler registriert.

Die Zusammensetzung der Bezirksverordnetenversammlungen dürfen 36.880 junge Leute erstmals bestimmen. Auf Bezirksebene darf bereits mit 16 gewählt werden.

Insgesamt 200 junge Leute haben sich in Berlin zu den Seminaren für Erstwahlprofis angemeldet, 35 stehen noch auf der Warteliste. Organisiert werden von der Bertelsmann-Stiftung gemeinsam mit dem Hamburger Bildungswerk Haus Rissen, das diese Fortbildungsreihe erfunden hat. In Berlin findet sie das erste Mal statt. Die Anmeldungen kamen querbeet von Schülern, Azubis, Studierenden und auch vielen jungen Leuten, die gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr absolvieren.

Bei den Organisatoren ist man allerdings erstaunt über das Geschlechterverhältnis in den Gruppen: Unter den 14 jungen Leute sind nur fünf Mädchen. Beim ersten Seminar am Mittwoch war es noch krasser, da waren von den 19 Jugendlichen gerade mal vier weiblich. Die Frauen in der Samstagsrunde lassen sich aber nicht einschüchtern. Zwei von ihnen übernehmen beim Auszählen der Stimmen Führungsrollen. Auch hier muss wieder diskutiert werden: Macht eine Zeichnung am Rand einen Stimmzettel ungültig? Theoretisch ist das so. Aber wenn doch zwei deutliche Kreuze gemacht wurden und der Wählerwille damit eindeutig ist? Die Jugendlichen diskutieren und stimmen dann ab. So wird das auch in echt gemacht. Gibt es ein Patt, dann hat der Wahlvorstand zwei Stimmen, um den Ausschlag zu geben.

Große Diskussionen gibt es darum, ob man einen zweiten Wahlzettel bekommt, wenn man sich auf dem ersten verschrieben oder „verwählt“ hat. Da kann der Landeswahlleiter, der bei der Auszählung auch zuschaut, helfen: Ja, man kann sich einen neuen Wahlzettel geben lassen, den alten müssen die Wahlhelfer entsorgen.

Am Ende sind die 72 Übungswahlzettel ausgezählt, sortiert und archiviert, die Jugendlichen haben ihr Seminar erfolgreich abgeschlossen. Alle sagen, es habe ihnen Spaß gemacht und sei sehr lehrreich gewesen, weil sie jetzt genauer wissen, was auf sie zukommt. „Also, ich hätte es spätestens am Wahltag bestimmt bereut, wenn ich dieses Seminar nicht gemacht hätte“, sagt die 18-jährige Abiturientin Jodie. Sie hat sich als Wahlhelferin gemeldet, weil sie es spannend findet, mal hinter die Kulissen zu blicken.

Die 20-jährige Fanny ist außerhalb von Berlin auf die Idee gekommen, in ihrer Heimatstadt bei der Wahl mithelfen. Sie studiert gerade Politikwissenschaft in Bremen und hat sich geärgert, dass in den dortigen Seminaren so über die Hauptstadt gelästert wurde. „Jetzt will ich mithelfen, es besser zu machen“, sagt sie. Der 22-jährige David war sogar schon mal Wahlhelfer, bei der Wahl, die jetzt wiederholt werden muss. In dem Wahllokal, wo er mithalf, lief es ganz gut, sagt er. „Ich bin dann aber in mein eigenes nach Neukölln zum Wählen gefahren und da war da ganz schön viel Chaos.“ Jetzt will er vermeiden helfen, dass es noch mal so weit kommt.

Der 18-jährige Azubi Tim hat sich noch mehr vorgenommen: Er will seine Eltern zum Wählen motivieren. Sie hätten bisher immer ihre Stimmen abgegeben, sagt er, aber mit der Politik seien sie von Jahr zu Jahr unzufriedener geworden. „Jetzt überlegen sie, gar nicht mehr hinzugehen“, sagt er. Es sieht so aus, als hätte die junge Generation in Berlin so einiges an der Backe.