DDR-Staatschef Walter Ulbricht, der 1961 sein Volk einmauern ließ. „Er war überzeugt, das Richtige gemacht zu haben“, sagt sein Urenkel.
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BerlinWalter Ulbricht, der nie die Absicht hatte, eine Mauer zu bauen und es dennoch vor 59 Jahren tat: Mit dieser Lüge ging der einstige DDR-Staatschef in die Geschichte ein. Sein Urenkel Florian Heyden, 40, der nun ein Buch über seinen Urgroßvater (1893–1973) geschrieben hat, ist sich sicher: „Würde ich ihn heute zum Mauerbau fragen, würde er mir wohl sagen, dass er damals das Richtige getan hat“, erklärt er in einem Gespräch mit der Berliner Zeitung.

Vom Ulbricht-Urenkel wussten bisher nicht viele. Erst mit dem jetzt im Berliner Edition-Ost-Verlag veröffentlichten Buch „Walter Ulbricht – Mein Urgroßvater“ ging Heyden in die Öffentlichkeit. Kennengelernt hat er ihn nie. Ulbricht war schon sieben Jahre tot, als Heyden im Ruhrgebiet geboren wurde. Heute lebt dieser als Manager in der Schweiz. „Dass Walter Ulbricht mein Urgroßvater ist, erfuhr ich erst, als ich vor etwa 20 Jahren das Abitur machte“, sagt Heyden. „Es war ein Zufall. Im Fach ,Darstellende Kunst' stand ich in einem Theaterstück als Ulbricht auf der Bühne, sagte auch jenen berühmten Satz mit der Mauerlüge. Daraufhin zog mich mein Vater damit auf, dass der Mann, den ich spielte, mein Uropa war.“

Von der Familie erfährt der Urenkel zunächst nicht viel. Aus gutem Grund, denn der Zweig, aus dem Heyden stammt, lebte im Westen. „Da war Walter Ulbricht nicht gerade gut angesehen“, erzählt der Urenkel. Die Abneigung übertrug man auch auf den Rest der Familie. „So wurde meine Oma Dora, Ulbrichts erstes Kind, lange von der westlichen Presse verfolgt. Sogar Ulbrichts Bruder Erich wurde nicht verschont, der im New Yorker Stadtteil Manhattan lebte.“

Als Großmutter Dora 2010 starb, beginnt Heyden mit der Familienforschung. Aus Briefen und Dokumenten, die er im Nachlass der Oma findet, erfährt er viel über seinen Uropa. Heyden erklärt, dass sich Ulbricht nach außen als Revolutionär und Parteisoldat ohne Schwächen gezeigt habe. Dabei bezieht sich der Urenkel auf die Lebensjahre seines Urgroßvaters, in denen er politisch verfolgt wurde, im Untergrund kämpfte oder im Zweiten Weltkrieg aufseiten der Sowjets versuchte, deutsche Soldaten zum Aufgeben zu bewegen.

„In privaten Dingen unbeholfen“

Seine wahren Gefühle „hielt er nach außen hin hinter einem dicken Panzer verborgen“, so Heyden. „Den wirklichen Walter Ulbricht kannten nur seine Frauen, von denen ich meine, dass sie alle ihn bis zu ihrem Tod geliebt haben, obwohl er sein Familienleben der Partei geopfert hat. Mein Uropa war eigentlich in privaten Dingen unbeholfen. Das zeigen Briefe, die er meiner Oma schrieb, als sie ein kleines Kind war. Er wollte ihr ein guter Vater sein, auf der anderen Seite war ihm die politische Karriere wichtiger.“

Ulbricht hatte in seinem Leben drei Frauen: Martha, die erste, die Mutter von Heydens Oma Dora. Nach 1925 geht Ulbricht im Moskauer Exil ein Verhältnis mit der Französin Rosa ein. Das Paar hat eine Tochter. In Moskau kommt 1935 Lotte Wendt ins Spiel. Sie wird später in der DDR die zweite Ehefrau des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht, der mit einem „antifaschistischen Schutzwall“ das Volk einmauert.

„Ich glaube, dass mein Urgroßvater in allem, was er tat, zutiefst davon überzeugt war, das Richtige gemacht zu haben“, sagt Heyden. Dem Urenkel läge es aber fern, seinen Uropa zu verteidigen. „Mauern sind grob gesagt scheiße, egal wo sie errichtet werden“, sagt er. „Andererseits habe ich beim Studieren der Unterlagen einen Mann kennengelernt, der für eine bessere Welt für seine Kinder kämpfen wollte. Auch ich will das heute für meine Tochter und für meinen Sohn – und ich bin kein Kommunist oder Sozialist.“