Hinterher ist man immer schlauer. Aber wann ist hinterher? Stunden, Tage, Jahre später? Am 25. August, an einem Sonnabend, beginnt in Chemnitz ein Stadtfest. In der Nacht zum Sonntag geraten zwei Gruppen in Streit, eine zieht ihre Messer. Daniel H., 35, ein Deutschkubaner, stirbt durch fünf Stiche.

Schon am Sonntag um 15 Uhr ruft die AfD Chemnitz zu einer Trauerfeier am Rande des Stadtfestes auf. Die Stadt bricht das Fest ab, weil fremdenfeindliche Gruppen, auch Hooligans von „Kaotic Chemnitz“, eine Spontankundgebung um 15.30 Uhr ankündigen. 800 Demonstranten ziehen dann mit ihren Parolen – „Das ist unsere Stadt“, „Wir sind das Volk“, „Für jeden toten Deutschen einen toten Ausländer“ – durch die Innenstadt.

Demonstrationen

Die Polizeipräsidentin spricht von Übergriffen auf einen Afghanen, einen Syrer, einen Bulgaren und von „einem Mann, der auf der Bahnhofstraße von einem anderen regelrecht verfolgt wird“. Sie bezieht sich auf ein Video, dessen Echtheit Hans-Georg Maaßen, der Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz, bezweifeln wird.

Am nächsten Abend, am Montag, den 27. August, ruft das rechtspopulistische Bündnis Pro Chemnitz zu einer Kundgebung auf. 6000 Demonstranten, auch aus anderen Bundesländern, treffen sich am „Nischel“, dem Karl-Marx-Kopf. Sie protestieren gegen Ausländer in Deutschland, manche strecken den rechten Arm in die Luft. Ihnen gegenüber stehen etwa 1500 Gegendemonstranten, dazwischen knapp 600 Polizisten. Es kommt zu Ausschreitungen, auch gegen die Presse, auch gegen ein jüdisches Restaurant.

Ein Muskelspiel-Motto

Am 1. September – beim Schweigemarsch mit 8000 Teilnehmern – vereinigen sich erstmals AfD und Pegida öffentlich, hinter Björn Höcke läuft Lutz Bachmann. Am 3. September kommen etwa 65.000 Menschen unter dem Muskelspiel-Motto „Wir sind mehr“ zu einem Konzert linker Musiker. Ein Sänger fordert die Besucher auf, allen Rechten den Mittelfinger zu zeigen. Viele folgen – für diese Geste müssen Autofahrer hohe Geldstrafen zahlen.

Am 5. September stellt Sachsens Ministerpräsident Kretzschmer, CDU, in einer Regierungserklärung fest: „Es gab keinen Mob, keine Hetzjagd und keine Pogrome.“ Vize-Ministerpräsident Dulig, SPD, widerspricht: „Geflüchtete sind durch die Stadt getrieben worden.“ Darf man „Hetzjagd“ sagen? Die Kanzlerin sagt ja. Der Streit um ein Wort wird zum absurden Hauptthema der politischen Debatten.

"Die Mutter aller Probleme"

Bundesinnenminister Horst Seehofer, CSU, zeigt Verständnis, „wenn sich die Leute empören“, er bringt seine Ansicht auf den Punkt: Die Migration sei „die Mutter aller Probleme“. Die Bilder, Parolen und Gegenparolen, Übergriffe, Stellungnahmen, Gegendarstellungen, Demonstrationen und Gegendemonstrationen aus Chemnitz führen zu unversöhnlichen Positionen. Sie teilen die Stadt und das Land. Das hat schon viel früher angefangen.

Warum gibt es diese Feindseligkeit gegenüber dem Fremden stärker im Osten als im Westen? Bei mir ist diese Meinung nur ein Gefühl, gewachsen aus Biografie und Recherchen. Jeder Mensch beurteilt die Lage, indem er seine Erfahrungen durchblättert. Meine sind gemischt. Einen Teil habe ich im Osten gemacht, den anderen nach der Wende im Westen.

Wörter wie "Kanaken" 

Ich habe Geld für „Milch für Kubas Kinder“ gesammelt, „Freiheit für Angela Davis“ verlangt, „Hoch-die-internationale Solidarität!“ gerufen.
Bis meine Schwester 1988 einen Chilenen heiratete – was von unseren staatlichen Stellen nicht ohne weiteres genehmigt wurde –, kannte ich keine Ausländer näher. Viele haben bei uns gearbeitet, aber die DDR-Bürger sind ihnen kaum begegnet – den Polen, Ungarn, Algeriern, Kubanern, Mosambikanern, Angolanern und später den Mongolen, Chinesen und Nordkoreanern. Wörter wie Kanaken, Fidschis, Bimbos – die habe ich schon zu Ostzeiten gehört, wenn auch nicht gebrüllt.

Zum Besuch bei Freunden fuhr ich in Storkow an einem Neubaublock vorbei, da wohnten nur Vietnamesen. Man sah sie am Fenster, vor der Tür. Sie wohnten und arbeiteten, und wenn sie irgendwo herumstanden, blieben sie unter sich. Fast alle waren junge Männer.
Das Aufenthaltsrecht der ausländischen Arbeitskräfte war an ein Arbeitsverhältnis gebunden. Wenn der Vertrag endete, erlosch das Aufenthaltsrecht. Vertragsarbeiter konnten in ihre Heimatländer zurückgeschickt werden, wenn sie gegen die „sozialistische Arbeitsdisziplin“ verstoßen hatten.

Rassismus gab es auch in der DDR

Bei Frauen konnte auch eine Schwangerschaft zur Rückschickung führen. In den Berichten der Medien waren die ausländischen Vertragsmitarbeiter gut integriert – sie hätten eine „zweite Heimat“ gefunden. Erich Honecker sagte 1978, in der DDR sei „der menschenfeindliche Rassismus mit der Wurzel ausgerottet“.
Öffentliche ausländerfeindliche Äußerungen waren tabu. Aber privat gab es sie, seit 1975 auch Überfälle auf Wohnheime von Ausländern.

Am Ende der DDR wurden die Spannungen zwischen Ostdeutschen und Vertragsarbeitern immer deutlicher. „Wir haben nichts zu verschenken! Keinen proletarischen Internationalismus auf Kosten der eigenen Bevölkerung“, das stand in einer Bürger-Eingabe aus Waren an der Müritz – am 10. November 1989, nur einen einzigen Tag nach dem Mauerfall.

Ich lebte in einem Land, dessen Führung die „richtige Weltanschauung“ verlangte, aber seinen Bürgern nicht gestattete, sich die Welt anzuschauen. Es ging nicht nur um den Westen. Von Ausnahmen abgesehen, durften DDR-Bürger nur in Reisegruppen die Sowjetunion besuchen. Man durfte auch nicht ohne weiteres nach Kuba, wegen der Zwischenlandung in Kanada und möglicher Republikflucht. Man durfte nicht nach Jugoslawien, wegen der Lossagung Titos von der Sowjetunion.

Und dann fällt die Mauer

Die Ostdeutschen müssen ruckzuck ein neues staatliches System und neue Gesetze verstehen. Viele verlieren ihre Arbeit. Frauen erfahren, dass jetzt wieder der Paragraf 281 gilt, der in der DDR 1972 durch die Fristenlösung ersetzt worden war. Die Eigentumsverhältnisse verändern sich grundsätzlich, auch durch die Treuhand. Bewohner ländlicher Gebiete verlieren die Busverbindung, die Kaufhalle, den Arzt, die Schulen, den Bäcker, die eine Ausbildung suchenden Kinder und die Hoffnung.

Und immerzu sollen sich die Ostdeutschen für ihr Leben rechtfertigen, auch wenn sie nicht bei der Staatssicherheit gearbeitet haben. Der Schauspieler Henry Hübchen wird in einer Talkshow von einem Moderator aus dem Westen gefragt, ob er denn schon seine DDR-Vergangenheit aufgearbeitet hätte. Was soll man da antworten? „Das habe ich mir für die Zeit zwischen den Jahren vorgenommen?“ Aber verstehen die, die eine unmögliche Auskunft wollen, Ironie?

Vorurteile gegenüber DDR-Bürgern

Ich war nach 1990 zweimal arbeitslos. Meine Chefs und viele Kollegen kamen aus dem Westen. Die journalistische Zusammenarbeit war Anstrengung, Glück und ein Anker. Aber heute noch fragen mich Westdeutsche: „Sie sind aus dem Osten? Waren da nicht alle bei der Stasi?“

Ich sehe meine Leute von damals – sie sind meine Leute, weil wir doch mit denselben Filmen, Büchern, Schulstunden und Feiertagen erwachsen wurden – und erkenne viele nicht mehr. Ich weiß, dass anständige, aber aufmüpfige Leute zu Unrecht in die rechte Ecke geschoben werden. Sie wollen nur nicht, dass man sie übergeht.
Aber nicht alle sind anständig.

Als die Kanzlerin zu Flüchtlingen nach Heidenau kam, wurde sie ausgepfiffen, und eine blonde Frau mittleren Alters schrie „Fotze!“ Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass frühere DDR-Bürger durch Chemnitz marschieren und schreien: „Schlagt den Roten die Schädeldecke ein!“ Ein Gründungsmitglied von Pegida fragt bei einer Montagskundgebung in Dresden, was mit den Flüchtlingen geschehen soll, die auf einem Rettungsschiff auf die Erlaubnis warten, einen europäischen Hafen anzulaufen. Immer mehr Teilnehmer skandieren: „Absaufen! Absaufen!“

Die Minderheit wurde lauter

Der Extremismusforscher Andreas Zick sagte dem Magazin Stern, dass die Mehrheit der Gesellschaft bislang leise war und passiv. Die kleine Minderheit wurde immer lauter und erschien schließlich größer, als sie tatsächlich war. „Die sehen in ihrer Beachtung eine Rechtfertigung für eine immer größere Radikalisierung.“

Die Minderheit wurde aber auch lauter durch die Angriffssprache ihrer neuen, angereisten Führer. Alice Weidel, Jörg Meuthen, Beatrix von Storch, Björn Höcke, Alexander Gauland – die bekannten Namen der AfD kommen aus dem Westen. Sie erklären Regierung und Flüchtlinge zu Schuldigen und würden nach letzten Umfragen bei der nächsten Bundestagswahl zwischen 14 und 17 Prozent erreichen. Und die ganz andere Seite, die linke?

Die Partei Die Linke ist durch Flügelkämpfe erschöpft. Wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre, stünde sie zwischen neun und zehn Prozent. Welchen Erfolg die Bewegung „Aufstehen“ haben wird, kann keiner wissen.

Der schwarze Block

Links nennen sich auch die Autonomen. Viele machen als schwarzer Block Randale. Im November 1992 habe ich sie zum ersten Mal erlebt. Nach dem Brandangriff auf ein Asylbewerberheim in Rostock-Lichtenhagen versammelten sich 350.000 Demonstranten im Berliner Lustgarten. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ war das Motto.

Rita Süssmuth stand auf der Bühne, Helmut Kohl, Bundesminister, Regierungschefs der Länder. Richard von Weizsäcker, damals Bundespräsident, begann zu sprechen. Mich traf ein Schlag gegen die Schulter: Direkt neben mir stürmten 200 bis 300 junge Leute nach vorn, hintereinander, Hand in Hand, Gesicht vermummt. Trillerpfeifen und „Heuchler, Heuchler!“-Rufe. Weizsäcker verstummte – die Chaoten hatten das Mikrofonkabel gekappt. Alles hängt mit allem zusammen, aber nichts führt zusammen.

Reflexartige Ablehnung

Das Wort Heimat wird von verschiedenen Gruppierungen reflexartig abgelehnt. Sie nennen Leute, die damit ihre Zuflucht beschreiben, Revanchisten. Eine Passage in der Rede von Katrin Göring-Eckardt beim Parteitag der Grünen im Oktober 2017 in Berlin sorgte für Diskussionen. „Wir lieben dieses Land. Es ist unsere Heimat. Diese Heimat spaltet man nicht.“ In Sachen Heimatliebe werde die Ökopartei sich „nicht übertreffen“ lassen, „nicht von den Rechten und nicht von irgendjemand anderem“. Sie löste eine aufgeregte Debatte unter den eigenen Leuten aus.

Das Land braucht die Antifa. „Wenn Rechtsextreme marschieren, muss der Widerstand so stark sein, dass sie nicht vorankommen“, schreibt Margarete Stokowski auf Spiegel online. Zweifellos. Aber welche Rolle darf oder muss Gewalt spielen? Die Randalierer, die während des G20-Gipfels im Hamburg die Autos unbeteiligter Bürger anzündeten, werden dadurch nicht zu Antifaschisten.

Eine Seite nennt die andere Seite Pack, Mob, Heuchler, Dreck, Vollidioten, Nazis, faschistoide Antifaschisten. Auf ihren Transparenten steht, wogegen ihre Unterstützer auftreten. Gegen Rassismus, gegen Überfremdung. Aber wofür können Leute sein, wenn sie nur nach Gründen für ihre Wut suchen?