Mit Maske am Strand.
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WarnemündeUm 3 Uhr 40 werde ich wach: Draußen ist ein besonderes, starkes Licht. Ich gehe auf den Balkon. Über dem dunklen Horizont leuchtet ein orangefarbener Streifen. Weiße Wolken reflektieren das Licht der noch unsichtbaren Sonne. Schwarze Wolkenmassen lichten sich zu Strahlen, zu Punkten. Mitten am Himmel fliegt als kleiner silberner Strich die Internationale Raumstation. Genau dieses Panorama wird am Morgen ein Fernsehmagazin zeigen. Bei dem war allerdings noch der Komet Neowise drauf, der jetzt nachts über Norddeutschland zu sehen ist. Den habe ich knapp verpasst, aber im Grundsatz war ich live dabei.

Zu Hause hätte ich hinter Gardinen den magischen Moment verschlafen. Jetzt bin ich in Warnemünde an der Ostsee, um nachzusehen, ob sich mein Lieblingsort aufrappelt und wieder ein Gastgeber wird.

Mitte März lief ein Fernsehbeitrag: Polizei blockierte eine Straße und machte über Lautsprecher eine Ansage – alle Touristen müssten Warnemünde sofort verlassen und abreisen. Besucher aus anderen Bundesländern wurden an der Grenze zurückgeschickt. In ganz Mecklenburg-Vorpommern verschwand der Tourismus.

99 Tage blieb auch das Hotel Neptun geschlossen. Das dunkle Hochhaus wirkte wie aufgegeben, besonders nachts. Mitarbeiter folgten einer Hotel-Initiative und machten Licht: Bis nach Ostern leuchteten an der Seite zum Ortskern hin 28 Fenster. Sie bildeten ein großes Herz. Danach stand auf einem Megaposter „Wir sind Urlaubsland“.

Jetzt kommen wieder Gäste. Sie müssen Abstand halten, und die Maskenpflicht in geschlossenen Räumen ist in Mecklenburg-Vorpommern bis August verlängert worden.

Man müsse sich mit Masken auf einen viel kleineren Teil des Gesichts fokussieren, sagt ein Kommunikationsexperte. Wir hätten nur noch direkten Blickkontakt, und der sei „ein viel zu starkes Signal für uns Menschen“. Die Mimik fehlt. Masken machen schüchtern. Interessant, oder? Erklären sich so die nächtlichen Massentreffen in vielen Großstädten? Vielleicht müssen die jungen Leute die Masken weglassen, weil sie sonst zu schüchtern wären.

Aber der Mund-Nasen-Schutz führt auch zum Widerstand. In der Ostsee-Zeitung verlangt ein Leser von der Landesregierung das Ende der Maskenpflicht: „Geben Sie uns unsere Freiheit zurück!“ Bei Edeka legen zwei ältere Frauen den Einkauf auf das Band. Die Kassiererin hinter einer Plexiglasscheibe bittet, Schutzmasken aufzusetzen. Die Frauen motzen. Ein Angestellter spricht strenger. Die Frauen verlassen den Laden. Draußen frage ich nach ihren Gründen. „Weil es kein Corona gibt, das ist nur eine Erfindung!“, ruft die eine. Die andere piekt mit dem Zeigefinger in verschiedene Richtungen: „Sonst würden hier ja die Toten rumliegen!“ Ich sage, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen strenger Vorsorge und den Infektionszahlen im Nordosten, die im Vergleich zu anderen Bundesländern mit Abstand am niedrigsten sind. Die Frauen lachen.

Noch sollen die Geschäfte durchgehalten haben. Es gab Nothilfen und Kredite. Auf der Strandpromenade trinken Urlauber Cocktails und schlendern durch die Angebote der Pavillons. Der Verkäufer von Bauernhandbrot mit Spinat und Feta hat ein Schild in die Auslage gestellt: „Läuft bei mir!“ Wunderbar, aber abgerechnet wird zum Schluss.