Warschau - Alles riecht neu. Die Wände sind frisch gestrichen, die Möbel verbreiten den Duft von fabrikneuem Kunststoff. Selbst das Papier der Prospekte atmet noch Druckerschwärze. Es sind seltsam unpassende Gerüche für ein Museum, das eine 1 000 Jahre alte Geschichte erzählen will. Auch das Auge ist irritiert. Es wandert durch die leere, von Tageslicht durchflutete Eingangshalle und findet erst jenseits der Glasscheiben Halt, am historischen Ghetto-Mahnmal auf dem Willy-Brandt-Platz, wo der sozialdemokratische deutsche Kanzler einst niederkniete.

Warschau bekommt nach langer Verzögerung ein „Museum der Geschichte der polnischen Juden“. An diesem Freitag öffnet das Haus seine Türen, 70 Jahre nach dem 19. April 1943, als sich die wenigen noch lebenden Juden im Ghetto mit ein paar Pistolen in den abgezehrten Händen den Nazis entgegenwarfen. Lieber wollten sie in einem aussichtslosen Kampf sterben, als sich weiter wie Schlachtvieh am „Umschlagplatz“ des nahen Güterbahnhofs ins Vernichtungslager Treblinka abtransportieren zu lassen.

Architektur als Symbol

„Der Massenmord an den polnischen Juden war ein Riss in der Geschichte“, sagt Museumssprecher Piotr Kossobudzki. Die gewaltige Empfangshalle soll diesen Bruch symbolisieren. Die geschwungenen Wände reichen über mehrere Stockwerke hinweg und durchschneiden das Gebäude von einer Seite zur anderen. Weit oben führen zwei Brücken über den Abgrund. Auch sie sind Sinnbilder, Zeichen einer behaupteten historischen Kontinuität. „Der Holocaust ist nicht die ganze Geschichte“, sagt Kossobudzki. „Wir wollen von einem Jahrtausend jüdischen Lebens in Polen erzählen, nicht nur von jüdischem Sterben zwischen 1939 und 1945.“

Noch lässt die Erzählung auf sich warten. Die geplante Dauerausstellung wird in dem Haus im Zentrum des ehemaligen Ghettos erst ab 2014 zu sehen sein. „Wir starten aber bereits jetzt mit Workshops für Schüler und Studenten, mit Konzerten und öffentlichen Debatten.“ Für all das bieten die Hightech-Hörsäle Platz. „Es gibt in Polen wenig Wissen über jüdische Kultur. Das zu ändern, ist unsere Mission“, sagt Kossobudzki. „Wir wollen mit unserer Präsentation niemanden traumatisieren“, versichert der Museumssprecher. Zu viel Tod ist nicht gewollt.

Im Warschau des Jahres 2013 leben nur noch wenige Juden. Vor dem Krieg, den die Deutschen entfesselten und in einen Vernichtungszug durch Europa verwandelten, war das anders. 400.000 Juden wohnten damals in der polnischen Hauptstadt, ein Drittel der Bevölkerung. Heute gibt es in ganz Polen noch rund 20.000 Juden.

Eine einzige von einst über 100 Synagogen ist Warschau geblieben. Das unscheinbare Haus im Süden des ehemaligen Ghettos fügt sich in das Ensemble rund um den Grzybowski-Platz, der vor dem Krieg ein Zentrum jüdischen Lebens war. Etwas versteckt, gegenüber der Allerheiligen-Kirche, führt eine schmale Passage in ein Atriumhaus. Es beherbergt das Jüdische Theater. Hier riecht alles alt, nach Holz und Harz. In einem Nebenraum treffen sich an jedem zweiten Donnerstag die „Kinder des Holocausts“.

Schuld, überlebt zu haben

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Die meisten der Damen und wenigen Herren sind um die 80 Jahre alt. Die „Kinder“ sind ein Verein von Holocaust-Überlebenden und ihren Angehörigen, der kulturelle Veranstaltungen und Reisen organisiert, aber auch therapeutische Hilfe für jene, die das Grauen des Krieges und der Judenverfolgung nicht loslässt. Nicht jeder der Überlebenden will 70 Jahre nach dem Aufstand noch einmal berichten, was er oder sie erlitten hat. Krystyna Budnicka hat für sich eine andere Entscheidung getroffen. „Ich glaube, dass es wichtig ist, Zeugnis abzulegen“, sagt die 81-Jährige und bittet hinüber in den überdachten Innenhof des Theaters, in dem einige Kaffeehaustische stehen.

„Die Geschichte meines Lebens ist eine Geschichte von Verlusten.“ Budnicka erzählt lebhaft. Die dunklen Augen funkeln voller Energie. „Ich war sieben Jahre alt, als der Krieg begann, das jüngste Kind von acht Geschwistern.“ Budnicka überlebt 1943 die Flucht aus dem Ghetto. Ihre Schwester, die sechs Brüder und die Eltern werden in Treblinka vergast oder sterben während des Aufstandes an Hunger, Krankheit, durch Verrat oder im Kampf. „Ich wurde zu einer Waise.“ Bis heute spürt Budnicka „eine diffuse Schuld“, überlebt zu haben.

Anfang 1943 bauen die Brüder einen Kellerbunker im Ghetto, der über einen Tunnel mit der Kanalisation verbunden ist. „Dort habe ich neun Monate lang im Untergrund gelebt“, berichtet Budnicka. „Als der Aufstand tobte, haben die Nazis draußen alles mit Benzin übergossen und angezündet. Im Bunker saßen wir wie in einem Steinofen. In die Kanäle konnten wir nicht fliehen, weil die Deutschen dort Gasgranaten hineinwarfen. Viele von uns hielten es nicht aus und krochen auf die Straße, wo die Nazis mit Pistolen in der Hand warteten und sie alle erschossen.“

Kein Hass auf das Land der Täter

Erst im Herbst 1943, als der Aufstand längst niedergeschlagen ist, schleppen Helfer das elfjährige Mädchen in einem Kartoffelsack „auf die arische Seite“, wie es Budnicka formuliert. Sie sieht mit an, wie die Nazis Warschau 1944 in Schutt und Asche legen. Dem Hass auf die Deutschen verweigert sich Budnicka dennoch. „Was soll dabei herauskommen? Rachedurst führt immer ins Nichts.“

Im Atrium des Theaters wird es still. Lange werden die Stimmen der alt gewordenen Kinder des Holocaust nicht mehr zu hören sein. Die Erinnerung und das Gedenken werden dann endgültig abwandern, aus dem altmodischen Nebenraum des Jüdischen Theaters in das noch steril wirkende Museum am Ghetto-Mahnmal.