Besonders die Gastronomie leidet in Deutschland derzeit sehr unter den Umständen.
Foto: dpa/Henning Kaiser

BerlinDie Ungeduld wächst, die Menschen wollen raus ins Freie, nicht nur weil das Wetter schön ist. Dabei ist es weiter bemerkenswert, mit welcher Umsicht die Bevölkerung auf dem Land und in den Städten sich an Ausgangsbeschränkungen, Kontaktsperren und Reiseverbote hält und diese unaufgeregt in ihren Alltag integrieren.

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In Umfragen wird stets aufs Neue ermittelt, dass ein Großteil der Befragten die Vorsichtsmaßnahmen gegen die Infektionsrisiken für richtig halten. Es ist möglich, eine differenzierte Debatte über die Einschränkung der bürgerlichen Freiheit zu führen und diese trotz aller Einwände doch als vorübergehenden Zustand zu akzeptieren.

Längst ist dabei ein Überbietungswettkampf um die Kopfnoten im Vernünftigsein entstanden. Gesichtsmasken, Einmalhandschuhe, Desinfektionsmittel – auf dem Trottoir des begrenzten Auslaufs ist eine erstaunliche Gestaltungsfreude zu beobachten, als gelte es zu beweisen, dass man nicht geneigt ist, sich weder Kreativität noch Lebensfreude nehmen zu lassen. Unter erhöhtem Anpassungsdruck regt sich das Bedürfnis nach unangepasster Individualität.

Für die politischen Entscheidungsträger hat nun jedoch eine zweite Phase der Ausarbeitung des Ausnahmezustands begonnen. Warum etwa dürfen Einzelhandelsgeschäfte unter bestimmten Bedingungen wieder öffnen, Hotels und Restaurants aber nicht? Und wie verhält es sich mit der magischen 800-Quadratmeter-Marke? Zweifellos ist der Einfallsreichtum zu bewundern, mit dem in den Geschäften Parcours der Abstandswahrung errichtet wurden, die es erlauben, mit verändertem Geschäftsmodell und der Hoffnung auf treue Kunden irgendwie weiterzumachen.

Dennoch spielen sich trotz aller Soforthilfen unter Gewerbetreibenden ökonomische Dramen ab, die es kaum noch zulassen, uneingeschränktes Verständnis für das Wirrwarr aus Verboten, Ausnahmen und Empfehlungen aufzubringen. Mochte man den Föderalismus anfangs als Vorteil begreifen, angemessen auf regionale Besonderheit zu reagieren, so wurde nun immer deutlicher, dass viele Politiker eher danach trachten, sich als entschlossene Regler für höhere Aufgaben zu profilieren. Die vielfach geäußerte Phrase der Ermutigung, dass aus der Not auch Chancen hervorgehen, löst angesichts von streberhaften Entscheidern im Krisenmodus keineswegs bloße Anerkennung aus.

Wie aber weitermachen in einem Land, in dem Festivals abgesagt werden, die Theater geschlossen bleiben und noch immer nicht klar ist, ob Fußballspiele mit oder ohne Publikum oder gar nicht ausgetragen werden dürfen. Es bleibt eine schwierige Balance zwischen pragmatischen und prinzipiellen Entscheidungen, und der Verweis auf Schweden, wo Restaurants und Cafés geöffnet blieben und weiter Pferderennen – wenn auch vor leeren Rängen – ausgetragen wurden, weil sie umsatzstarker Bestandteil einer staatlichen kontrollierten Unterhaltungsindustrie sind, ergibt keinen angemessenen Vergleich. Das skandinavische Land verfügt über eine andere Bevölkerungsstruktur und hat trotz einer ausgeprägten Kultur der Näheverhältnisse womöglich nur Glück gehabt, mit vergleichsweise geringen Infektionsraten davongekommen zu sein.

Über den eigenen Tellerrand

Und doch ist es angebracht, die Unzufriedenheit über den langen Prozess, der uns noch bevorsteht, mit den Verhältnissen in anderen Ländern abzugleichen. Im nigerianischen Lagos, so wurde gemeldet, seien bei der Durchsetzung von Corona-Bestimmungen 18 Menschen von Sicherheitskräften getötet worden. Die öffentlich angegebenen Zahlen über Todesfälle in Verbindung mit Corona-Infektionen sind nur unwesentlich höher. Die Argumentation mit Statistik führt hier jedoch in ein fatales Dilemma. Der Mangel an Schutzkleidung, Tests und medizinischer Versorgung sowie die Unmöglichkeit, sich in den armen Vierteln der westafrikanischen Megalopolis aus dem Weg zu gehen, lässt eine funktionierende staatliche Ordnung und deren weitgehende Akzeptanz in der Bevölkerung selbst als unerreichbaren Luxus erscheinen. Die Corona-Pandemie ruft abermals ein Nord-Süd-Gefälle hervor, dessen Dimension sich beim Blick auf die eigene Ausnahmesituation kaum erschließt.